Jan-Ole Gersters neuer Film Lara erzählt von einer Frau, die an ihrem 60. Geburtstag von ihren verpassten Chancen eingeholt wird. Der Regisseur selbst macht es lieber andersherum. Ein Spaziergang.

Im Rogacki ist immer der richtige Zeitpunkt für Weißwein. Ehepaare trinken an den Klapptischen unter der Markise des Feinkostladens gepflegt das erste oder dritte Glas, flamingorot und gelb verfärbtes Herbstlaub sinkt auf die sonst so nüchterne Wilmersdorfer Straße. Jan-Ole Gerster, Regisseur des Films Lara, der am 7. November in den deutschen Kinos anläuft, steigt in dunkelblauem Mantel und passendem Strickpullover aus dem Taxi. Ein großer Mann, das Haar lose nach hinten gegelt, der Teint rosig. Seine Tasche sei ganz leicht, versichert er der besorgten Agentin auf ihre Frage hin, ob er die wirklich auf den Spaziergang durch Charlottenburg mitnehmen wolle. Hier in diesem Viertel spielt auch sein neuer Film, der einen Tag aus dem Leben der titelgebenden Hauptfigur erzählt – grandios verkörpert von Corinna Harfouch. Lara hat über all die Jahre hinweg so viel unterdrückt, so viel Grant, Frust und vielleicht auch Ambitionen, dass es irgendwann nur noch zwei Auswege zu geben scheint: Den Sprung aus dem Fenster ihrer Wohnung im Berliner Hansaviertel, hinein in den blaugrauen Dunst eines Spätherbst-Morgens. Oder aber einen Ausbruch am Klavier, eine wütende Eruption an Tönen, die sich am Ende eines langen Tages über den nichtsahnenden Nachbarn ergießt.

„Es ist schon eher unaufgeräumt in ihr”, sagt Regisseur Gerster über seine Figur Lara (Foto: Dominik Maringer).

Im Rogacki wandert Gerster von Vitrine zu Vitrine, von Aspikspießchen zu Gänseleber zu Karpfen. Dampf steigt aus der Fischräucherei auf, der Verkäufer in grüner Schürze beschreibt die Vorzüge dieses oder jenen Süßwasserfischs. An einem der Stehtische, an dem Gerster jetzt ein Glas Weißwein trinkt, legt auch Lara an diesem atemlosen 60. Geburtstag einen kurzen Boxenstopp ein. Sie hat mittlerweile all ihre Ersparnisse abgehoben und sämtliche Restkarten des Konzerts ihres Sohnes Viktor aufgekauft, der am Abend sein Debüt als Komponist geben wird. Diese Tickets verteilt sie jetzt an alle Menschen, die ihr so einfallen. An alte Kolleginnen. Den ehemaligen Klavierlehrer. Viktors Freundin. Denn der Abend ist auch für Lara von großer Bedeutung. Irgendwann, vor langer Zeit, wollte sie selbst einmal Pianistin werden. Und die Beziehung zu ihrem Sohn ist mittlerweile mindestens so unterkühlt wie die riesigen Hummer, die hier im Rogacki auf dem aufgeschütteten Eis ihre erstarrten Beine von sich recken.

„Es sind Zwänge“, erklärt Gerster, als wir den Laden verlassen und Richtung Norden laufen, in einen Teil Charlottenburgs, in dem wir uns beide nicht auskennen. „Sie kann nicht raus aus ihrer Haut. Es muss ganz schlimm sein, Lara zu sein. Diese ganzen Turbulenzen, die sie in sich trägt … Es ist schon eher unaufgeräumt in ihr.“ 

Wenn Gerster mit leiser, unaufgeregter Stimme über seine Figuren spricht, dann klingt das sehr vertraut. Und so ist auch der Blick der Kamera auf seine Protagonist_innen ein sehr zugewandter. 98 Minuten langen dürfen die Zuschauer_innen Corinna Harfouch dabei beobachten, wie das aussieht, wenn man doch weiterlebt. Wenn man den 60. Geburtstag, auf den man gut und gerne hätte verzichten können, mit aller verfügbaren Kraft durchzieht und einem dabei immer wieder der verdammt hohe Anspruch an sich selbst und die Anderen im Weg steht. Lara erspart an diesem Tag niemandem irgendetwas, weder sich noch ihren Mitmenschen. Auf der Suche nach ihrem Sohn fährt sie zu ihrer Mutter, einer magenbitteren alten Frau, die den Apfelkuchen selbstredend für den Enkel reserviert hat, nicht für das Geburtstagskind. Ihren ehemaligen Klavierlehrer, der ihr damals jegliches Talent abgesprochen hat, jagt und umzingelt Lara so lange, bis sie ihn schließlich in einer Brasserie stellt. „Mit dem hat sie nämlich noch ein unfinished business“, sagt Gerster. „Lara muss von dieser Instanz hören, dass ihr Sohn gut ist. Überhaupt startet sie an ihrem 60. Geburtstag den Versuch, mal ganz anders aufzutreten. Sie bietet alten Kolleginnen das Du an, kauft sich sogar ein richtig gewagtes Kleid.“

„Lara hat einen eher altmodischen Begriff von Qualität, in einer Zeit, in der man auch mit Mittelmäßigkeit weit kommen kann”

„Um die Ecke soll es einen Laden geben, in dem man Kleider mieten kann“, sage ich. „Können wir ja mal hingehen“, sagt Gerster. Ja, genau, können wir ja mal machen. Wir können ja auch mal diesen merkwürdigen Pfad entlanggehen, der vermeintlich eine Sackgasse ist und schließlich doch zum alten Stadtbad führt. „Sieht ein bisschen nach Bielefeld aus“, meint Gerster, als wir vor dem Rest eines runden, sakralen Gebäudes stehen, hinter dem die rot-weiße Fassade eines Wohnblocks aus den Siebzigern aufragt. „Vielleicht gehen wir da mal hin. Bielefeld in Berlin, könnte die Überschrift lauten.“ Die Überschrift von was, frage ich nicht. Denn vielleicht gehen wir da einfach mal hin und dann weiter zur Bismarckstraße, dieser vielspurigen Magistrale, von der aus man bis in den Grunewald gucken kann und von der Gerster sich sicher ist, dass eine Überquerung einem Suizidversuch gleicht. „Ja komm, mach, mach!“, ruft er bei der ersten Lücke und wir rennen los.

Dass Berlin in seinem neuen Film eine prominente Rolle spielt, wie auch in seinem Debütfilm Oh Boy, hört er nicht so gern. „Es war mir schon genug, dass ich ein Drehbuch gefunden habe, dass wieder einen Tag erzählt. Nicht, dass man mir irgendwann Ideenlosigkeit vorwirft! Aber trotzdem ist mir die erzählerische Kraft von Motiven sehr wichtig. Dass man nicht sagt, scheißegal, wo wir das drehen, eine Kneipe ist eine Kneipe und ein Konzerthaus ein Konzerthaus.“

Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn ist in „Lara” mindestens so unterkühlt wie die riesigen eisgekühlten Hummer im Rogacki (Foto: Dominik Maringer).

Gerster wohnt in Prenzlauer Berg, kann Charlottenburg aber ziemlich gut leiden: „Früher war das eher der Bezirk für Leute, die zehn, zwanzig Jahre älter waren als man selbst. Jetzt ändert sich das ein bisschen, dieses Gutbürgerliche hat schon auch so seine Vorzüge. Die Kellner tragen weiße Oberhemden mit schwarzer Krawatte und Schürze … Wenn man ganz wohlgesonnen drauf blickt, erinnert es fast ein bisschen an Paris.“

Seine Drehbücher schreibt er gern in Cafés, das sei ein bisschen so, wie wenn Kinder beim Schlafengehen wollen, dass die Tür einen Spalt breit offen bleibt. „Damit man die Erwachsenen in der Ferne noch brodeln hört.“ Diese feinen Beobachtungen und behutsamen Bilder machen auch die Stärke von Gersters Filmen aus. Und so werden die kleinen Grausamkeiten und Verletzungen, die die Figuren sich gegenseitig zufügen, oft nur ganz subtil erzählt. Nach der frustrierenden Begegnung mit ihrem Klavierlehrer, der sie zunächst nicht einmal erkennt, zieht Lara auf einer öffentlichen Toilette ihr neues Kleid ohne Kommentar wieder aus und wirft es in den Müll. Es scheint plötzlich nicht mehr zu passen, sie muss zurück in die alte Lara-Uniform, wie Gerster es ausdrückt. Und als sie ihrem Sohn nach dessen großem Auftritt in der Brasserie begegnet, in der beide gelandet sind, sie mit ihrer Gruppe, er mit seiner, stehen sie kurz sehr nah beieinander und gehen schließlich doch wortlos aneinander vorbei. Was gibt es auch zu sagen, nachdem sie am Nachmittag seine Partitur vollkommen verrissen hat, wenige Stunden vor dem wichtigsten Konzert seiner bisherigen Karriere? „Aber sie hat es versucht“, sagt Gerster. „Sie hat es wirklich versucht. Vielleicht wollte sie ihn damit sogar schützen. Lara hat einen eher altmodischen Begriff von Qualität, in einer Zeit, in der man auch mit Mittelmäßigkeit weit kommen kann. Das ist für sie eben nie eine Option gewesen.“

Wir laufen auf eine große Backsteinkirche zu, um die Ecke gibt es einen Gitarrenladen, in dem Gerster sich beinahe eine Gitarre gekauft hätte. Jetzt hat er eine gebrauchte aufgetrieben und wird, vielleicht, vielleicht, eines Tages doch nochmal in Johnny-Cash-Manier mit einem Spätwerk um die Ecke kommen. „Und jetzt setzen wir uns da gleich auf eine Bank und rauchen eine“, sagt er. Seit kurzem hat er eine neue gute Freundin, eine 70-jährige ehemalige Opernregisseurin und Szenenbildnerin. Es sei wichtig, nicht nur Freunde im gleichen Alter zu haben, sagt er und zündet sich die erste Zigarette an. Sonst würde man ja nur noch herumhängen und sich erzählen, wo es den besten Kaffee gibt, Kitafragen besprechen oder gemeinsam überlegen, ob man langsam mal eine Wohnung kaufen sollte.

Man könnte natürlich das Bild bemühen, dass auch mit Lara alles etwas größer und erwachsener geworden ist. Nicht nur, weil die Hauptfigur nicht mehr Anfang Zwanzig sondern Anfang Sechzig ist, sondern auch weil das Budget bei diesem Projekt viel höher war, die Erwartungen. Und sich dadurch auch die Art zu drehen änderte: „Bei Oh Boy hatte ich weniger Geld, dafür war alles spontan machbar und flexibel“, sagt Gerster. „Wie eine Klassenfahrt mit Freund_innen. Und dann bist du auf einmal auf einem riesigen Containerschiff. Wenn du dann sagst, du, wir müssen mal bremsen, wir müssen wenden, hast du auf einmal einen Bremsweg von dreißig Kilometern! Du kommst morgens ans Set und denkst: ‚Huch, was wird denn hier gedreht?‘ Bis du realisierst, dass das dein Fuhrpark ist, der hier die ganze Straße blockiert und wegen dem gerade die Autos der Anwohner_innen abgeschleppt werden.“

Im Feinkost Rogacki ist immer der richtige Zeitpunkt für Weißwein (Foto: Dominik Maringer).

Überhaupt hatte der Dreh so seine Tücken. Ein Konzertsaal musste her, aber es ließ sich keiner finden, in dem Gerster länger als ein paar Tage hätte drehen dürfen. Am Ende wurde das Konzert an sechs verschiedenen Orten gefilmt und hinterher aus den Einzelmotiven eine Art Fantasiekonzerthaus zusammengefügt. Grundrisse wurden übereinander gelegt, Stilepochen verglichen, immer wieder mussten Gerster und sein Team sich fragen: Glaubt man das? 

Langsam wird es kühler, in den Häusern am Platz gehen die ersten Lichter an. Gerster besteht darauf, den Platz mit mir zu tauschen, damit mir der Wind den Rauch seiner zweiten Zigarette nicht ins Gesicht weht. In bestimmten, sehr aufregenden Phasen rauche er viel, meint er. Besonders jetzt, so kurz vor der Premiere. „Aber ich will dir mal eins sagen. Es gibt so einen ganz bestimmten Moment. Und zwar ist das der, in dem man den Film zum letzten Mal ansieht, bevor er dann rausgeht. Da sitzen alle zusammen und schauen, ob die Untertitel sitzen und die Retuschen, ob die Mischung und die Farbkorrektur stimmen und so weiter. Und das ist dann von allen Dingen, die noch kommen oder auch nicht kommen, der allergrößte Glücksmoment. Du triumphierst kurz über dich selbst. Und du weißt, egal, was später passieren wird, wenn der ganze Irrsinn losgeht: I did it. Ich hab’s einfach gemacht.“

Und weil jede_r Regisseur_in einmal so ein „Megalomania-Projekt“ braucht, einen „völlig wahnsinnigen Film im Werner Herzog’schen Sinn, bei dem man entweder auf ganzer Linie scheitert oder aber hinterher einen Riesenfilm hat“, deswegen möchte Jan-Ole Gerster sich als nächstes wieder um seine Idee kümmern, Imperium von Christian Kracht zu verfilmen. Der Roman erzählt die wahre Geschichte eines deutschen Aussteigers und fanatischen Vegetariers, der Anfang des 20. Jahrhunderts auf einer Südseeinsel eine Kokosnussplantage errichtet und einen ganzen Kult rund um diese Frucht aufbauen möchte. Klingt auf jeden Fall so, als böte der Stoff eine gute Grundlage für ein sympathisch größenwahnsinniges Filmprojekt. „Und jetzt sitze ich mit den Anderen so über den Landkarten, wie die Kolonialherren“, sagt Gerster. „Und überlege, wo wir den Film am besten drehen könnten. ‚Okay, hier wäre Papua-Neuguinea‘, sagen wir dann, ‚vielleicht bissl riskant, ginge nicht auch Australien oder Indonesien?’ Das wird bestimmt die schönste Motivsuche der Filmgeschichte.“ Gerster drückt seine Zigarette im Kies aus. „Und für den Fall, dass alle Stricke reißen, habe ich auch einen Notfallplan. Dann drehen wir den Film einfach mit unseren I-Phones im Tropical Island.“

Lara
Regie: Jan-Ole Gerster
Mit Corinna Harfouch, Tom Schilling, André Jung u.a.
Ist am 07.11. gestartet