Laibach „The Sound of Music“ / Review

Cover: Laibach „The Sound of Music“

Drei Jahre nach Laibachs Auftritt in Pjöngjang und ein Jahr nachdem die Dokumentation darüber in die Kinos kam, liefert die Band nun auch das Album dazu. The Sound of Music heißt es, womit nicht allein an den in Nordkorea allseits beliebten Kitschfilm von 1965 verwiesen wird, sondern auch auf die ähnlich verzerrten, verlogenen Propagandabilder des nordkoreanischen Regimes. 

Zuerst schien es nur ein guter Scherz: Laibach, deren ironisches Spiel mit totalitärer Ikonografie schon etwas in die Jahre gekommen war, hatten Konzerte im letzten totalitären Land der Welt angekündigt. Dann wurde langsam klar: das war völlig ernst gemeint. Und als die slowenische Band tatsächlich im August 2015 nach Nordkorea reiste, bekam man es etwas mit der Angst, ob die Kulturfunktionäre nicht spätestens vor Ort merken würden, dass Laibach das Gehabe mit den Uniformen oder den martialischen Marschrhythmen gar nicht so ernst meinten wie das Regime in Pjöngjang.

Nun, es lief alles glimpflicher und sowieso anders ab als man erwartet hatte. Ein instruktiver Dokumentarfilm über die Exkursion ins Reich des Bösen erzählt die ganze Geschichte. Liberation Day kam letztes Jahr in die Kinos. Und nun liefern Laibach auch ihr überfälliges Nordkorea-Album nach. Es heißt The Sound Of Music, ganz wie der 1965 gedrehte Kitschfilm vom Kitschmusical, das die stark geschönte Geschichte der erzkatholischen Familie Trapp erzählt, die in Amerika mit ihrem Kinderchor Furore macht. Während die Verfilmung mit den Songs von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein bei uns nahezu unbekannt ist, gehört sie in Amerika zu den erfolgreichsten Musicalfilmen überhaupt. Und auch in Nordkorea liebt man The Sound Of Music.

Ein Blick auf die totalitäre Rückseite der Popkultur.

Just deswegen spielten Laibach bei ihren Auftritten hauptsächlich Stücke daraus, wie etwa den Alpenschlager „Edelweiss“ oder den Katalogsong „Favorite Things“. Anders als die grandiosen new originals, mit denen Laibach bekannt wurden, werden hier die Kulturindustrieprodukte keiner radikalen Revision unterzogen. Aber es reicht auch schon, wenn Sänger Milan Fras wie ein alterslüsterner Perversling das heranwachsende Mädchen auf „Sixteen, Going On Seventeen“ (mit geändertem Text) ansingt, um den abgrundtief sexistischen Charakter des Stücks freizulegen.

Die Songs auf The Sound of Music werden in ihrem ideologiekritischen Potenzial erst voll erkennbar, wenn sie von Laibach live gespielt werden. Dann nämlich führen die grandiosen Visuals die erstaunliche Nähe, teilweise sogar die Deckungsgleichheit zwischen dem Alpenheimatkitsch des Hollywoodfilms und den verlogenen Propagandabildern des nordkoreanischen Regimes vor. Laibach beweisen damit mehr als nur, dass schlechter (Musik-)Geschmack offenkundig universell ist. Wieder einmal decken sie clever die totalitäre Rückseite der Popkultur auf. Wenn die politischen Schmierenkomödianten an der Spitze von Nordkorea und den USA sich das nächste Mal treffen, sollte man dazu auch Laibach einladen.

Diese Albumkritik ist auch in SPEX No. 383 erschienen. Das Heft ist versandkostenfrei im Onlineshop bestellbar.

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