Bietet Streaming die nachhaltige Alternative zu physischen Tonträgern? Nicht Kyle Devine zufolge, und der sollte es wissen. Ein Gespräch mit dem Autoren von Decomposed: The Political Ecology Of Music.

Ob wir es akzeptieren oder nicht: Musik-Streaming wirkt sich auf die Umwelt aus. Kyle Devine möchte deshalb Bewusstsein schaffen. Er ist Head of Research am Institut für Musikwissenschaft an der Universität Oslo und forscht zur ökologischen Geschichte von Tonträgern. In seinem Buch Decomposed: The Political Ecology Of Music befasst er sich von der Ausbeutung von Natur und Menschen in Indien für die Herstellung von Schellackplatten im frühen 20. Jahrhundert bis hin zum „material turn“ nach dem Zweiten Weltkrieg und der scheinbaren Unsichtbarkeit von Streaming mit 120 Jahren Musikgeschichte.

Wenn alles Ständische und Stehende verdampft, kommt am Ende trotzdem CO2 raus, sagt Kyle Devine (Foto: SPEX).

Devines Annahme: Die Digitalisierung von Musik führt nicht zu ihrer Entmaterialisierung. Im Gegenteil. Die Treibhausgasemissionen von Streaming haben sich – verglichen mit den Rekordverkäufen von CDs und Vinyl in den 1980er und 90er Jahren – sogar verdoppelt. Wie konnte das passieren? SPEX hat mit Kyle Devine über die Auswirkungen von Streaming, eine Abschaffung von „flow“-artigen Metaphern und über die Möglichkeit von Fairtrade-Platten gesprochen.

SPEX: In Ihrem Buch zeichnen Sie die Geschichte der kommerziellen Musikaufzeichnung und ihre Auswirkungen auf die Umwelt nach. Warum ist es wichtig zu wissen, wie in der Vergangenheit Platten produziert wurden und wie wir heute Streaming-Dienste nutzen?

Kyle Devine: Viele Leute wissen nicht, aus welchen Materialien Schellack-Platten gemacht wurden. Oder was es braucht, um Vinyl-Schallplatten herzustellen. Dabei hat die Globalisierung der Musik nicht erst in den 1980er Jahren mit World Music begonnen. Aufnahmen waren immer global – unabhängig davon, wo die Musik herkam. Wir sollten uns deshalb darauf konzentrieren, woraus Aufzeichnungen gemacht wurden, aber auch bedenken, wie sie in der Vergangenheit hergestellt wurden. Man hat Menschen auf der ganzen Welt unter brutalen Bedingungen ausgebeutet, um notwendige Ressourcen abzubauen. Trotzdem gibt es Tendenzen, die diese Ära romantisieren. Manche Stimmen sehen die Lösung des Energieproblems sogar im Rückgriff auf Schellack-Platten. Betrachten wir nur die sichtbaren Fakten, macht das Sinn: Schellack ist biologisch abbaubar, es ist eine natürlich vorkommende Ressource – zweifellos positive Dinge. Stellt man sich aber die Frage, wer dafür ausgebeutet wurde, ist die Vergangenheit eine Warnung.

Wir müssen uns also unsere Vergangenheit bewusst machen, um eine Zukunft zu ermöglichen.

Das muss die Strategie sein. All unsere Aufnahmen bestehen aus etwas. Sie existieren nicht einfach so. Wollen wir kritische Entscheidungen darüber treffen, wie und aus welchen Materialien Aufnahmen in Zukunft gemacht werden, müssen wir die Bedingungen der Vergangenheit kennen.

Streaming wird häufig als umweltfreundliche Art des Musikkonsums dargestellt, weil man kein materielles Produkt sieht. Sie kritisieren diese Einstellung. Wie können wir den Einfluss von Streaming-Musik darstellen?

Man könnte ein Buch mit Grafiken, Bildern und Vergleichen schreiben. (lacht) Oder man benutzt Tools wie die Click Clean Scorecard von Greenpeace. Es ist online, es ist kostenlos und man kann sehen, wie Streaming-Dienste daran scheitern, sich für erneuerbare Energien einzusetzen. Das rüttelt auf. Als Beispiel: Ich habe vor kurzem mit dem Canada Science and Technology Museum zusammengearbeitet. Sie haben eine Ausstellung konzipiert, die auf den Ergebnissen in meinem Buch basiert. Wir wollten die Ressourcen für die Produktion von Schellack- oder Vinylplatten grafisch aufbearbeiten, indem wir nicht nur die sichtbaren Faktoren wie die Menge an Harz oder Plastik berücksichtigen, sondern auch alle unsichtbaren Faktoren wie den menschlichen Arbeitsaufwand. Unsere Vorstellung war, diesen Prozess live darzustellen, gekoppelt an die Nutzung eines Streaming-Dienstes. Sobald man also auf die Wiedergabetaste drückt, würde eine Weltkarte aufleuchten. Aber kein einziger Streaming-Anbieter wollte uns mit den notwendigen Informationen versorgen.

Sie haben die Click Clean Scorecard von Greenpeace benutzt, um bestimmte Streaming-Plattformen auf ihre Energienutzung zu vergleichen. Was hat Sie überrascht?

Spotify, obwohl ich mit dem Anbieter ein ambivalentes Gefühl verbinde. Sie haben vor kurzem begonnen, Berichte zur sozialen und ökologischen Verantwortung des Unternehmens zu veröffentlichen. Die Berichte enthalten Informationen über ihren Stromverbrauch. Das ist ein Grad an Transparenz, den ich davor bei keinem Streaming-Dienst gesehen habe – auch wenn man die Zahlen mit Vorsicht betrachten muss. Schließlich behaupten sie, dass der Verbrauch zwischen 2016 und 2018 zurückgegangen sei. Der Grund: Die Bericht decken nur den Stromverbrauch Spotify-eigener Server ab. Zwischen 2016 und 2018 hat Spotify aber seine eigenen Server eingestellt und den Dienst auf Google-Server übertragen. Das mag nicht ehrlich sein. Der Schritt zu mehr Transparenz ist trotzdem wichtig. Zum Beispiel behauptet Google, dass das Unternehmen seit 2007 klimaneutral arbeite. Klingt gut, bedeutet aber nicht, dass Google keine Emissionen verursacht. Sie investieren Geld in nachhaltige Projekte und kompensieren damit ihren Energieverbrauch. Darin kann ich ein Bewusstsein für das Problem erkennen, lösen werden sie es dadurch aber nicht. In meinem Buch veranschauliche ich diese Thematik mit dem Jevons-Paradoxon. Je effizienter wir Ressourcen einsetzen, desto mehr Ressourcen nutzen wir. Das geht seit dem 19. Jahrhundert so. Und da betreten wir dann unbequemes Terrain. Selbst wenn wir Klimaneutralität erreichen, gibt es im Diskurs eine Tendenz, die Fragen der Arbeit und der Ausbeutung von Arbeitskraft übergeht, die an der Wurzel von Klimaneutralität stehen.

Ein Problem scheint auch mit der Terminologie von Streaming-Diensten zusammenzuhängen. Wir sprechen von der „Cloud“ oder vom „Stream“ – Begriffe, die darauf abzielen, die Nutzung unsichtbar zu machen.

Ja, wir verwenden „flow“-ähnliche Metaphern, um über heute über Sound zu sprechen. Die „Cloud“ oder der „Stream“ sind anschauliche Beispiele dafür. Der norwegische Streaming-Dienst heißt Tidal, was eine semantische Nähe zu Wellenbewegungen suggeriert. Tara Rodgers hat sich das in ihrem Buch Pink Noises: Women on Electronic Music and Sound angeschaut. Ich beziehe mich auch auf Augustine Sedgewick, der über „Flows“, also fließende Bewegungen, spricht. Seine Annahme: Wir heben dadurch die Tatsache auf, dass alle Bewegungen Arbeit erfordern – eine bewusste Entscheidung, die von der Industrie getroffen wurde, um das Bewusstsein der Menschen für die Herstellung von materiellen Dingen zu beseitigen. Im Artikel von Sedgewick geht es zwar darum, wie Kaffee in unsere Tassen gelangt. Das Konzept lässt sich aber auf Schallplatten anpassen. In meinem Buch spreche ich dehshalb über den Begriff Reibung bzw. Spannung („friction“), der in diesem Kontext auf die Anthropologin Anna Tsing zurückgeht. Anstatt von ungehinderten Fließbewegungen zu sprechen, müssen wir erkennen, dass nichts davon automatisch passiert. Sogar scheinbar unsichtbares Streaming erzeugt Widerstand und Reibung. Ohne Energie und Arbeit kann kein Streaming stattfinden.

Sie verweisen auch auf einen Begriff, den zwei französischen Soziologen, Fabien Granjon und Clément Combes, eingeführt haben, um eine soziale Morphologie des Zuhörens im 21. Jahrhundert zu beschreiben: Digitamorphose („digitamorphosis“). Was meinen Sie damit?

Sie bauen auf einem Begriff des französischen Soziologen Antoine Hennion auf. Hennion schreibt über „Diskomorphose“ – ein Begriff, der die Verschiebungen beschreibt, die begannen, als Menschen Musik erstmals auf Partituren festhielten. Mit neuen Medien des Hörens und Musizierens entwickelten Menschen eine andere Beziehung zur Musik. Die Beziehung zwischen der Art, wie wir Musik machen und der, wie wir Musik hören sowie der damit verbundenen technologischen Entwicklung, ist untrennbar. Die einzelnen Faktoren bedingen sich. Der Prozess besteht aus einer kreisförmigen Beziehung. Granjon und Combes gehen nun davon aus, dass eine ähnliche Transformation stattgefunden hat, als Musik online verfügbar wurde. Die Digitalisierung der Musik erschafft neue Beziehungsebenen zur Musik – das fassen sie unter dem Begriff Digitamorphose zusammen. Denken wir zum Beispiel an den unkomplizierten Zugang zu Millionen von Musiktiteln. Oder die Algorithmen, die wir benötigen, um in diesem Chaos die richtige Musik zu finden. Wir vergessen, dass das nicht immer so war. Vor einigen Jahren hatten Menschen keinen unmittelbaren Zugriff auf die gesamte Musik der Welt, sie ließen nicht beim Putzen permanent YouTube-Videos im Hintergrund laufen. Es gab verschiedene Arten, mit Musik umzugehen, und verschiedene Arten, Musik zu hören. Das soll nicht heißen, dass die Menschen in der Vergangenheit richtig Musik gehört haben. Und es bedeutet nicht, dass die Leute heute nicht wirklich Musik hören. Aber vielleicht brauchen wir neue Ansätze, die eine andere Art des musikalischen Engagements fördern.

Immer mehr Labels greifen die Idee von Digital-Only-Veröffentlichungen auf, indem sie mit ökologischem Bewusstsein und einem reduzierten CO2-Fußabdruck argumentieren – etwas, das Sie infrage stellen würden. Da wir in naher Zukunft nicht aufhören, Musik zu hören, zu kaufen oder aufzunehmen: Was würden Sie Leuten in der Musikindustrie raten?

Ein einzelnes Album digital zu veröffentlichen, belastet die Umwelt weniger, als dasselbe Album auf 5000 Vinyl-Platten zu veröffentlichen. Das Problem ist, dass mehr Leute mehr Alben veröffentlichen, was gleichzeitig mehr Speicherplatz und damit mehr Energie erfordert. Das ist nicht gerade intuitiv und damit schwierig zu verstehen. Als Beispiel: Ich wurde vergangenen Herbst eingeladen, auf einer Musik-Konferenz in Los Angeles zu sprechen. Es war ein Panel über Vinyl und Nachhaltigkeit – mit einer Person von Ninja Tune, jemandem von einer Verpackungsfirma und einer Person eines Kunststofflieferanten. Die Diskussion war interessant. Besonders beeindruckt war ich von der Ninja Tune-Person. Das Label scheint wirklich entschlossen zu sein, seinen CO2-Fußabdruck zu verringern. Und doch war es seltsam: Wir diskutierten zwar über den Einfluss der Musikindustrie auf die Klimakrise, aber nie über das übergeordnete Problem: dass Vinyl immer noch aus Öl besteht.

Deshalb haben Sie im Gespräch mit Mike Rugnetta bei Reasonably Sound die Idee formuliert, ein Fairtrade-Musikformat zu entwickeln. Worum geht es da genau?

Die Wahrheit ist: Es wird niemals ein absolutes Fairtrade-Musikformat geben. Allerdings müssen wir uns fragen, wie ein Format aussehen könnte, dass unsere Umwelt nicht zusätzlich belastet. Ich denke an Schallplatten aus Biokunststoff. Wir bräuchten dafür immer noch Plastik, aber die Platten ließen sich aus Lebensmittelabfällen her.

Um den Kreis zu schließen.

Ja, und um die Frage der Digitamorphose anzugehen: Welche sozialen Erwartungen haben wir als Zuhörer_in an Aufnahmen und wie müssen wir diese Erwartungen ändern? Eine Schallplatte aus Biokunststoff wird nicht so klingen wie eine Schallplatte aus Vinyl. Sie wird einen anderen Klang haben, sie wird sich anders anfühlen. Das könnte dauern, bis wir uns daran gewöhnen. Aber: Diesen Prozess hat jedes einzelne Format seit der gesamten Musikgeschichte durchlaufen müssen. Als man MP3s einführte, war die Bitrate niedrig und die Leute hassten den Sound. Als man CDs einführte, hat man sie als perfektes Medium vermarktet, trotzdem akzeptierten die Leute sie nur langsam. Selbst als in den 1920er Jahren elektrische Aufnahmen eingeführt wurden, lehnten Menschen den Klang anfangs ab. Die zentrale Botschaft ist: Wir haben uns daran gewöhnt und uns schließlich in die unterschiedlichen Formate verliebt, weil sie bestimmte Eigenheiten haben. Eine Platte aus Bioplastik wird nicht so sauber klingen wie eine CD. Vielleicht klingt sie auch nicht so warm wie eine Schallplatte. Aber möglicherweise ist das der Preis, den wir für eine nachhaltige Alternative zahlen wollen.

Vielleicht sollte ein Bioplastik-Tonträger absichtlich nicht wie eine Schallplatte klingen.

Ja, wir sollten bereit sein, die Unterschiede zu akzeptieren und sie anzunehmen. Ein neues Format wird Eigenheiten haben. Wir müssten sie neu aneignen. Aber was soll uns daran hindern, wenn wir Platten mit einem Fairtrade-Aufkleber haben können?

Der Kulturtheoretiker Mark Fisher hat geschrieben, dass die Ursache der Klimakatastrophe in ihrer unpersönlichen Struktur liege, die, obwohl sie alle möglichen Auswirkungen haben kann, kein verantwortungsbewusstes Thema sei. Wie können wir verantwortungsbewusst über die Auswirkungen von Musik auf die Umwelt nachdenken?

Der Diskurs über individuelle Verantwortung und das individuelle Schuldgefühl ist problematisch. Ich beziehe mich auf die kanadische Forscherin Max Liboiron. Sie leitet ein feministisches, antikoloniales Versuchslabor, das sich auf die Problematik der Plastikverschmutzung spezialisiert hat. Auf YouTube kann man Interviews mit ihr sehen. Einmal wird sie gefragt: „Was können wir gegen Plastikmüll im Ozean tun?“ Sie antwortet, dass es keine Rolle spiele, ob wir mit dem Jutebeutel einkaufen gehen oder Plastiktüten verwenden. Aber: Auf Ebene der individuellen Ethik sei diese Entscheidung sehr wohl von Bedeutung. Sie betont gleichzeitig, dass es auf struktureller Ebene aber nicht um die Verantwortung des Einzelnen gehe, sondern um die Regulierung der Ölindustrie. In Bezug zu meiner Forschung sage ich nicht, dass wir unser Spotify-Abo kündigen sollten. Und ich behaupte nicht, dass wir Musik wieder herunterladen sollten, anstatt sie zu streamen. Mein Ansatz wäre, dass wir die gesamte Branche regulieren und sie zu Transparenz gegenüber den Konsument_innen verpflichten. Stellen wir uns vor, Streaming-Unternehmen müssten uns mitteilen, welchen Einfluss unser Streaming auf die Umwelt hat. Welche Ressourcen für ein Lied benötigt werden, das wir auf dem Weg in die Arbeit hören? Das alles würde das Problem nicht lösen. Aber wir könnten ein Bewusstsein dafür entwickeln.

Wie müsste dieses Bewusstsein aussehen?

Das Bewusstsein für die Klimakatastrophe war nie höher und trotzdem führt es nicht zu dem Wandel, den die wissenschaftliche Community für notwendig hält. Außerdem hängt die Frage nach der Bewusstseinsveränderung auch mit der neoliberalen Verlagerung von Verantwortung zusammen, bei der sich Einzelne dazu verpflichten, ihr Verhalten zu überwachen. Als Individuum besteht der Impuls darin, zu fragen, was man gegen das Problem tun kann. Wir haben gesehen, dass die Produktion von Tonträgern immer zur Ausbeutung menschlicher und natürlicher Ressourcen beigetragen hat. Anstatt zu glauben, dass wir den Schaden individuell beheben oder rückgängig machen können, wäre es sinnvoller, kollektiv über die Grenzüberschreitungen und Verluste zu trauern, die wir auf aufgenommene Musik zurückführen.

Werfen wir einen Blick in die Kristallkugel: Wie werden wir in zehn Jahren Musik hören?

Ich kann mir zwei Dinge vorstellen: Erstens wird Streaming in zehn Jahren weiter verbreitet sein als heute. Streaming-Unternehmen werden Wege finden, um CO2-Neutralität zu erreichen –, was nicht bedeutet, dass die CO2-Emissionen sinken werden. Im Gegenteil: sie werden steigen. Die Unternehmen werden beginnen, die Emissionen durch Investitionen in nachhaltige Technologien zu kompensieren. Die Annahme, dass Streaming immateriell sei, wird dadurch noch schwerer aus Köpfen der Leute zu kriegen sein. Zweitens sehe ich, wie das sogenannte Vinyl-Revival denselben Weg wie die Craft-Brewing-Idee einschlägt. Die Produktion wird sich zerstreuen und sich auf die lokale Ebene verlagern. Lokale Bands werden Zugang zu selbstgemachten Aufnahmegeräten haben und Sessions zur lokalen Verbreitung aufnehmen. Der Trend geht in Richtung Community-Feeling. Das wird zwar nicht die Lösung sein. Das aber wäre meine Prognose.

Kyle Devine
Decomposed: The Political Ecology Of Music“
MIT Press
Ist am 20. September erschienen.