Land Observations The Grand Tour

Land Observations The Grand Tour ist eine musikalische Bildungsreise für den urlaubenden Kopf.

Das Bild von der Klangreise ist eine der meistbemühten Formulierungen in der Musikkritik, getoppt höchstens vom Kopfkino. Wer etwas auf sich hält, versucht beides zu vermeiden. Der britische Musiker und bildende Künstler James Brooks hat jedoch kein Problem mit dem ersten Begriff. Nachdem sich seine von Krautrock à la Neu! und Tortoise beeinflusste Band Appliance 2003 aufgelöst hatte, beschäftigte sich Brooks intensiv mit Musikern wie John Fahey und Acts von dessen Takoma-Label und fasste den Entschluss, nie mehr in einer Band zu spielen. Er nannte sein Soloprojekt Land Observations, um genau das aufzunehmen: Landschaften, musikalische Reisen. Rein instrumental und mit nur einem Instrument, seiner Gitarre. Daniel Miller war beeindruckt von diesem maximal minimalistischen Konzept und veröffentlichte das Land-Observations-Debüt Roman Roads IV–XI im Jahr 2012 auf seinem Label Mute.

The Grand Tour – der Titel verweist auf Bildungsreisen europäischer Adliger und Großbürger vorwiegend im 18. Jahrhundert, auch »Kavaliersreise« oder »Junkerfahrt« genannt – knüpft an Roman Roads IV–XI an, ohne sich zu wiederholen. Die Orte sind ja auch andere. Angesichts von Songtiteln wie »On Leaving The Kingdom For The Well-Tempered Continent« oder »From The Heights Of The Simplon Pass« fällt der Traveller-Duktus leicht: Die Tracklist ist das Fahrtenbuch, man geht erwartungsvoll auf grand tour. Verhalten, zögerlich beginnt die Reise, gewinnt an Tempo, wird von Bergketten gebremst und von steilen Abfahrten (»Nice To Turin«) beschleunigt, man verirrt sich im Wiener Straßengeflecht und überquert wie jährlich Millionen Urlauber »The Brenner Pass«. In der Schweiz, »On Observing The Matter Valley«, klingt die große Tour sanft und prächtig aus.

Dass die Bildungsreise kein bisschen sonderbar wirkt, sondern einladend, spannend und herausfordernd, liegt an Brooks’ Credo, nicht nur kein Mitglied einer Band, sondern auch kein Komplettist sein zu wollen. Er mag die Idee von Anfang und Ende einer Sache nicht und loopt deshalb seine klaren Licks, bis man tatsächlich die Landschaft vom Flachland bis zu den Alpen an sich vorbeiziehen sieht. Wichtig: Die Reise ist als Zugfahrt gedacht, keinesfalls per Auto, das im Stau stehen oder gegen einen Baum donnern könnte und vor allem die volle Aufmerksamkeit der Fahrerin beansprucht. Rausgucken, während die Räder rollen und rollen und rollen, die Gedanken schweifen lassen, ein paar Seiten lesen, eindösen und inmitten sonnenbeschienener Berge aufwachen – herrlichstes Kopfkino.

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