Land Of Talk

Sie nannte es früher immer das ›Land of Talk‹, weil dort so viel geredet wurde, doch nie was passierte. Montreal würde demnach heute wohl voller Luftschlösser stehen, stattdessen hat es eine der umtriebigsten Musikszenen der Welt. Davon konnte Elisabeth Powell jedoch nichts ahnen, als sie ihrer Band dem für damalige Verhältnisse passenden Namen gab. So existiert das Land Of Talk jetzt nur noch als Band – über die wiederum momentan viel geredet wird. Dass Powells Mutter die erste Alligatoren-Dompteuse Nordamerikas gewesen sei. Dass ihr der dünnste Gitarrist und der dickste Bassist der Stadt zur Seite stehen. Dass sie die nächste P.J. Harvey bzw. Courtney Love bzw. Suzanne Vega sein könnte.

    Auf alle Fälle weiß Elisabeth Powell, wie man eine Gitarre traktiert, die Stimmbänder überstrapaziert und wie man Wut buchstabiert – so wie das ein echtes Riot Grrl eben tut. Mit anderen Worten: Für diese Platte ist es wieder 1993 und man bekommt Riesenlust, die alten Sonic Youth-, Sleater Kinney-, Breeders- oder auch Dinosaur Jr.-Scheiben hervorzukramen. So war das: aus dem letzten Gedröhne, aus jeder Dissonanz schält sich letztlich doch immer Melodie, die dann auch umso länger im Ohr bleibt. Es klingt nach schnell hingerotzter Demo-Aufnahme und ist doch fein geschliffene Song-Perle, wie etwa »Summer Special« oder »All My Friends«, die in den Best-Song-Listen von 1993 bestimmt Erwähnung gefunden hätten.

    Back to the old days of »Alternative« also, ganz nostalgisch und den Blick immer auf das Original? Eine Kopie der Originale – nicht mehr? Möchte man meinen, dem ist aber nicht so. Bei Land Of Talk steckt kein Revival-Kalkül dahinter, kein »Hey Produzent trimm das doch mal auf ›damals‹!«. Es gehört einfach so roh. Man muss nur den Das-muss-jetzt-einfach-raus-Überschwang des Openers »Speak To Me Bones« auf sich wirken lassen. Wie das rumpelt und rummst und wie egal es ist, ob nun der richtige Ton oder die Snare unter Volldampf getroffen ist. Kann doch nur echt sein! Dazu Textzeilen wie diese: »Stop hitting on girls you love / Stop spitting on girls you love«. Wut buchstabiert auf Postergröße. Ein Riot Grrl von heute.

    Und doch werden wir in einer Hinsicht verarscht: denn das Debüt-Album ist eigentlich gar keins, sondern nur eine EP, das war »Applause Cheer Boo Hiss« zumindest in den USA und Kanada und wurde für den europäischen Markt mit ein paar Bonustracks eine Nummer größer aufgebläht. Man braucht nicht viel Sachverstand, um zu hören, welche das sind.

LABEL: One Little Indian

VERTRIEB: RTD

VÖ: 19.10.2007

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