Lady Saw

Im jamaikanischen Dancehall-Wesen gilt Vielseitigkeit traditionell als hohes bis höchstes Gut. Wer den Launen der Massive nicht mit einem breit gefächerten
Repertoire von Boulevard bis Bonzenbeschimpfung zu begegnen weiß, wird schnell als eindimensional geschmäht und konsequenterweise in die ohnehin prall gefüllten Abstellkammern dieser sensationell schnelllebigen Kleinstindustrie verfrachtet. Lady Saw zählt da zu den raren Ausnahmen, ihre Bühnenpersona basiert seit Mitte der neunziger Jahre auf relativ genau einer Rolle – der des »Baddest Girl«, das bei jeder Gelegenheit die »Power of the Pum« in Anschlag bringt. Die feuchtfröhliche Fetenstimmung trübte zuletzt allerdings, dass mehr und mehr auf den beiden Fehlgeburten herumgeritten wurde, welche die 34-Jährige in den vergangenen Jahren erlitten hatte. Wer nicht mal ein Kind zur Welt bringen könne, so etwa ihre ansonsten als besonnen geltende Dauerrivalin Tanya Stephens, der habe kaum das Recht, Weiblichkeit derart offensiv zur Schau zu stellen. Das Geschwätz hat Lady Saw getroffen. Ihrem mittlerweile siebten Album »Walk Out« schickt sie nicht etwa einen sicheren Bums-Tune voran, sondern das rootsige »No Less Than a Woman (Infertility)«, auf dem sie das Drama ihres Lebens in ungekannter Offenheit aufrollt (was umso bemerkenswerter ist, wenn man bedenkt, dass unfruchtbare Frauen in Jamaika gerne als ›Mules‹, als vermeintlich minderwertige Mischcharaktere oder Bastarde verhöhnt werden und sich auf der Popularitätsskala in ähnlichen Regionen wie Polizeispitzel oder Fellatiofreunde wiederfinden). Auch »World’s Prettiest« weist eine Verletzlichkeit auf, die jedem Yard-Faustrecht spottet. Klar, das musikalische Spektakel findet weiterhin woanders statt; Ritte über Regentenriddims wie den dreist reduzierten »Suku« (in »Me And My Crew«) oder den sich wahnwitzig verhaspelnden »Mad Thing« (in »Chat To Mi Back«) stehen Lady Saw nach wie vor besser als Exkurse in Boogie Woogie und Rhythm & Blues. Allein: Es wird sie wenig interessieren. Denn wenn die Phrase von der Musik als Therapie je ihren Platz hatte, dann hier. Und dass »No Less Than A Woman (Infertility)« mehrere Wochen lang die Spitzenposition
der JA-Charts blockierte, ist eine der schöneren Fußnoten der jüngeren Reggae-Historie.

LABEL: VP

VERTRIEB: Groove Attack

VÖ: 13.04.2007

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