Kurt Cobain, der erste MTV-Tote

Nirvana
Kurt Cobain mit Nirvana: Warum konnte er nicht Schafzüchter in Irland oder Neil Young werden?

Am morgigen Tag vor 20 Jahren erschoss sich Nirvanas Kurt Cobain, der »erste MTV-Tote«. Die SPEX-Redaktion nahm das bestürzende Ereignis damals zum Anlass, um über den Künstler als (Nicht-)Ware, mögliche Auswege sowie Verwertungs-, Politik- und Identitätsstrategien zu diskutieren. Wir haben den »Talk am Tresen« nun erstmals online gestellt.

Als uns am Freitagabend, dem 8. April, ungefähr 20 Uhr MEZ, die Nachricht vom Selbstmord Kurt Cobains erreichte, brachen in Köln − wie überall auf der Welt − heftige Diskussionen über die Hintergründe dieser Tat und ihre Bedeutung für die Popmusik aus. Schon drei Tage später, am Montagmorgen, flatterten die ersten unaufgefordert eingesandten Nachrufe aus der Leserschaft ins Haus, und auch im engeren Mitarbeiterkreis gab es nicht weniger als 15 Leute, die sich unbedingt zu Cobains Freitod äußern wollten. Inzwischen hat sich die Aufregung gelegt, aber viele Fragen, die weit über die unmittelbaren Tatumstände hinausgehen, kamen in den bisher erschienenen Artikeln nicht einmal annähernd zur Sprache: Ist mit Kurt Cobain wirklich ein Repräsentant der vielzitierten »Generation X« gestorben? Wie geht man mit dem in Linie zu Marketingzwecken erfundenen Label »Generation X« um, wenn man seinen Selbstmord unter anderem als Reflex auf die Ausbeutung einer Protesthaltung durch MTV et al. versteht? Sind Rebellion und die Forderung nach Authentizität unter den Bedingungen von MTV und einer postmodernen Ökonomie tragfähige Optionen? Darüber und vieles mehr unterhielten sich an einem sonnigen Samstagnachmittag Diedrich Diederichsen, Kerstin und Sandra Grether, Christoph Gurk, Jörg Heiser und Mark Terkessidis.

Ghristoph Gurk: Dass dieser Tod eine extrem komplizierte Angelegenheit ist, wesentlich komplizierter als alle bisher bekannten Tode von Rockstars, wird wahrscheinlich von niemandem hier ernsthaft bestritten. Der erste Streitpunkt, der auftauchte, als wir dieses Gespräch in der Redaktion planten, war allerdings die Frage, ob der Tod von Kurt Cobain überhaupt eine Bedeutung hat, die über dessen persönliches Schicksal hinausgeht, ob damit in Epochenbegriffen irgendetwas zu Ende gegangen ist oder begonnen hat. Mit dieser Frage scheint die bürgerliche Presse überhaupt kein Problem zu haben. Da legte man allgemein eine gewisse Gelangeweiltheit an den Tag, von wegen, ach du lieber Gott, schon wieder so ein blöder Rock-’n’-Roll-Tod, kennen wir doch alles von früher, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison oder so.

DER AUTHENTISCHE SUIZID

Diedrich Diederichsen: Ja, der allgemeine Tenor war: Wir, bürgerliche Presse, Popjournalisten, sind mittlerweile auch schlau, wir wissen, dass das Ganze ein Spiel der Strategien ist, und in diesem Kosmos der Strategien wurde auch dieser Tod gelesen. Ah, schau an, schau an, das kann man ja einsortieren.

Christoph Gurk: Wobei in den wenigsten Nachrufen darauf eingegangen wurde, dass wir es hier mit einem Selbstmord, einer klaren Willensentscheidung, zu tun haben, anstatt mit dem klassischen Drogentod. Wenn mich nicht alles täuscht, ist das neben dem Schicksal von Ian Curtis der einzige unzweifelhaft belegte Freitod eines Popmusikers. Nichts, was in der Popmusik jemals an der Tagesordnung gestanden hätte.

Jörg Heiser: Mir fällt höchstens noch Nick Drake ein.

Diedrich Diederichsen: Stimmt, da ging man auch allgemein von Suizid aus, obwohl die Sachlage nicht so eindeutig gewesen ist. Was aber die Selbstmorde von Ian Curtis und Kurt Cobain miteinander verbindet und sie von allen anderen unterscheidet, ist die Tatsache, dass beide, Curtis und Cobain, unter anderem ein Problem mit der Rolle hatten, die sie in der Öffentlichkeit einnahmen. Beide standen für eine Lebensfähigkeit, die mit einer bestimmten Form von Skeptizismus und Nihilismus verbunden war. Und indem sie sich beide umbrachten, machten sie das Statement, dass diese Lebensfähigkeit nicht mehr gegeben ist, und damit haben sie auch eine Aussage gemacht für ihre Anhängerschaft. Was nun Kurt Cobain angeht, so ist der entscheidende Punkt in den Liner Notes zu seinem Selbstmord (allgemeines Gekicher), ich meine natürlich, im Abschiedsbrief zu finden. Das einzige Argument, das dort ausführlicher beleuchtet wird, ist bezeichnenderweise mit dem Problem des Vor-die-Masse-Tretens beim Live-Konzert verbunden. Cobain vergleicht sich mit Freddy Mercury, der hätte es wahrscheinlich auch nicht leicht gehabt, Mercury sei als Performer eine genauso problematische Figur wie er, aber doch der letzte okaye Massenentertainer gewesen. Und als sich Cobain mit ihm vergleicht, kommt er zu dem Schluss, dass er diese Rolle eben nicht mehr ausfüllen, das Auftreten in der Öffentlichkeit nicht mehr genießen kann. An diesem Punkt, denke ich, kann man eine Linie ziehen zu dem Film Der Teufel, möglicherweise von Robert Bresson, wo zwei Jugendliche mit langen Haaren, im Grunde genommen zwei Generation-X-Figuren, obwohl der Film schon in den siebziger Jahren entstanden ist, durch Paris schleichen und sich irgendwann auf dem Pere Lachaise erschießen lassen. Das Ende ist von Anfang an klar und wird quasi zelebriert. Genauso, wie im Film kein Einwand gegen das Handeln der Figuren möglich ist, hat man es auch bei Cobain und Curtis mit zwei Menschen zu tun, die mit ihrem Nihilismus so weit gegangen sind, dass ihrem Ende eine gewisse Folgerichtigkeit zukommt. Dagegen gibt es wirklich keinen Einwand, außer so einen Quatsch wie »Selbstmord ist keine Lösung«.

Christoph Gurk: Der Selbstmord sozusagen als letzte verbliebene Möglichkeit, eine durch nichts relativierbare Handlung zu begehen.

Diedrich Diederichsen: Ja, in einem Universum, wo alles strategisch gesehen, alles in endlose Referenzen aufgelöst wird, ist das eine Sache, die nur auf die physische Existenz hin lesbar ist.

Mark Terkessidis: Ich kann wirklich nicht verstehen, wie zum Beispiel Clara (Drechsler), die leider heute nicht da sein kann, zu der Behauptung kommt, dass dieser Selbstmord selber ein strategisches Moment haben könnte, ja sogar das Nicht-Authentische vor dem Herrn ist. Gibt es etwas Authentischeres als Selbstmord?

Christoph Gurk: Also, ich habe da auch meine Zweifel. Im Hinblick auf Cobains physische Existenz ist dieser Tod natürlich eine nicht wegzurelativierende Tatsache. Trotzdem glaube ich, dass die Art, wie Cobain sich umgebracht hat, unter anderem auch Züge einer Inszenierung hat. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich ein Mensch, von dessen Leben die Medien so sehr Besitz ergriffen hatten, nicht darüber nachgedacht hat, wie sein Tod durch eben diese Medien interpretiert wird. Dafür spricht der Abschiedsbrief, der den Selbstmord erklärt, bevor es andere für ihn tun, und von dessen Inhalt Cobain in jedem Fall annehmen musste, dass er an die Öffentlichkeit gelangt, bevor ihn Courtney Love überhaupt zur Kenntnis nehmen kann, denn sie war ja zu diesem Zeitpunkt in Los Angeles. Und wenn Cobain einfach nur hätte sterben wollen, ganz unabhängig davon, was die Nachwelt später darüber denkt, wäre eine Überdosis sicher, entschuldigt diese Formulierung, aber eine bessere fällt mir jetzt nicht ein, die bequemere Lösung gewesen. Indem er sich aber eine Schrotflinte in den Hals setzte, wollte Cobain, denke ich, auch sicherstellen, dass sein Tod als willentlich herbeigeführt gelesen werden muss. Insofern hat die Wahl der Todesumstände klar den Status einer symbolischen Handlung. Es geht mir hier wirklich nicht darum, die Drastik dieser Tat zu schmälern, aber das Ganze war eben auch ein Medientod ersten Ranges. Und genau das ist der Grund, glaube ich, warum Clara so sauer war über diesen Selbstmord. So sehr Cobain seine Vermarktung als Sprachrohr der Generation X gehasst hat, so sehr hatte er die ihm von außen durch den Medienapparat zugeschriebene Wichtigkeit derart verinnerlicht, dass er selbst noch seinen Abgang mit allen Zeichenregistern von Wichtigkeit ausstatten musste. Selbstmord konnte für Cobain nur solange die einzige Alternative bleiben, wie sein Denken in stillschweigendem Einverständnis mit den Mechanismen stand, die letztlich zu seinem Tod mit beigetragen haben. Er hätte ja auch einfach aussteigen, Schafzüchter in Irland werden können, aber nein, man ist doch wichtig, und der Abschied davon kam nicht in Frage. Nach dieser Lesart hat Cobain mit seinem Selbstmord seinen Selbstvertreterstatus für eine Generation erst recht akzeptiert.

Diedrich Diederichsen: Was macht dich so sicher, dass Cobain den Tod durch Erschießen in erster Linie im Hinblick auf die Medienreaktionen gewählt hat? Als Jutta (Koether) kurz nach dem Bekanntwerden der Todesnachricht Kim Gordon in New York traf, meint sie, alles was Cobain in den letzten zwei Jahren gemacht hätte, selbst das Mit-dem-Kopf-ins-Schlagzeug-Knallen bei der MTV-Awards-Verleihung, sei total suizidal gewesen, man hätte immer auf ihn aufpassen müssen, damit er sich nicht umbringt, und die Sache in Rom wäre nicht im Entferntesten der erste Selbstmordversuch gewesen. Vielleicht wollte er diesmal nur sichergehen, dass es nicht noch mal schief geht. Aber egal, hier kann es sowieso nicht um persönliche Motivationen gehen, das ist alles Spekulation. Worüber wir reden können, ist der Tod einer öffentlichen Person, die eine bestimmte Rolle eingenommen hat, und darüber, warum dieses Rollenmodell nicht mehr überlebensfähig war. Was hier außerdem vergessen wird: Die unglaubliche Resonanz, die dieser Tod in Amerika hervorrief, hatte auch damit zu tun, dass dort die Verhältnisse viel schärfer sind. Und wenn man hier über Klischee-Sprüche spricht, Generation X, Mac-Jobs oder so, dann muss man eben auch daran denken, dass da wirklich kein Mensch einen vernünftigen Job hat. Alle Leute, die wir in Los Angeles so kennen, Christoph hat das ja neulich auch mitbekommen, haben eine superteure Ausbildung und …

Mark Terkessidis: … halten sich über Wasser, indem sie Autos zusammenparken.

Diedrich Diederichsen: Ja, es gibt nur ganz wenige, die Karriere in der Kultur machen oder im Universitätsbereich, der Rest reißt irgendwelche Quatschjobs ab, und wenn er sie nicht macht, gibt’s gar nichts. Die alle haben Clinton gewählt wegen der Gesundheitsreform, und auch das würde hier doch niemand machen. Niemand würde Scharping wählen, weil er irgendein inhaltliches Angebot an Arbeitslose zu machen hat.

DAS ENDE DER SOPHISTICATION

Jörg Heiser: Ich würde ganz gerne noch mal auf Kurt Cobains öffentlichen Status zurückkommen und die Rolle, die sein Tod in diesem Kontext spielt. Als ich kurz nach Cobains Tod mit Dietmar Dath sprach, meinte er, das muss doch Axl Rose tierisch nerven, dass Cobain sich umgebracht hat, das war doch die Rolle, die er die ganze Zeit eingenommen hat. Axl Rose, als der Schizophrene, der in seinem Hotelzimmer sitzt und mit sich selbst spricht, in seinen Videos ständig zelebriert, dass er Opfer seiner Kindheit ist und ständig Metaphern seines Todes auftauchen lässt, also ständig mit der existentiellen Grenze spielt, und plötzlich kommt Cobain und bringt sich tatsächlich um.

Sandra Grether: Wobei aber gerade Cobain in seinen Texten, die jetzt dauernd auf suizidale Strukturen abgetastet werden, viel weniger existentielles Pathos ins Spiel gebracht hat als Axl Rose.

Diedrich Diederichsen: Das ist ja genau der Unterschied. Der Tortured Artist, der artaudmäßig immer an der Grenze entlang galoppiert, ist eine andere Figur, das kennt man aus der Literatur, als der »Selbstmörder«. Es gibt zum Beispiel diesen Roman von Knut Hamsun, Das letzte Kapitel, der spielt wie der Zauberberg in einem Sanatorium, wo der eine ständig über Selbstmord spricht und der andere sich dann wirklich umbringt. Eine alte Geschichte.

Jörg Heiser: Aber der Witz an der Sache ist, dass der eine nicht mehr davon weiterreden kann, nachdem der andere es getan hat. Axl Rose wird sich also was anderes ausdenken müssen, wenn er sich nicht komplett lächerlich machen will.

Mark Terkessidis: Nicht unbedingt. Aus dem Blickwinkel der bürgerlichen Presse, die das alles unter dem Aspekt der Strategie liest, von wegen, die nerven, die Rockstars, besonders Cobain, würde gerade das Axl-Rose-Modell aufgewertet. Axl Rose ist doch im Besitz der grandiosen Sophistication, die ganze Zeit mit der symbolischen Grenze zu spielen, ohne sie zu übertreten. Das aber ist der Punkt beim Tode Kurt Cobains, das Ende der Sophistication.

Diedrich Diederichsen: Ja, genau!

Mark Terkessidis: Plötzlich wird einem klar, die meinen das alle ernst. Diese ganze postmoderne Sophistication oder dieses postmoderne Außerhalb von Ambivalenz, das hat es wahrscheinlich nie gegeben. Das alles war immer ernst gemeint.

Diedrich Diederichsen: Doch, das hat es unter anderen wirtschaftlichen Verhältnissen schon gegeben, aber genau das ist jetzt nicht mehr möglich, nicht unter den gegenwärtigen Bedingungen.

Jörg Heiser: Ich glaube, man muss davon ausgehen, dass Kurt Cobain bis zu einem bestimmten Punkt das, was du postmoderne Ambivalenz nennst, schon mitgetragen hat. Aber irgendwann hat seine Karriere eine Eigendynamik entwickelt, wo alles in Ernst umgeschlagen ist.

Mark Terkessidis: Nein, ich glaube, dass Kurt Cobain sein Punk-Ethos immer ernst genommen hat.

Sandra Grether: Klar, die Generation, der Cobain angehörte, hat Punk noch ernster genommen, als die Leute, die damit angefangen haben, und wahrscheinlich ging es Cobain darum, diesen Mythos, an dessen Entstehung er selber nicht beteiligt war, nachzuleben mit allen wichtigen politischen Forderungen, für die Punkrock immer gestanden hat. Einen guten Teil davon haben Nirvana auch eingelöst, wenn man zum Beispiel an Cobains Position gegen Sexismus oder daran denkt, dass sich Cobain von Schwulenmagazinen hat fotografieren lassen.

Kerstin Grether: Das ist doch eher ein Beispiel dafür, dass man sich unter neuen Verhältnissen ein Symbol von Widerstand heranholt, das es unter ganz normalen bohemistischen Bedingungen so gar nicht mehr gibt.

Diedrich Diederichsen: Doch, doch, es gibt reichlich Widerstand, vor allem in den USA, und der ist in der Tatsache begründet, dass die Leute alle verdammt noch mal keinen Job haben. Das ist genau der Punkt an Punkrock und Nirvana, wobei ich den Anti-Sexismus noch eher für einen Nebenaspekt halte: Alles, wovon Punk mehr oder weniger dystopisch, also negativ-utopisch gesprochen hat, ist mittlerweile eine unausweichliche Realität und nicht mehr eine nur symbolische Geschichte. Die Postmoderne als kulturelles Phänomen war eine symbolische Geschichte, aber inzwischen leben wir unter den Bedingungen einer postmodernen Ökonomie, und mit diesen veränderten Bedingungen lässt sich der Unterschied zwischen den Sex Pistols und Nirvana bestimmen. Die Sex Pistols waren nicht mit dieser postmodernen Ökonomie konfrontiert, und das gab ihnen noch die Möglichkeit, den Widerstand auf einer symbolischen Ebene zu leisten. Diese Möglichkeit ist so nicht mehr gegeben. Es gibt diese postmoderne Ökonomie, und das ist Ernst! Damit kann man auch den Unterschied zwischen Nirvana und Guns N’ Roses erklären. Guns N’ Roses stehen im Grunde genommen für Faschisierung, das Ergebnis von Arbeitslosigkeit und den üblichen Reflexen, die passieren bei einer herabgesunkenen Mittelklasse, eben in Richtung Faschisierung. Nirvana stehen für den anderen Weg, für Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit, ohne Faschisierung, sondern zum Beispiel mit anti-sexistischen Inhalten. Das ist der andere Weg, und dieser Weg ist im Falle von Nirvana im Selbstmord geendet.

DER POET UND DER ROCKSTAR

Sandra Grether: Wichtig, finde ich, ist in diesem Zusammenhang die Erfahrung des In-die-Schule-Gehens in den achtziger Jahren, und das im Unterschied zu den siebziger Jahren. Da hat es doch zuletzt das Problem gegeben, dass man selbst dort gar nicht mehr als Opposition vorkam. Dieser Begriff konnte gar nicht mehr gedacht werden, weil jeder Widerstand immer nur als Verbesserungsvorschlag ankam und so aus der symbolischen Ordnung überhaupt nicht raus konnte.

Diedrich Diederichsen: Das ist eher ein Früh-Achtziger-Problem, ein typisch postmodernes Original-Punk-Problem, und gerade nicht ein Problem der jetzigen Lage, wie sie sich seit ungefähr fünf Jahren darstellt. Ich glaube, in diesem Punkt liegt der entscheidende Unterschied zwischen Bob Mould und Kurt Cobain. Und für Bob Mould kannst du meinetwegen auch sagen: Morrissey. Das sind Leute, die eine ähnlich problematische Rolle, aber unter anderen Verhältnissen gespielt haben, unter den gleichen symbolischen, aber anderen politischen. Unter diesen Verhältnissen war es ihnen an einem Punkt ihrer Karriere ohne Probleme möglich, Solo-Künstler zu werden, Dichter, wie es das immer schon gab, während Kurt Cobain wie auch zum Beispiel Dave Pirner auf ihre Rolle als Repräsentant festgelegt waren oder sind, und da auch kein Rauskommen war oder ist. Entweder wird man Zyniker wie Dave Pirner, oder man bringt sich halt um. Weil eben die Lage eine andere Ernsthaftigkeit produziert.

Christoph Gurk: Stimmt, aber damit ist Sandras Einwand, was das Rauskommen aus der symbolischen Ordnung angeht, noch nicht vom Tisch. Denn Cobains problematische Rolle als Repräsentant wider Willen hat sich ja nicht erst beim Stadion-Event, Face To Face mit einer Masse, die man plötzlich vertreten muss, gestellt. Nirvana waren spätestens seit Nevermind ein MTV-Phänomen, und darüber haben wir doch neulich gesprochen, dass man sich nun, anders als zu den Zeiten von SST oder Homestead, wo noch symbolisch relativ unreglementierte Formen künstlerischer Diversifizierung möglich waren, dank der weltweiten Verbreitung von MTV mit einem hochgradig postmodern codierten Medium konfrontiert sieht, das 24 Stunden am Tag eine symbolische Definitionsmacht über Widerstandsgesten ausübt, indem es sie umstandslos nivelliert, und auch daraus gab es für Nirvana kein Entkommen. Das ist doch der Witz an dem, was du postmoderne Ökonomie nennst, dass MTV als ein maßgebliches Medium dieser Ökonomie das Kunststück vollbracht hat, eine wirtschaftlich und politisch einflusslose Bevölkerungsschicht zur für die Unterhaltungsindustrie problemlos zugänglichen Zielgruppe »Generation X« zu homogenisieren. Und wenn man der Analyse des Chicagoer Theorie- und Musik-Zines The Baffler folgt, dass »Alternative« inzwischen nicht mehr als ein Marktsegment ist, das Dissidenz jederzeit via MTV kontrollierbar und kommerziell verwertbar macht, das in erster Linie der Ruhigstellung der verarmten US-Jugend dient, dann hatten Nirvana zum Schluss eine extrem staatstragende Funktion. Jede rebellische Geste war ein gerne akzeptierter Verbesserungsvorschlag innerhalb der symbolischen Ökonomie von MTV, der obendrein die Ware Nirvana mit dem kommerziell extrem verwertbaren Signum der Authentizität ausstattete. Das ist der Preis, den die postmoderne Ökonomie für ihre härtesten Kritiker bereithält. Kurt Cobain hatte das natürlich erkannt, als er in dem Song »Serve The Servants« sang, »Teenage angst has paid off well, now I’m old and bored«, aber er hat sich zu diesem Mechanismus nach Maßgabe der Täter-Opfer-Logik verhalten und sie bis in sein Grab hinein weiter reproduziert. In dieser Hinsicht ist er einerseits wirklich der erste MTV-Tote, wie Mark Sikora neulich meinte, denn er war unfähig zum Zynismus. Andererseits frage ich mich, ob damit nicht auch das Konzept Punkrock unter den Bedingungen von MTV zu Grabe getragen worden ist, ob es also nicht intelligentere, gleichwohl unzynische Strategien im Umgang mit der symbolischen Definitionsmacht von MTV gibt, die über die reine Verweigerungshaltung hinausgehen. Nirvana haben sich zur Verwertungslogik strukturell dumm verhalten, und auch daran sind sie kaputtgegangen.

Diedrich Diederichsen: Im Prinzip wirfst du Cobain also vor, dass er nicht Madonna war.

Christoph Gurk: Möglicherweise, ja.

Diedrich Diederichsen: Und ich finde gerade gut, dass er nicht Madonna war, ich halte das für eine honorige Position.

Christoph Gurk: Natürlich ist das eine honorige Position, aber keine, mit der man irgendetwas ausrichten kann.

Diedrich Diederichsen: Es ist die einzig mögliche. Ausrichten kann da nicht das Kriterium sein, für mich klingt das nach Reformismus. Man kann von niemandem verlangen, dass er sich unter veränderten Bedingungen so verhält wie unter den vorangegangenen, weil er dann die Garantie hat, noch etwas ausrichten zu können. Ich bin ja auch immer für Pragmatik und Politikfähigkeit, aber ein Künstler in dieser Situation muss als Repräsentant unter anderem der Tatsache Rechnung tragen, dass das, was er da repräsentiert, sich verändert hat und die Madonna-Geste einfach nicht mehr geht.

Kerstin Grether: Gibt es denn so was wie die Neunziger-Jahre-Entsprechung zu Madonna?

Christoph Gurk: Das ist die Fragestellung, die der SPIEGEL für sein Sonderheft »Pop und Politik« von Clara beantwortet haben wollte. Sie hat abgelehnt.

Mark Terkessidis: Die Frage ist echt völliger Quatsch, weil man das, was Madonna gemacht hat, wirklich nicht mehr durchziehen kann. Bei Madonna oder meinetwegen auch Prince ging es noch um Entgrenzung, um das Spiel mit Identitäten, während es bei Cobain darum ging, dass man mit Identitäten eben nicht mehr spielen kann. Man ist notgedrungen darauf festgelegt.

Kerstin Grether: Gut, aber Madonnas Überschreitungs-Visionen hatten schon immer, auch in den achtziger Jahren, ihre problematischen Aspekte. Wenn man von strategischen Essentialismen spricht, muss man auch von den Vorläufer-Gefahren der beliebig erweiterbaren, wechselnden Identitäten sprechen. Sie nahmen vorweg, was zu gesellschaftlichen nützlichen Stabilitätsfaktoren wurde: Split Identity, Teilzeitjob, Mehrfach-Belastung. Ich habe immer Probleme damit, Madonna auf dieser ästhetizistischen Ebene zu belassen. Deshalb ist auch der Satz von Courtney Love auf der neuen Hole-LP so gut, wo es heißt: »Fake, it’s so real, I am beyond fake.« Das ist mehr eine Kritik am auslaufenden Modell Madonna als eine Beschreibung neuer Verhältnisse.

Christoph Gurk: Tja, und wie steht’s mit Beck?

Mark Terkessidis: Der ist doch auch kein Fake, das hast du selber doch ständig allen Leuten entgegengehalten, die ihn nur für so einen Geffen-Records-Gimmick halten.

Christoph Gurk: Ja, schon, aber auch das ist nicht ganz unkompliziert. Wenn man davon ausgeht, dass Cobain als eine lokale Punkrock-Größe nach Nevermind mit seinem moralischen Rigorismus sozusagen in den MTV-Kosmos reingeplumpst ist und in vielerlei Hinsicht irreversible Tatsachen geschaffen hat, dann ist Beck eine Figur, die schon auf diese Tatsache vorbereitet war, als sie auf diesen Kosmos losgelassen wurde, die schon in der Lage ist, mit der ldentitätszuschreibung »Generation X« zu spielen. Mit anderen Worten: Beck ist ganz klar eine authentische Figur, die jahrelang in Los-Angeles-Kunst-und-Musik-Zusammenhängen abgehangen hat, aber sich selbst in dem Moment, wo die Chance bestand, zum neuen, hippen Slacker-König ernannt zu werden, ganz bewusst als Marketingartikel inszeniert und designt hat, bevor es andere für ihn tun. Das ist der Sinn der Zeile »I’m a loser, baby, so why don’t you kill me«. Für mich ist das der beste Kommentar auf das Problem der Identitätszuschreibung, den es im Moment geben kann. Sie wird notgedrungen akzeptiert, weil die Erkennungszeichen eines Slackers anderweitig längst festgeschrieben worden sind, und gleichzeitig wird sie zur Farce erklärt.

Diedrich Diederichsen: Also, Beck kann man dem nicht einfach entgegensetzen, als neuen Durchlauf von neuer, postmoderner Madonna-Strategie, der dann wieder damit spielt, dass er »Generation X« ist, die wiederum einem bestimmten Industriekomplex angehört. Denn Beck ist eher eine Figur, von der man erstmal gar nichts sagen kann, weil es von ihr nur diese Platte gibt, aber keine Persona. Beck wäre vielleicht ein Weg, wenn sich diese Position durchhalten ließe, aber ich glaube nicht, dass sich das durchhalten lässt. Natürlich ist das klasse, wenn Beck singt »I’m a loser«, das beste, was man im Moment sagen kann, und das wird auch ganz toll präsentiert, doch wenn wir von Kurt Cobain reden, dann sprechen wir von einem Lebensweg, und nicht von einer einzelnen Station, aber genau das ist ein Hit wie »Loser«.

YOUTH CULTURE UND AFROZENTRISMUS

Jörg Heiser: Soll das heißen, dass man sich mit den Identitätsmodellen, die einem von außen zugeschrieben werden, einfach zufriedengeben muss? Das ist doch ein bisschen unbefriedigend.

Mark Terkessidis: Nein, das beschreibt erstmal nur eine Ausgrenzungspolitik im Sinne von: »Der Neger ist ein Neger«. Und die wird zurzeit im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten brutal angewandt. Die Grenzen werden gerade neu verlegt, während man in den achtziger Jahren noch die Perspektive hatte, alle Grenzen überschreiten zu dürfen.

Diedrich Diederichsen: Ja, und in diesem Sinne glaube ich, dass mit Kurt Cobains Tod nicht allein irgendetwas zu Ende geht, sondern paradoxerweise auch etwas Neues eröffnet wird. Zunächst mal, dass es jemand offensichtlich für notwendig befindet, für die Geste der Authentizität zu sterben, zum anderen, dass Youth Culture, »Generation X« und der ganze Kram mittlerweile in einer Lage sind, in der sich zum Beispiel HipHop schon seit Ewigkeiten befindet, dass man sich nämlich nicht aussuchen kann, ob man Essentialist sein will, oder nicht. Überspitzt ausgedrückt: Was ansteht, ist eine Art Afrozentrismus der Youth Culture, auf ihre Situation bezogen. Das ist eine Sache, die spätestens mit Kurt Cobains Tod deutlich geworden ist, und irgendwo in diesem neu eröffneten Koordinatensystem steht auch eine Figur wie Beck.

Christoph Gurk: »I’m a Ioser«, eben!

Mark Terkissidis: Ja, das beschreibt eben die Situation, wo Youth Culture auch zu einem kulturalistischen Diskriminationsmerkmal wird, im Sinne der Episode, die Mike Davis erzählt, dass nämlich in Los Angeles die Kundschaft von Supermärkten oder Banken mit einem unsichtbaren Suchgerät daraufhin abgetastet wird, ob sie Turnschuhe trägt, und dann sofort den Hausdetektiv an den Fersen kleben hat.

Diedrich Diederichsen: In Kalifornien führen auf Youth Culture bezogene Kleidungsstücke mittlerweile zur Relegation von Schulen. Du wirst rausgeschmissen, wenn du mit einer Bandana in die Clairmont High School gehst, du wirst rausgeschmissen, wenn du mit bestimmten Sneakers-Marken in die Pomona High School gehst, das ist alles nach den in den jeweiligen Gegenden herrschenden Moden abgegrenzt. Außerdem gibt es in Kalifornien ein neues Gesetz, wonach man eine Gang-Mitgliedschaft erkennen kann, zum Beispiel daran, wenn man 30 Tage lang in Folge mit einem anderen Jugendlichen unter bestimmten Bedingungen wie Ghettoblaster-dabei-Haben abhängt. Das ist strafbar, und das wird kulturalistisch definiert, nach dem, was man sich so kulturell alles antut.

Christoph Gurk: In diesem Magazin, von dem ich eben sprach, The Baffler, gibt es einen Artikel mit dem Titel »We Are Marketed, Therefore We Are«. Besonders interessant ist darin die Beobachtung, dass sich Leute aus dem Bekanntenkreis des Autoren, auf die mehr oder weniger alle Features eines Angehörigen der »Generation X« zutreffen, erst ab dem Zeitpunkt mit dem homogenisierenden Personalpronomen »Wir« adressierten, als es die Medienkonstruktion »Generation X«schon gab. Vorher wurde das Wort »Wir« in dieser Form nicht verwendet.

Diedrich Diederichsen: Und es kommt eben darauf an, mit dem »Wir« vernünftig umzugehen. Nämlich weder seine verdammte Individualität oder Andersheit oder prinzipielle Undeterminierrheit einzuklagen, noch dieser Zuschreibung blind zu folgen. Das läuft schon auf das hinaus, was Stuart Hall »Strategischer Essentialismus« oder »New Ethnicitys« nennt, und was von außen essentialistisch aussehen wird und auch muss. Aber die Frage muss dann doch in die Richtung gehen, welcher Punkt darüber hinaus zu machen wäre.

Kerstin Grether: Oder anders gesagt, wie sieht denn die Strategie genau aus, die sich auf den Essentialismus bezieht?

Diedrich Diederichsen: Der Standpunkt, wie er in der Schwarzenbewegung oder in Minderheitenbewegungen vertreten wird. geht ja so: Wir sind nicht so blöd zu glauben, was die Zuschreibungen uns zuschreiben, wir sind auch der Meinung, dass wir hybrid sind, multiple Identitäten und so weiter. Politikfähig wird man aber nur dann, wenn man sich klarmacht, dass der jeweils unbequemste Aspekt der jeweils zugeschriebenen Identität immer auch der politischste und damit der entscheidende ist. Wenn jemand zum Beispiel aus einem Interracial Couple stammt und als Weißer durchgeht, dann muss man in einer solchen Situation die Black Identity hervorkehren. Wobei jede dieser beiden Optionen, Hybridity und Essentialismus, nur dann Sinn macht, wenn man sie kombiniert, oder umgekehrt, jede dieser beiden Optionen isoliert anzuwenden, wäre der falsche Weg.

Mark Terkessidis: Trotzdem bleibt der Einwand, dass damit nach außen hin wieder nur die amtliche Subjektivität rekonstruiert wird. Von daher bleibt die Forderung nach Politikfähigkeit mit einer ganzen Reihe problematischer Implikationen verbunden.

Diedrich Diederichsen: Es stellt sich eben die Frage, ob die Logik der Zuschreibung noch funktioniert, wenn sich die jeweiligen Subjekte mit diesen Zuschreibungen nicht-identisch fühlen.

Christoph Gurk: Also, ich sehe das ähnlich wie Mark. Was ist der Nutzen, wenn man nach außen hin die ldentitätszuschreibung akzeptiert, sich meinetwegen insgeheim sagt, dass man sich aber damit nicht-identisch fühlt, solange zum Beispiel die Verwertungszusammenhänge, die aus diesen Zuschreibungen finanzielles Kapital schlagen, mit dieser Strategie ungehindert koexistieren können? Mir scheint, dass diese Form der Politikfähigkeit mit dem Preis der totalen Wirkungslosigkeit bezahlt wird.

Diedrich Diederichsen: Was du jetzt mit dem Wort Verwertungszusammenhang beschreibst, bezieht sich auf künstlerische Strategien angesichts der Tatsache, dass Kunstwerke auch Waren sind. Das ist ein gesondertes Problem. Ich habe aber gerade von politischen Strategien im Allgemeinen gesprochen und dabei übrigens erstmal referiert, was in Soho zu diesem Thema gedacht wird. Klar, da ist man sich inzwischen darüber bewusst, dass diese Strategie noch nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Aber das ist der Stand der Dinge, wie er in der Whitney-Biennale 1992 kulminierte. Wo ist die Alternative?

AB IN DIE GALERIE!

Christoph Gurk: Dann würde ich wirklich noch mal ganz gerne auf das Feld der künstlerischen Strategien zurückkommen. Was mir immer noch nicht hinreichend geklärt zu sein scheint, ist vor allem das Realitätsproblem in der Kunst oder auch die Frage, welche Authentizität einer Handlung zukommen kann, solange sie sich innerhalb einer symbolischen Ordnung bewegt, die nach den Prinzipien der Verwertungslogik organisiert ist. Das betrifft eben auch den Selbstmord Kurt Cobains: Als empirische Handlung ist er unrelativierbar, davon haben wir anfangs gesprochen, aber Cobains Selbstmord als Medienereignis ist anderen Gesetzen unterworfen.

Diedrich Diederichsen: Nein, das glaube ich nicht. Wie gesagt: Mit seinem Selbstmord hat Cobain ein Statement gemacht für die Authentizität dessen, wovon Nirvana gehandelt haben. Dieses Statement ist nicht relativierbar. Der Tod von Kurt Cobain ist auch keine Ware, genauso wenig wie Kurt Cobain eine Ware ist, sondern ein verrottender Leichnam in Seattle. Nirvana-Platten sind Waren. Und was die Beziehung von Künstlern, die sich als politisch verstehen, zur Warenhaftigkeit ihrer Produkte angeht, sollte man sich keinen großen Illusionen hingeben. Es ist nur einmal ganz kurz möglich, diesen Warencharakter zu überschreiten, und danach gibt’s nur die Option der Regression, Solo-Künstler zu werden, oder sich umzubringen. Eine Alternative dazu gibt’s nicht, und das ist immer schon so gewesen. Da es niemandem anzuraten ist, sich umzubringen, ist man wohl oder übel gezwungen, Künstler zu werden, mit allen problematischen Implikationen, die uns bekannt sind. Das ist ein alter Hut, der nicht von den Veränderungen der Rahmenbedingungen für Youth Culture betroffen ist, über die wir gerade gesprochen haben.

Sandra Grether: Warum war es denn Cobain nicht möglich, Solo-Künstler zu werden?

Christoph Gurk: Gute Frage. In dem Interview, das Cobain für die November-Nummer von SPEX (1993) gegeben hat, sprach er davon, dass Neil Young für ihn als Role Model in Frage gekommen wäre. Neil Young als ein Mann, dem der Sprung zum Künstler, der nur noch für sich selbst spricht, geglückt ist, der immer für einen ähnlich gelagerten moralischen Rigorismus gestanden hat wie Cobain.

Diedrich Diederichsen: Neil Young ist immer ein wenig idealisiert worden. Der besteht nicht einfach aus einer Aneinanderreihung von brillanten, rigorosen Statements, da war viel inhaltlicher Schrott dabei, auch wenn es musikalisch kein Schrott war. Ein interessanter Solo-Künstler, keine Frage, aber das fällt in die Logik von Balzac bis Morrissey, der geht halt so seinen Weg, repräsentiert aber nichts mehr, was relevant wäre, nichts als eben sich selbst und seinen Fankreis. Damit hat er kein Problem gelöst, das für uns im Zusammenhang mit Cobain interessant wäre. Sicher, Kurt Cobain hätte es wie Neil Young machen können, das hätte ihm das Leben gerettet, aber ein Problem hätte auch er damit nicht gelöst. Tendenzistisch gesprochen, glaube ich übrigens, dass Kurt Cobain geschichtlich der letzte Rockstar war, der sich noch selbst umbringen musste. Denn die Perspektive der White-And-Middle-Class-Kultur nähert sich wirklich immer mehr der Lage an, in der sich HipHop-Kultur schon lange befindet. Da muss niemand dafür Sorge tragen, sich selbst umzubringen, weil das andere für einen erledigen, da gibt’s genügend Stray Bullets, die dafür sorgen, dass der Bevölkerungsstand dezimiert wird. In der gegenwärtigen ökonomischen Situation steuern wir zunehmend auf eine Situation zu, wo auch du als weißes Subjekt in den Vereinigten Staaten, mit dem Geld, das du mit deinem Parkwächterjob verdienst, in eine Gegend abgedrängt wirst, wo die Stray Butlers fliegen, und da wird dann das Phänomen Selbstmord von Mittelklassekids verschwinden.

Mark Terkessidis: Das wird auch hier kommen, die Mac-Jobs werden einem ja schon langsam schmackhaft gemacht, von wegen, wir brauchen mehr Teilzeitjobs, um die Arbeitslosen abbauen zu können.

Diedrich Diederichsen: Und in den USA wird sich die Entwicklung auch unter Clinton nicht ändern. 70 Prozent aller unter Clinton geschaffenen neuen Jobs sind ohne jede soziale Absicherung.

Mark Terkessidis: In Zukunft wird es eine Aufteilung geben, wo ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung noch wie bisher weitermachen darf…

Diedrich Diederichsen: … und die alten bürgerlichen Probleme in einer marginalen Galerienhochkultur verhandelt werden. Das ist eh die andere Perspektive von Indie, Galerienkunst zu werden.

Mark Terkessidis: Damit wird aber auch das Problem von Indie, etwas anderes als sich selbst zu repräsentieren, verschwunden sein.

Diedrich Diederichsen: Der bürgerliche Künstler, der sich selber erschießt, ein Ereignis im Galerien-Circuit…

Mark Terkessidis: … wo die alte Mittelklasse die eine neue Oberschicht bildet. Der Tod der bürgerlichen Kunst, wie man sie kennt.

Diedrich Diederichsen: Genau, Kurt Cobain war der letzte Versuch, von einer bohemistischen Indie-Szene aus, Massenkultur zu sein. Das ist der Punkt.

Christoph Gurk: Diese neue Massenkultur, die Nirvana geschaffen haben, wird aber über Kurt Cobains Tod hinaus weiterbestehen.

Diedrich Diederichsen: Die wird sich spalten in eine Kultur, wo soziale Nöte eine Rolle spielen, und in eine, die bürgerliche Galerienkunst sein wird. In diesem Zusammenhang würde ich ganz gerne noch mal auf Neil Young zurückkommen, der wird ja in Cobains Abschiedsbrief und dort an prominenter Stelle ausgerechnet mit dem Song »Hey, Hey, My, My« zitiert. Gerade die Zeile »It’s better to burn out than to fade away« verwendet ein beliebtes romantisches Individualkünstler-Topos.

Christoph Gurk: Mit der er seinen Selbstmord auf abartige Weise mythisiert.

Diedrich Diederichsen: Nein, er hat den Satz einfach falsch verstanden. Cobain ist ja gerade weggefadet anstatt auszuburnen. Burn out wäre gewesen, als Tom Waits in der Hamburger Staatsoper aufzutreten. Interessanterweise steht aber in dem Song, auf den er sich bezieht, noch sehr viel mehr drin. Zum Beispiel die Zeile: »Once you’re gone, you never come back.« Den Satz hat er leider nicht beherzigt. Was Cobain richtig gesehen hat: Der Song ist wirklich so ein kleines Brevier »Überleben für Künstler«. Und er hat ihn zitiert, um damit einen Selbstmord zu legitimieren, oder auch nur, um damit einen Selbstmord noch mal als Fehler auszugeben. In jedem Fall ist das stark codiert, was Cobain da gemacht hat.

Mark Terkessidis: Ganz anders Soul Asylum − die sind die Bild-Zeitung.