Laibach in Hamburg

Laibach   FOTO: Robin Hinsch

Laibach marschieren dieser Tage wieder auf den hiesigen Bühnen auf. Bis heute gilt: Das stärkste Mittel dieser Band ist die seltsam humorlose Ironisierung. Ein Konzertbericht mit Galerie.

Nur noch einmal vorweg, es sollen ja noch immer derartige Missverständnisse anfallen: Ist das Kunst oder Faschismus?

»Wir sind so sehr Faschisten, wie Hitler ein Maler war«, antworteten Laibach einmal auf eine ähnliche Frage. Seit ihrer Gründung im Jahr 1980 hat die damals jugoslawische, heute slowenische Band viele Höhen und noch mehr  Tiefen künstlerischen Schaffens durchlaufen: Suizid ihres ersten Sängers Tomaž Hostnik nach gerade einmal zweijährigen Bestehen, Zensur und die düsteren Vorahnungen eines dritten Weltkrieges, den der kalte Krieg bei den Menschen heraufbeschwor. Alles von Laibach Geschaffene, sei es in der Musik oder den interdisziplinären Kooperationen des Künstlerkollektivs NKS (Neue slowenische Kunst), besteht aus Symbolik.

An der Auseinandersetzung mit der psychologischen Übermacht der deutschen Nazi-Ideologie, ihrem überwältigenden Militarismus und pervertierten Menschenbild, kommt man da schwerlich vorbei. Laibach treiben die fast schon mystische Faszination für diesen grausamen Abschnitt menschlicher Geschichte auf die Spitze. Jedoch nicht ausschließlich. Ihr Werk kritisiert vielmehr faschistoide Systeme und Tendenzen weltweit – und das in seltsam humorloser Ironisierung.

So blinken während des Konzerts im Übel und Gefährlich Hamburger (also das Fast-Food) und posierende Bodybuilder in Rot, Blau und Weiß über die Projektionsflächen, Inbegriffe des US-Kapitalismus. Das martialische Bild auf der Bühne wirkt durch das eigene informationsüberflutete Hirn seltsam gezähmt. Irgendwie sind die Bilder von marschierenden Soldatenstiefeln und Deportationen absolut aktuell und doch scheinen sie für einige jüngere Konzertbesucher ausselektierte Historie. Manchen steht das schlichte »Geil!« eines Rammstein-Konzertbesuchs ins Gesicht geschrieben.

Sängerin Mina Špiler steht modisch uniformiert vor Mikrofon und Syntheziser, wie eine devote Diktatorin vor ihrem Heer. Ihre Hände stützt sie beim Singen rechts und links auf die Kanten ihres Rednerpults, erzeugt mit strenger Frisur und ausdrucksloser Miene das Gefühl einer latent bedrohlichen Ansprache. Milan Fras, die knurrende männliche Stimme Laibachs, erscheint mit seinem Kopftuch, dem Emblem auf der Stirn und den gelegentlich beschwörend langsam und pathetisch erhobenen Armen wie ein Hohepriester. Der Rest der Band steht schwarz gekleidet in Reih und Glied, das überdimensionierte Schlagzeug von Janez Gabrič mittig der Bühne auf einem Podest. Militärische Symmetrie.

Unheimliche Kompositionen, schwere Rhythmisierung, metallische Sounds und die synthetischen Tiefbässe: Zusammen mit den ausgefeilten Projektionen kreieren sie ein machtvoll mulmiges Gefühl von Unwohlsein. »Are you frustrated?«, fragt die Stimme vom Band. Ein zustimmendes Raunen geht durch die Menge. »Are you frustrated!?«, fragt die Stimme noch einmal. »Ja!« 1,2,3,4, deutsches Volk komm, tanz mit mir…

Sequenzen des Films Iron Sky, zu dem Laibach ihre Musik beisteuerten, untermalen deutschsprachige Lieder in der rhetorischen Tradition nationalsozialistischer Propaganda: »We believe in God, but we don’t trust him / her.« Die zynische Dekonstruktion von jeglichen Systemen menschlicher Freiheitsberaubung sind und bleiben, unter anderem bei Laibach, ein künstlerisches Mittel des Grenzgängertums.

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