Lana Del Rey »Honeymoon« / Review

Noch mehr Emanzipation von der Emanzipation: Die Del Rey feiert einen weiteren Honeymoon.

Wetten, dass Lana Del Rey in der kommenden Twin-Peaks-Revival-Staffel auftauchen wird? In irgendeiner Form? Als Kellnerin, Nutte oder negligierte Nachtclubchanteuse, vielleicht ja auch all das in Personalunion? Die Songs ihres neuen Albums Honeymoon jedenfalls reichen locker für die nächsten Jahrzehnte an David-Lynch-Output.

Schläfrig und lang-fake-bewimpert säuselt die Hohepriesterin des Sepia-Sadcore-Soul mit sanften Todesengelszungen die immer gleichen Lieder von romantizistisch-kranker Larger-than-life-Liebe. Für die Frau bedeutet solche Liebe thanatophile Selbstaufgabe. Ihr Gegenstand sind unverbildete, ausdiskutierunlustige Männer. Statt ihren Müll zu trennen und sich für gesunde Möhrensäfte in der Schulspeisung starkzumachen, lassen sie Mädels laufen, fahren dicke Autos zu Schrott und blicken, wie es im Titelsong »Honeymoon« heißt, auf eine »history of violence« zurück.

Man könnte natürlich fragen: Mein Gott, was für reaktionäre Frauen- und Männerbilder werden denn hier wieder zelebriert? Frauen, die mit wehendem Haar auf sturmumtosten Felsen stehen – solche Kitschbilder wurden auf früheren Del-Rey-Alben immerhin durch gut verteilte Prisen des Görenhaft-Ordinären gleich wieder interessant beschädigt. Wenigstens wissen die Lieder der Del Rey, dass Sexualität keine gesteigerte Form von Kommunikation ist, sondern mit Gewalt und Tod zu tun hat. Yeah! Dennoch mag man niemandem widersprechen, der die von der einstigen Teenage-Alkoholikerin und späteren langjährigen ehrenamtlichen Sozialarbeiterin entworfenen Rollenbilder gestrig findet. Man könnte aber entgegnen: Lana Del Rey hat sich von der Emanzipation emanzipiert.

Mit ihrem dauermatten und des Öfteren hypnagogisch verhallten Gehauche, Geschmachte und Geflüster folgt Del Rey einer Ästhetik des Vergehenden. Der Klanghintergrund ist dabei noch dezenter als beim Vorgänger Ultraviolence (2014). Die verhaltene Slo-Mo-Melancholie Angelo Badalamentis lässt ebenso grüßen wie die ornamentale L’art-pour-l’art-Schwermut früher 4AD-Protagonisten wie This Mortal Coil und der mediterrane Schmelz eines Ennio Morricone. Auch die späten Cocteau Twins werden evoziert, und Scott Walkers Alben Scott 1 bis 4 hat die ehemalige Vorsängerin eines katholischen Kirchenchors sowieso im Plattenschrank.

Auf Honeymoon herrscht wie immer bei Del Rey Antisemantismus: Statt Bedeutungen gibt es Stimmungen. Aber sagen Sie das mal einem Philosophen der Stimmung wie Martin Heidegger (der der ehemaligen Philosophiestudentin Del Rey mit ihrem Abschluss in Metaphysik gewiss ein Begriff ist)! Manchmal gleicht Honeymoon auch bedenklich einem glanzvoll inszenierten Nichts. Aber sagen Sie das mal einem Buddhisten oder einem Leere-Umarmer wie Andy Warhol (wie hätte er sie geliebt!)!

Lange kann Del Rey die narkotische Downtempo-Balladen-Nummer allerdings nicht mehr bringen. Schon jetzt fehlt bei aller Grandeur ein wenig die Abwechslung, beim Tempo wie beim Gesangsduktus. Und mittlerweile gibt es auch nicht mehr die charmanten Töneverfehler und stimmlichen Zu-viel-Woller. Selbst optisch hat eine gewisse Solidität Einzug gehalten. Dabei waren doch immer gerade die Momente so schön, in denen das Damenhafte in White-Trash-Vulgarität kippte.

Immerhin: Dieser eine Song, den sie das einer Endlosengtanzparty gleichende Album über singt, ist großartig. Und man muss sich über ihre Zukunft keine Sorgen machen. Sie liebt die Musik, ist hochintelligent und in ihrem Herzen ein Punk. Es ist paradox, aber nicht absurd, bei solchen Popularitätswerten noch einmal zu betonen: Man darf Lana Del Rey niemals unterschätzen.

1 KOMMENTAR

  1. Es geht um Gefühl…. Warum berührt sie dann nicht? Alles wirkt aufgesetzt und inszeniert , ein Klischee wird bedient …. Von Authentizität kann man nur träumen… Das gelingt anderen sehr viel besser…

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