Pornos über Nahost: Youssef Rakha beschäftigt sich seit Jahren mit der Rolle von Pornografie in den arabischen Gesellschaften. Er versteht sie als Kristallisationspunkt von Intimität und Öffentlichkeit, Befreiung und Unterdrückung.

Während der eisige Hauch des Autoritarismus über verblühende Landschaften des Westens streicht, ist der Arabische Frühling bereits vollends zum Winter erstarrt. So wurde die kurze Blüte der Zivilgesellschaft in den revolutionären Jahren seit 2010 reduziert auf die falsche Alternative zwischen einer militärischen und einer klerikalen Spielart autoritärer Herrschaft.

Dass es im Zentrum der Spiegelgefechte des Patriarchats mit sich selbst um unterdrückte Sexualität geht, ist eine alte Wahrheit der Sigmund-Freud-Schule, die bis zur sexuellen Revolution und darüber hinaus getragen hat. So ist sexueller Freisprech im popkulturellen let’s talk about sex unterdes zur Chiffre westlicher Liberalität geronnen – und hat im Universum von Matthes & Seitz entschiedene Vertreter gefunden. Der ägyptische Schriftsteller, Künstler und Verleger Youssef Rakha hat bei dem Berliner Verlag einen Essay mit dem Titel Arab Porn publiziert, der sich just an der pornösen Schnittstelle zwischen arabischem Autoritarismus und sexueller Unterdrückung abspielt. „Am [arabischen] Porno kann man erkennen, wie konservative Kräfte durch die Aufhebung des Begehrens in der Gesellschaft die kreativen und produktiven Impulse durch jene rückschrittliche, todessehnsüchtige Identität ersetzt haben, an der viele Araber heute festhalten“, schreibt Rakha.

Der Todestrieb ist die große Umwälzung im Werk des späten Freud. Seine Einführung in der 1920 erschienenen Schrift Jenseits des Lustprinzips markiert die Abkehr von dem darwinistischen Gerüst der frühen Psychoanalyse, die noch die beiden Grundtriebe der Aggression und der Sexualität als Funktionen der Selbsterhaltung deutet. Der Todestrieb wird zu einer theoriegeschichtlich einflussreichen Metapher für eine sinnlose Zerstörungswut, die im damals gerade vergangenen Ersten Weltkrieg halb Europa verwüstet hatte. Für die Faschismustheorien Erich Fromms und Wilhelm Reichs wird er zur theoretischen Grundlage. Sein Gegenbegriff, der Lebenstrieb, kurz: Eros, gibt der sexuellen Revolution der Sechzigerjahre schließlich den Takt vor.

Porno bedeutet vor allem eines: Erpressbarkeit

Die historische Kulisse für Youssef Rakhas Aufgreifen der freudianischen Leitdifferenz zwischen Thanatos und Eros bildet das Desaster der arabellion, bei dem sich die großen demokratischen Hoffnungen mit einem diabolischen Wimpernschlag in Sektierertum, Personenkult und Terror verwandelt haben. Und doch hat die Einführung des Breitbandinternets im Jahr 2000 in Ägypten eine beispiellos ehrfurchtslose und offene Rede und Praxis ermöglicht – sowohl in politischer als auch in erotischer Hinsicht.

Im erotischen Bereich entsteht dabei neben neuen Kontaktbörsen für Swinger, Homoerotik und Fremdgänger ein Genre der arabischen Amateurpornografie, das eigene Themen hervorbringt: „In dieser mentalen Landschaft können neben dem vorgetäuschten Widerstand [der Frau] viele Tropen positive Bedeutungen annehmen. Im Gegensatz zu der athletischen Dringlichkeit ihres westlichen Pendants kommt der Enthusiasmus der arabischen Frau vielleicht eher als Koketterie zum Ausdruck oder in dem Eifer, gefallen zu wollen. Wo im Westen die Verzückung der Frau fast wie eine Art Applaus wirken kann – laut, energisch, obszön –, mag die Spannung zwischen Lust und Zurückhaltung auf dem Gesicht einer arabischen Frau wie Qual oder Unmut aussehen, wobei ihre intensive körperliche Involvierung nicht so sehr Vitalität, als vielmehr Schläfrigkeit ausstrahlt.“

Parallel zum Entstehen sexueller Ausdrucksformen durch das Internet regrediert der neu gefundene politische Diskurs zu einer – auch im Westen wohlbekannten – Radikalisierungslogik, in der undifferenzierte Hetze und primitive Rachegelüste ein Nachdenken über fachliche, wirtschaftliche und kulturelle Mechanismen nachhaltiger Veränderung ersticken. Dabei werden, so Rakha, „selbst die von der Revolution angeheizten Säkularisten unter den Aktivisten oft zu nützlichen Idioten für den politischen Islam“.

Sex als Heilmittel für eine Kultur der Gewalt?

So mutiert der Sturz des verhassten Diktators Husni Mubarak 2011 zum Sieg klerikaler Despoten um den neuen, demokratisch gewählten Präsidenten Mohammed Mursi, auf den qua Militärputsch 2015 die ewige Wiederkehr des Gleichen folgt: Der starke Mann, General Abdel Fattah Al Sisi, übernimmt die Macht, umgeben von „faschistoiden, von Sisi besessenen Kriechern“ und von der Bevölkerung für seine Mannhaftigkeit verehrt.

Das Problem liegt demnach nicht beim Führungspersonal, sondern im Potenzgehabe der arabischen Gesellschaften, die „Gewalt traditionell als Männlichkeit“ und „Männlichkeit als Recht“ wertet. „Das Gesetz“, schreibt Rakha, „ist weniger ein System, um das Leben zu organisieren, es ist vielmehr eine allgegenwärtige Bedrohung verkörpert durch Staatsrepräsentanten“, „eine willkürliche Peitsche in den Händen derer, die sie schwingen können“. Das „hat damit zu tun, wie Heuchelei und Doppelzüngigkeit in den Alltag eingeschrieben sind“. Porno bedeutet in diesem Kontext vor allem eines: Erpressbarkeit. Ein Mittel zum Rufmord. Ein im Internet geleakter Porno in verfänglicher Pose bringt Existenzen zu Fall.

Doch Internet-Porno will laut Rakha noch mehr: „Zugleich jedoch kann Pornografie in einer Kultur der Heimlichkeit und Verleugnung befreienden Zugang zu öffentlich unzulässigen Wahrheiten gewähren. Ob es bewusst geschieht oder nicht, in selbstgemachten Pornos bejahen Araber, die außerstande oder nicht willens sind, den kulturellen Regeln zu folgen, ihre sexuelle Existenz.“ Rakha träumt sich in die Entspannung: „Vielleicht wird diese Bewegung, wie der Aktivismus, den Sprung vom Cyberspace in die Wirklichkeit schaffen. Dann wird Eros ein normalerer Platz unter den Göttern zukommen, die öffentlichen Plätze werden entspannter und die Menschen weniger gewalttätig und lebensmüde sein.“. So wichtig die Forderung, die Moralapostel zu entwaffnen, auch sein mag – wie plausibel ist Sex als Heilmittel für eine Kultur der Gewalt?

Der französische Philosoph Michel Foucault zählt die arabisch-muslimische Kultur, die einst im Westen für ihre Sinnenfreude und sexuelle Freizügigkeit verehrt und verklärt wurde, zu jenen Hochkulturen, die – im Gegensatz zum damals puritanischen Westen – eine eigene ars erotica hervorgebracht haben, die das Wissen um sexuell stimulierende Praktiken überliefert.

Ficken hilft nicht gegen Krieg

In der muslimischen Tradition gibt es eine Fülle von Texten, die hemmungslos von der Lust erzählen – auch der homoerotischen, die etwa in die Paradiesvorstellung des Koran Eingang gefunden hat. Dazu zählen auch zahlreiche Überlieferungen des Propheten Mohammed, der seinen männlichen Anhängern Ratschläge gab, wie sie und ihre Frauen Sex genießen können. So ist der Islam die einzige der drei in Nahost entstandenen Weltreligionen, in der ein Recht der Frau an sexuellem Genuss verankert ist.

Die Spannung zwischen Lust und Zurückhaltung (Collage: Kiichi Inaba)
Die Spannung zwischen Lust und Zurückhaltung (Collage: Kiichi Inaba)

Den dramatischen Wandel im Verhältnis des Islam zur Erotik in den letzten 200 Jahren führt der Islamwissenschaftler Ali Ghandour weniger auf die islamische Tradition selbst zurück, die einst viel Raum für Zweideutigkeiten bot. Vielmehr sei die gegenwärtige Verklemmung auf den zunehmenden Zuzug der bildungsfernen Landbevölkerung in die Städte durch die Industrialisierung und den viktorianischen Muff des westlichen Kolonialregimes zurückzuführen. Die erotische Bildung des Orients wurde dabei marginalisiert und durch Werte und Vorstellungen ersetzt, die einer als „Rationalität“ verbrämten Prüderie entsprangen, die noch heute manch christliche Gruppierung prägt.

Die Verankerung der ars erotica im frühislamischen Patriarchat unterstreicht freilich, dass Ficken gegen Krieg nicht hilft. Ganz im Gegenteil bildet die Lust von Männern auf verfügbaren Sex einen Antrieb zur sexuellen Versklavung, die als historischer Prozess zunehmender Entrechtung von Frauen und Kindern von Gerda Lerner in Die Entstehung des Patriarchats ausführlich nachgezeichnet wird. Der moralisch heuchlerische Puritanismus islamischer Gesellschaften der Gegenwart ist zu dieser Geschichte die bittere Fußnote, die erotische Lesarten des Islam und mit ihr die pornöse Tradition – etwa die Texte der arabisch-islamischen Dichter Ibn al-Rumi oder Ibn al-Haddschādsch – verdrängt hat.

Es wird nicht helfen, Pornos über Nahost abzuwerfen

Die Gleichsetzung von sexueller mit politischer Freizügigkeit zählt zu den Selbstmissverständnissen des westlichen Liberalismus. Denn es wird nicht helfen, Pornos über Nahost abzuwerfen, um die zerrissenen arabischen Gesellschaften zu befrieden, zu entspannen oder gar die rechtliche Gleichstellung unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht und sexueller Orientierung zu erwirken, um die es Rakha im Kern geht.

In Arab Porn beschreibt er eindringlich, wie der Porno im Gewebe arabischer Gesellschaften immer auch Manifest der sexuellen Gewalt ist, nicht nur in seiner Darstellung von Prostitution oder in der Praxis des heterosexuellen Analverkehrs, der dem religiösen Dogma weiblicher Jungfräulichkeit geschuldet ist. Denn selbst über ihren unschuldigsten Formen schweben stets als Drohung gesellschaftliche Ächtung und Knast.

Zwar ist Sex durchaus, wie Klaus Theweleit in seinem Pocahontas-Werk zeigt, eine zivilisierende Kraft – und zwar dort, wo Konfrontation und Abschottung zwischen Gruppen, Stämmen und Völkern durch ehelichen und sexuellen Mix dekonstruiert wird. Darum ist die kürzlich in Tunesien nach über 40 Jahren politischer Auseinandersetzung durchgesetzte Möglichkeit einer Ehe muslimischer Frauen mit nicht-muslimischen Männern ein so großer Schritt, die arabische Spielart des Internet-Pornos hingegen ein kleiner. Nicht zufällig kultivieren die feinen Herren von der AfD eine zum Islamismus spiegelbildliche Angst- und Sexfantasie, der muslimische Mann würde womöglich „unsere“ blonden Frauen besteigen. Freilich können nur dort, wo zusammenwächst, was für diese Hetzer nicht zusammengehört, Frieden, Freiheit und Sicherheit entstehen.

Youssef Rakha begibt sich mit seinen Gedanken zu Revolution und Porno ins diskursive Außen seiner Heimat. In einem Interview mit Susanne Schanda erklärt er sich selbst zum Flüchtling im eigenen Land: „Ich fühle mich heimatlos und gestrandet in Ägypten, wo ich nicht die persönlichen und politischen Rechte habe, die ich haben sollte, wo ich mich emotional nicht ausdrücken kann, wie ich will, wo ich am freien Ausleben meiner zwischenmenschlichen Beziehungen gehindert werde und wo mir ein stimulierender intellektueller Austausch fehlt.“ „Meine Psyche ist ägyptisch. Aber mein Denken ist europäisch.“ „Doch ich erfahre das nicht als eine dramatische Spannung. Es ist eher ein Gefühl von Traurigkeit.“ Rakha denkt im Westen – doch in Kairo fühlt er sich heimisch. Die Trauer seiner Heimatlosigkeit verleiht Arab Porn seine Dringlichkeit und Qualität.

Eine Omnipotenzfantasie des Westens

Uns im Westen haben 16 Jahre Antiterrorkrieg umso mehr in der Identität verwirrt, je weiter wir von der Erfahrung der Trauer entfernt sind. Wer glaubte, mit sauberen Händen außerhalb des geopolitischen Spiels um die Vorherrschaft im arabischen Raum zu stehen, wurde unlängst mit Millionen von dort flüchtenden Menschen konfrontiert. Wer sich dank der im Antiterrorkrieg verteidigten liberalen Werte vor den Irrwegen des Autoritarismus gefeit wusste, sieht sich nunmehr mit dem Aufstieg rechtsradikaler Bauernfänger konfrontiert. Im Gewand von Freiheitskämpfern treiben sie genau jenen Autoritarismus voran, gegen den der Antiterrorkrieg einst vermeintlich antrat.

Heute erscheint dieser Krieg als eine von traumatischer Verletzung getriggerte, zutiefst zerstörerische Omnipotenzfantasie des Westens, die die Rückkehr des Faschismus in die westliche Demokratie eingeläutet hat. Unfähig zu Trauer oder gar Großmut entschädigt die Logik der Rache den islamistischen Terrorakt im Muster von Bombenteppichen, während sich die öffentliche Ordnung durch Überwachung, Mauerbau und Notstandsgesetze zu einer Bunkeranlage mit entsprechenden Einlasskontrollen verengt. Dabei wird die Geschichte des arabischen Autoritarismus zu unserer eigenen.

So wie der arabische Porno ein Spiegel der arabischen Gegenwart ist, sind der politische Islam und der militärische Autoritarismus Arabiens – nicht nur wegen der Milliardensummen, die der Westen in beide investiert – ein Spiegel unserer eigenen Gesellschaft, die freilich beides kann: ficken und Krieg.