»Hier bin ich mir meiner Kraft sicher«

Seine Stammband TV On The Radio pausiert zur Zeit, Ende letzten Jahres veröffentlichte Kyp Malone dann sein gleichbetiteltes Solo-Album als Rain Machine auf Anti- Records, auf dem der Vollbarttragende TVOTR-Gitarrist und -Sänger auch gleich alle anderen Instrumente einspielte. Dazu ging Malone mit Rain Machine musikalisch sowohl neue als auch mit TVOTR deckungsgleiche Wege, experimentierte vor allem mit seiner Stimme. Ab heute ist Malone mit seiner Rain Machine Wooden Band auf Deutschland-Tour, neben dem heutigen Konzert in Heidelberg spielt er in Berlin und Köln. Grund genug, in Sachen Rain Machine kurz bei Malone nachzuhaken. Die Fragen des folgenden Q&As wurden per E-Mail gestellt und beantwortet, weshalb wir das Fehlen von Nachfragen entschuldigen möchten.

Kyp, im Spex-Interview zum letzten TV-On-The-Radio-Album »Dear Science« hast Du auf die Frage, ob Afrobeat zu einer Art populärem Partysound werde, geantwortet, dass wir »in Zeiten leben, in denen alles zu einem Produkt werden kann«. Dein Solo-Album »Rain Machine« ist nun nicht die Art Popmusik, die man erwarten könnte, wenn man den ersten Song »Give Blood« gehört hat, aber es ist andererseits auch nicht durchgehend ernsthaft oder böse. Wann hast Du die Stücke für »Rain Machine« geschrieben und was waren die musikalischen Parameter für dein Solo-Projekt?
Die Stücke des Rain-Machine-Albums habe ich im Laufe der Jahre hier und dort geschrieben: Während Reisen, in meiner Wohnung, aber einen Großteil auch in im Studio. Die Parameter für Rain Machine waren dabei einfach: Was immer dabei herauskommt und gut klingt. Natürlich klingt einiges sehr wie die Musik von TV On The Radio, denn in der Band habe ich bereits sieben Jahre lang gespielt und auch viele Songs geschrieben.

Ich fühle mich sowohl in Bands als auch als Solo-Musiker wohl, daher hoffe ich, auch zukünftig beides unter einen Hut zu bekommen. In einer Gruppe zu spielen hat natürlich seine Vorteile: Viele Ohren bedeuten musikalische und inhaltliche Verfahrensweisen, die man alleine wohl übersehen hätte. Andererseits kann es in der Gruppe auch zur Entmutigung bei der Suche nach neuen Wegen kommen.


VIDEO: Rain Machine – Give Blood

In einem Stück wie »Winter Song« arbeitest du nur mit sehr sparsamem Gitarren-Picking, der Song wirkt in den ersten drei Minuten mehr wie ein Experiment dafür, was du mit deiner Stimme anfangen könntest. Wäre die komplette Auslassung von Instrumentierung überhaupt eine Option für dich?
Ich habe eine ganze Weile mit dem Gedanken von Acapella-Aufnahmen gespielt, aber letzlich ich bin nicht zu sehr daran interessiert, nur meine eigene Stimme zu hören. Vielleicht versuche ich es mit ein wenig Mehrstimmigkeit, wir werden sehen.

Auf dem Album hört man allerdings noch andere Stimmen außer deiner. Wer war noch alles an dem Album beteiligt?
Heidie Ferrall singt in den Stücken »Give Blood«, »Winter Song« und »Hold You Holy«, sie ist seit Oktober mit der Rain Machine Wooden Band unterwegs. Außerdem singt Caroline Pennypacker Riggs im Stück »Leave the Lights Off«, sie ist eine alte Freundin aus Berlin, sie spielt eigentlich in der Band The Finches. Ich habe sie vor einigen Jahren in der 8-Millimeter-Bar in Berlin kennen gelernt. Am Ende spielten wir gemeinsam bis in die Morgendämmerung.

Das Stück »Smiling Black Faces« scheint sich mit dem Tod des New Yorkers Sean Bell, einem Afro-Amerikaner, zu beschäftigen, er wurde von einem Polizisten erschossen. Wie kam es zu diesem düsteren, politischen Song? Es erinnert von der Herangehensweise an »Dry Drunk Emperor«, dem Anti-Bush-zentrierten Stück von TV On The Radio.
Es wäre wohl ein Missverständnis zu sagen, dass mich der Mord an Sean Bell seitens des New York Police Departments inspiriert hätte. Aber in gewisser Weise ließ mich dieses Ereignis in entmutigt, angewidert und äußerst verärgert zurück. Ich spreche den Mord an Bell in dem Stück »Smiling Black Faces« ganz konkret an, denn so gehe ich eben mit jenen Problemen um, denen ich mich mit einem Gefühl der Machtlosigkeit begegne. Diese Dinge thematisiere ich in meinen Songs, denn hier bin ich mir meiner Kraft sicher. Wenn man über Probleme singt, spricht man sie aus und macht sie wieder und wieder zum Thema. Der Verlust von Sean Bells Leben war eine schreckliche Sache, aber gleichzeitig beinahe typisch. Schwarze sterben in Amerika bei Polizeieinsätzen mit einer Regelmäßigkeit, die eigentlich schockierend sein müsste, wenn man vom Kontext der Morde in denen sie geschehen absieht. Sie geschehen innerhalb einer Kultur die von Gesetzen der »Angst vor« und »Macht über« bestimmt wird. Einer Herrschaftskultur. Einer Todeskultur.


STREAM: Rain Machine – Smiling Black Faces

Wie wird das Live-Setup von Rain Machine funktionieren?
Rain Machine besteht prinzipiell nur aus mir alleine. Auf Tour habe ich allerdings eine ganze Band dabei, die Rain Machine Wooden Band mit insgesamt sechs Musikern: Carmen Piteo, Heidi Ferrall, Janel Leppin, Andy McLeod, Ben McConnel und offensichtlich natürlich ich selbst.

TV On The Radio gönnen sich derzeit – laut Aussage eures Sängers Tunde Adebimpe – eine Auszeit. Wird diese von Dauer sein?
Wir werden mit der Arbeit mit TV On The Radio fortfahren, sobald alle Weichen dafür gestellt sind.

Tunde wiederum hat kürzlich erst an einem Stück für das neue Massive-Attack-Album »Heligoland« gearbeitet, du hast mit Rain Machine ein Solo-Album veröffentlicht. Gibt es weitere Nebenprojekte?
Im vergangenen Februar begann ich gemeinsam mit meinem alten Freund Darren Key in Oakland an einer Platte zu arbeiten. Ich freue mich jetzt schon darauf, die Zeit zu finden, dieses Ding fertig zu stellen und zu veröffentlichen.

Es gibt diese deutsche Redewendung »Runter mit den alten Zöpfen«. Hast du jemals mit dem Gedanken gespielt, deinen Bart abzuschneiden? Sozusagen als Neuanfang mit Rain Machine?
Absolut nicht. Das ist meine Wildnis!

 

Rain Machine Live:
01.04. Heidelberg – Karlstorbahnhof
02.04. Berlin – Volksbühne
08.04. Köln – Stadtgarten

Foto: © Eric Martin

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