Breaking Bad hat den unerwarteten Twist zur Kunstform erhoben, El Camino stopft nur die Löcher vor und nach dem großen Finale. Herausgekommen ist eine zweistündige Werbesendung für Netflix.

Breaking Bad fing als bissiger Kommentar auf die US-amerikanische Lebensrealität an, nahm dann aber die erstmögliche Abzweigung in Richtung Gangster-Drama. Und machte damit über ganze fünf Staffeln so ziemlich alles richtig. Die Serie von Vince Gilligan leistete sich ästhetisch eindrückliche Experimente (die Folge mit dem verdammten Staubsaugerroboter!), psychologische Showdowns (die Folge mit der verdammten Fliege!), memwürdige Nebenbei-Gags (die Folge mit der verdammten Pizza auf dem Dach!). Sie bot spannende Antagonisten (Gus!), faszinierende Opportunisten (Saul fucking Goodman!), steile Charakterentwicklungen (der verkniffene Korinthenkacker wird zu the one who knocks!) und nebenbei noch genug Merchandise-Gelegenheiten (Handzeichen bitte, wessen Pollos-Hermanos-Shirt mittlerweile im Schrank verstaubt!), um die Sache auch zur Blütezeit des illegalen Streaming noch rentabel zu machen. 

Und dann war da auch noch dieser rotzige Sidekick, der die ganze Zeit über dabei blieb, obwohl das so nie vorgesehen war. Wäre alles nach Plan verlaufen, wäre Jesse Pinkman (Aaron Paul) bereits nach der neunten Folge der ersten Staffel den Weg der meisten TV-Kleinganoven gegangen. Doch das Publikum mochte ihn. Auch Gilligan war begeistert von Pauls Performance und entschied sich während des großen Streiks der Drehbuchautor_innen 2007/2008, ihn am Leben zu lassen. Zu dessen Leidwesen übrigens. Denn anstatt zumindest einigermaßen würdevoll abzutreten bevor Walter Whites (Bryan Cranston) „Imperiumgeschäft” in die Binsen geht, bekommt dessen gebeuteltes Faktotum metaphorisch wie buchstäblich eine nach der anderen aufs Maul. Das änderte sich erst mit dem großen Finale, in dessen letzter Szene der große „Heisenberg“ seinen finalen Atemzug nimmt – und der zauselige Jesse laut schreiend in einem El Camino abhaut. Der Spuk ist vorbei.

Bis jetzt zumindest. Denn für den gleichnamigen Film muss sich Paul nun wieder in den Wagen schwingen und die Sache zu Ende bringen.

El Camino: A Breaking Bad Movie / Aaron Paul by Netflix
Eine letzte Schelle noch, dann hat Jesse Pinkman Feierabend (Foto: Ben Rothstein / Netflix).

El Camino. A Breaking Bad Movie spielt sich weitgehend auf zwei Zeitebenen ab: kurz vor dem Massaker, das den Serienspaß seinerzeit beendete, und kurz danach. Gilligans exklusiv für Netflix produzierter Film dauert satte zwei Stunden und zwei Minuten, seine zwei Storylines lassen sich aber in jeweils einem Satz zusammenfassen: Jesse muss vor der kommenden Katastrophe seinem Kidnapper Todd (Jesse Plemons) noch einmal zur Hand gehen und dabei richtig leiden. Wenige Tage danach sucht und findet Jesse genug Geld, um ein neues Leben anzufangen, wird darüber aber gezwungen, seine Eltern zu beklauen und noch zwei Typen mit Trick 17 wegzuwummen. Zwischendurch werden ein paar Mysterien aus der letzten Staffel aufgegriffen und gibt es natürlich noch ein paar Cameos von Cranston, Jonathan Banks und sogar der in Breaking Bad früh verstorbenen Krysten Ritter, die mittlerweile als Jessica Jones Männern den Kopf verdreht

El Camino ist zäh, weil von Anfang an feststeht, dass die Sache gut ausgehen muss. Szene schiebt sich an Szene, das Geschehen tröpfelt vor sich hin und nimmt dann nach ein paar Binnenproblemchen seinen erwartbaren Ausgang. Wichtiger als das Erzählen ist darin das Erklären. All das macht El Camino zu einem Film, der nicht auf eigenen Beinen steht, sondern aus künstlicher Erklärungsnot lediglich die fehlenden Löcher der Breaking Bad-Mythologie stopft. Denn das, was El Camino gleichermaßen repräsentiert wie bedient, ist zweierlei: Den zwanghaften Wunsch, jede noch so kleine Ungeklärtheit aufgedeckt haben zu wollen einerseits. Und andererseits das Verlangen nach abschließenden happy endings für den – weil good guy eben doch zu viel wäre –  good enough guy. Die Frage ist nur, wer danach gefragt hat. Das Publikum etwa?

Eine allerletzte Schelle

Breaking Bad hat aus dem wirkungsvollen Twist mit doppeltem Boden eine Kunst gemacht, die danach nie wieder erreicht wurde. Keine Show war ihren Fans seitdem einen dermaßen großen Schritt voraus. Die eine, die es fast geschafft hätte – Game Of Thrones, eh klar –, knickte in der letzten Staffel in dem Versuch, gleichzeitig für ein bisschen Überraschung zu sorgen und dennoch alle losen Fäden zusammenzuknoten,  grandios ein. Mit El Camino beugt sich Gilligan allerdings nachträglich dem neuen Aufdröseldiktat, das nach dem J.-K.-Rowling-Prinzip noch jede ausgesparte Nebenhandlung durcherklären muss: Alle müssen wissen, was eigentlich genau passierte und wie es danach weiterging – ob sie wollen oder nicht. Bis nicht irgendwer das nun wirklich allerallerallerletzte Lebewohl gesagt und mit einem klapperigen Truck in Richtung Horizont abdüst, ist die Sache einfach nicht gegessen.

Eine Serviceleistung für die zarten Seelen der unbefriedigten Binge-Watchenden, so präsentiert sich El Camino. Aber letztlich handelt es sich um einen unternehmerischen Schachzug. Der spottet der Serienkunst allerdings, indem er seinem Publikum die Nostalgie geradezu aufnötigt und mit allen Mitteln versucht, an ihre Bindung zum Vorgängerprodukt zu appellieren. Denn wo eine Serie wie Lost – immerhin: dazu weiterhin kein Sequel geplant – bis zum bitteren und ebenfalls enttäuschenden Ende von den Miträtselqualitäten eines internationalen Publikums mitgeformt wurde, wissen die Verantwortlichen mittlerweile das Begehren der Zuschauer_innen nach Tor- und Lückenschluß zu kultivieren. Und zu kapitalisieren, versteht sich. Netflix profitiert schließlich aller Voraussicht nach immens davon, dass die halbe Kundschaft und all jene, die es notgedrungen werden, um den Film noch vor der kritischen Spoilerdichte zu sehen, vorab alle fünf Staffeln wegbingen werden. Warum sich also Mühe geben?

Denn genau das ist El Camino letztlich: ein über zweistündiger Hinweis darauf, dass der real deal im Abo mit inbegriffen ist. Und weil Sie Breaking Bad und El Camino geschaut haben, können Sie doch gleich mit Better Call Saul weitermachen! Irgendwie muss die ausgebliebene Dosis Odenkirk-Wahnsinn ja nachgeholt werden, gell? Spaß beiseite, denn wer weiß: Wenn Netflix erst die Sopranos ins Programm kriegt, vielleicht wird dann auch der wirkungsvollste Blackscreen der Fernsehgeschichte nochmal mit Story überpinselt. Wenn schon der pausbäckige Paul wieder einen 20-jährigen mimen muss, kann es bis zum CGI-Gandolfini schließlich auch nicht mehr weit sein. Jesse Pinkman zumindest bekommt mit El Camino eine weitere, wenngleich hoffentlich allerallerallerletzte Schelle verpasst. 

El Camino. A Breaking Bad Movie
Regie: Vince Gilligan
Mit Aaron Paul, Jesse Plemons, Jonathan Banks, Krysten Ritter, Bryan Cranston u.a.
Ist am 11.10. gestartet