Lana Del Rey

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   Dass sich Menschen, die Musik für junge Leute machen, die Spritzen nicht nur gelegentlich in den Unterarm, sondern manchmal auch in die Lippen stecken, demonstriert die Amerikanerin Lizzy Grant in ihrem selbstgedrehten Video zur Single Video Games eindrucksvoll. Meist sieht man solche aufgepumpten Lippenpaare in US-Pornos oder auf über Prominente mit sinkendem Stern herfallenden Klatschseiten. Im Falle der 24-jährigen Chanteuse und ihrer sehnsuchtsschweren Soulballade mit den überzuckerten Wenn du jetzt nicht weinst, hast du kein Herz-Streichern ist der unabstellbare Schmollmund zusätzlich bedauerlich, weil man ihn zwischen all den angegilbten Found-Footage-Schnipseln immer wieder zu sehen gezwungen wird.

   Diese Footage-Schnipsel sind dafür umso erquicklicher: Man sieht im Zeitraffer sich öffnende Rosenblüten neben ins Schwimmbecken hopsenden, angenehm undurchtrainierten Jugendlichen und mal mehr, mal weniger geschickte Absolventen drolliger Skaterparcours. Super-8-Urlaubsfotos stehen unverbunden neben Snippets alter Nachrichtensendungen, grobkörnigen Starsand-Stripes-Fahnen, hübschen Leuchtreklamen und Paparazzi-Jagden auf besoffene Starlets, die Mühe haben, einen sturzfreien Weg in ihre Luxuslimousinen zu finden. All dem ist durch die Patina restaurierungsbedürftig-zerschlissenen Filmmaterials mit ausgeblichenen Farben, Oberflächenkratzern und brüchigen Schnittstellen Nostalgie eingeschrieben.

   Es ist der klassische Fall einer Form, die selbst einen Inhalt transportiert, statt ihn bloß auszudrücken. Denn egal, was auf solchem Filmmaterial zu sehen ist – immer wird die Bedeutung Es ist vorbei! übermittelt. Der Torch Song, den Grant unter ihrem Alias LANA DEL REY singt, ist wirklich sehr schön. Das allerdings schon seit 50 Jahren. Auf einer Metaebene passt das wiederum gut zum retroistischen Vergeblichkeitspathos von der uneinholbaren Vergangenheit ihres Videos. Grant, die Tochter eines wohlhabenden Internetdomain-Händlers, möchte hier Nancy Sinatra, Marianne Faithfull und Tori Amos in Personalunion geben. Sie mimt die Grande Dame mit den XXL-Gesten und XXL-Gefühlen, die so gerne einen Würdigen lieben würde, den sie aber nicht finden kann, weil der ja bis zu den Tiefen ihres unergründlichen Geheimnisses vordringen müsste – was selbstverständlich gar nicht möglich ist.

   All das beinhaltet also ganz schön viel Arztroman. Wenn sie da an die Wand gelehnt in ihre Webcam blickt und sich vom Gesichtsdisplay her nicht so recht zwischen den Modellen fragiles Reh in kalter Welt und unnahbare Diva ohne Sensorium für die mikrobengroßen Würstchen namens Mitmensch entscheiden kann, sieht das in Tateinheit mit dem Großeinkauf beim Silikondiscounter doch weniger nach glamourösem Leben am Sunset Boulevard als nach White Trash im Trailerpark aus. Man hat dennoch ziemliche Mühe, Lana del Rey, dieses Abziehbild mit Magie, doof zu finden und sich dem von ihr bereiteten guilty pleasure zu entziehen. Wie Lady Gaga ist sie ein Kunstprodukt. Kein Gefühl, das nicht bloßes Zitat eines anderen wäre. Man kennt die Liebe, schließlich war man im Kino. Der Unterschied liegt darin, dass bei Gaga klar erkennbar ist, dass sie weiß, was sie tut. Ob das auch auf Lana del Rey zutrifft, die manchmal wie ein bitterböser Hollywoodsatirischer Scherz von David Lynch wirkt, muss sich erst noch erweisen.

   Lana Del Rey Video Games erscheint am 14. Oktober digital bei Strange Music / Universal. Die 7" folgt am 17. Oktober. Im November ist die US-Amerikanerin für zwei Konzerte in Deutschland.

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VIDEO: Lana Del Rey Video Games (Regie: Lana Del Rey)


VIDEO: Lana Del Rey Video Games (Live bei Later… with Jools Holland)


VIDEO: Lana Del Rey Blue Jeans (Live at the Premises)

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LANA DEL REY live:
12.11.11 Köln – Gebäude 9
14.11.11 Berlin – Roter Salon

2 KOMMENTARE

  1. […] “Wie Lady Gaga ist sie ein Kunstprodukt. Kein Gefühl, das nicht bloßes Zitat eines anderen wäre. Man kennt die Liebe, schließlich war man im Kino. Der Unterschied liegt darin, dass bei Gaga klar erkennbar ist, dass sie weiß, was sie tut. Ob das auch auf Lana del Rey zutrifft, die manchmal wie ein bitterböser Hollywoodsatirischer Scherz von David Lynch wirkt, muss sich erst noch erweisen.” [SPEX] […]

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