Der Schauspieler-Regisseur-Künstler-Dozent-DJ Lars Eidinger ist jetzt auch Designer. Seine Aldi-Rip-Off-Ledertasche kostet 550 Euro, Eidinger bewirbt sie mit Fotos von Schlafplätzen Wohnungsloser. Wahnsinn? Ja, mit Methode.

Ein Tausendsassa ist er, der Lars Edinger. Langjähriges Mitglied des Schaubühnen-Ensembles, umtriebiger Filmschauspieler, gefeiert, kritisiert, nominiert, ausgezeichnet. Niemals jedoch ist er nur Schauspieler, nein, er will sich auch nicht auf eine Profession beschränken. Im Interview vergleicht er sich zwar selbstironisch mit dem „Schauspieler im Frühstücksfernsehen, der erzählt, er macht jetzt auch Schmuck“, findet die Beschränkung auf eine Tätigkeit aber einschränkend. Und so ist er eben auch: Kultiger DJ, der übrigens seit 20 Jahren schon Platten auflegt – Authentizität ist in diesem Gewerbe schließlich wichtig –, mittlerweile mit seinen Auftritten teils mehr verdient als mit seinen Theaterengagements und obendrein noch Initiator und Resident seiner eigenen Partyreihe, Künstler sowieso. Und jetzt eben auch Designer.

Einfach in deutschem Leder und für den Gegenwert einer Monatsmiete vorstellen: Eidingers „Verneigung und Wertschätzung dem Alltäglichen gegenüber“ (Bild: SPEX).

Gemeinsam mit Philipp Bree entwarf er eine Ledertasche, pardon, Ledertüte, die als Hommage an die einst vom Künstler Günter Fruhtrunk für den Discounter-Giganten Aldi entworfene Mehrzwecktasche aus Plastik verstanden werden soll. Nur ist Eidingers Tüte eben nicht aus Plastik, kein Massenprodukt, sie wird nicht achtlos aufs Kassenband geworfen, weil sonst gerade kein Tragebehälter zur Hand ist. Stattdessen ist sie streng limitiert, das Leder aus Deutschland, gefertigt wird sie in Polen und kommt mit schlappen 550 Euro quasi zum Selbstkostenpreis daher. Eidinger sagt, er brauche nicht viel, Tüten hätte er lieber als Taschen. Der Vogue gegenüber mokiert er den höheren Wert, den wir Luxusgegenständen beimessen. Seine Kreation hingegen sei „eine Verneigung und Wertschätzung dem Alltäglichen gegenüber.“ So weit, so gut, so unspektakulär. 

Neben der Fashion-Postille übten sich unter anderem auch der Tagesspiegel und die Berliner Zeitung in devoter Berichterstattung an der Grenze zur PR. Immerhin ist’s Lars Eidinger – und die Alditüte ohnehin „Kult“. Nur stellt sich der Schauspieler-Regisseur-Künstler-Dozent-DJ-Designer an das Ende einer Modeerscheinung, die vor ihm schon Emporkömmlinge und angesehene Modehäuser gleichermaßen gemolken haben. 

Die glamifizierte Aneignung des Prekären

Wenn der Modeschöpfer Demna Gvasalia für Balenciaga eine der blauen Ikea-Tasche allzu ähnliche Luxustasche entwirft, ist das für die Netzgemeinde erst einmal lustig und für sämtliche Medienhäuser gleichermaßen faszinierend wie lohnenswert. Weil derartige Aufregerthemen von ihren Leser_innen dankbar aufgenommen werden und ohne großen redaktionellen Aufwand massive Klickzahlen generieren können. Nur steckt hinter der Meme-Mode, insbesondere hinter Gvasalias Label Vetements, noch weitaus mehr als ihr komisches Moment. Vetements Polizei-Capes und DHL-Shirts stehen nicht nur für das Spiel mit der Sinnentleerung von ubiquitären Insignien des Alltagskonsums. 

Verkaufsevents dieser und anderer Artikel in Settings, die das Sprichwort „vom Laster gefallen“ zur Realität werden lassen verdeutlichen schon eher, was Gvasalia als Creative Director bei Balenciaga auf die Spitze führt. Dort werden die praktikablen Plastiklatschen von Crocs, gewöhnlich eher an den Füßen von Niedriglöhner_innen, plötzlich zum plateaubesohlten Luxusklotz. Turnschuh-Turnschuhe, die man früher nicht einmal im Sportunterricht tragen wollte, kommen in ihrer Potenzierung mit gleich dreierlei Sohle und Vorverschmutzung ab Werk, karierte oder gestreifte Taschen mit dem klingenden Namen Bazar erinnern in ihrer kastigen Erscheinung allzu sehr an jene, die an Transitorten von Gaffatape zusammengehalten das Hab und Gut ärmlicher Familien in sich tragen. Über die ausgebeulten und verwaschenen Kleider aus Kanye Wests „Yeezy“-Kollektion bei Adidas wurde oft gewitzelt, sie erschwerten die Unterscheidung zwischen Modemenschen und Wohnungslosen, und auch Gosha Rubchinskiys „Post Soviet“ genanntes Spiel mit der russischen Gopnik-Kultur will zwar als Hommage verstanden werden, gleicht in seiner glamifizierten Aneignung des Prekären aber den vorangestellten Beispielen. 

Parallel zu derartig nihilistischen Modeströmungen wird allenthalben der Niedergang der Gesellschaft nicht mehr beklagt, sondern vielmehr beschworen. Vielleicht sind wir derart betäubt von der uns umgebenden Reizüberflutung, dass uns lediglich zynische Handlungen noch Reaktionen und Gefühle entlocken können. Das kann Ausdruck von Ohnmacht sein, gepaart mit einem gerüttelt Maß an Selbstverachtung. Allein, wenn wir schon willentlich jenen Geld und Ehrerbietung entgegenwerfen, die uns im Gegenzug beschimpfen und der Lächerlichkeit preisgeben, haben wir es vielleicht auch nicht besser verdient. Oder? Eins zumindest steht fest: Der Wahnsinn, er hat Methode.

Die Götzen, die wir verdienen

Eidingers vermeintlich genialer Einfall bedient sich nicht nur derselben Methode, sondern stellt auch in seiner Bewerbung den Zynismus aus, der ihr zugrunde liegt. Der Schauspieler stülpt sich die Tüte auf den Kopf, legt sich in Einkaufswägen, setzt sich auf den Boden von U-Bahn-Stationen oder posiert gleich direkt vor den Schlafplätzen von Wohnungslosen. Gewissermaßen zitiert er sich und seine über Instagram geposteten Fotos von Menschen in prekären Situationen selbst, entblödet sich aber auch nicht einer maximal relativierenden und schlichtweg nicht haltbaren Rechtfertigung: „Wenn ich ein Bild von einem Menschen poste, der schläft oder in einem Einkaufswagen sitzt, dann identifiziere ich mich mit diesem Menschen. Ich führe sie nicht vor. Ich sehe mich in diesen Bildern selbst.“

Die hauptsächliche Schelte für diese Aktion kam wieder einmal aus den Untiefen des Twitter-Empöriums, in dem fast alles, das irgendwie aufregend ist, im Schnelldurchlauf erhitzt und verdampft wird, während sich die Welt gemächlich weiter dreht. Wenn die mangelnde Empörung ob Armut und Wohnungsnot gegenüber der aufbrandenden Entrüstung über Eidingers Tasche in die Waagschale geworfen wird, sieht das natürlich unverhältnismäßig aus. Umgekehrt lässt sich aber auch fragen, wieso gestandene Zeitungen im Vorfeld derart unkritisch berichteten – und wieso es erst die Twitterblase braucht, um den zynischen poverty porn als das zu entlarven, was er ist?

Jede Kultur betet zu den Götzen, die sie verdient. Manchmal sind diese Götzen Menschen, die sich als Schauspieler_innen berechtigten Ruhm erspielt haben. Manchmal wollen sie sich aber nicht nur darauf beschränken. Dann agieren sie darüber hinaus bewusst trashig als DJ, nennen die zugehörige Veranstaltungsreihe „Autistic Disco“, bezeichnen in Interviews Frauenfußball als Fall für die Paralympics oder animieren als Hamlet auf dem Höhepunkt der #metoo-Debatte das weibliche Publikum dazu, „Gangbang“ zu rufen und lichten im Namen der Kunst Wohnungslose ab, weil sie sich mit „ihnen identifizieren“. Oder sie bewerben eben eine überteuerte Alditüte aus Leder vor den Lagern eben jener Menschen und stellen in den dazu geführten Interviews den Luxus der eigenen Lebensunfähigkeit zur Schau. Zwinker, zwinker!

Nur was für eine Kulturszene ist es, die eine derart nach unten tretende Aktion feiert? Die sich in den Ironielayern eines Lars Eidingers verheddert? Und was wollen Menschen darstellen, die sich für dreistellige Beträge mit Luxuskopien von Armutsinsignien behängen?