Kritiker des Kritisierens – ehemaliger SPEX-Autor Rainald Goetz gewinnt Georg-Büchner-Literaturpreis

Foto: Rainald Goetz/Suhrkamp Verlag

»Jeder, der schreibt, tritt an unter diesem einen strengen Gesetz: Ist das die Welt? Ist das richtig? Ist das wichtig? Ist das brauchbar im Kampf?«, hinterfragte Rainald Goetz sich selbst im 1984 in SPEX abgedruckten Text Fleisch. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung gab heute eine klare Antwort: Verdammt wichtig.

Mit dem Georg-Büchner-Preis 2015 wurde dem in Berlin lebenden Schriftsteller Rainald Goetz die relevanteste deutsche Literatur-Auszeichnung zuerkannt. Sie ist mit 50 000 Euro dotiert und wird am 31. Oktober 2015 in Darmstadt übergeben. In der Begründung als »Chronist der Gegenwart« bezeichnet, habe sich Goetz vor allem durch seine Beobachtungsgabe, moralische Zustandsbeurteilung und formelle Vielfalt um den Preis verdient gemacht – die scharfen Gegenwartsanalysen des in München geborenen Autors finden sich auf Blogs genauso wie in seinen Romanen.

»Goetz, zu dessen ersten publizistischen Betätigungen ab 1976 das Verfassen von Kinder- und Jugendbuchrezensionen für die Süddeutsche Zeitung zählt, ist (…) ein Virtuose auf dem Gebiet der mit Klarnamen operierenden Verbalinjurie«, schrieb SPEX-Autor Thomas Hübener vor acht Jahren über den heute 61-Jährigen, dessen Œuvre von den Auseinandersetzungen mit Techno- und DJ-Kultur in den Neunzigerjahren über das später als Buch erschienene Blog Abfall für alle sowie seine fünf Publikationen umfassende große Geschichte der Gegenwart Heute Morgen bis zum aktuellsten, 2012 im Suhrkamp Verlag erschienenen Roman Johann Holtrop – Abriss der Gesellschaft reicht. Dieser changiert wie das Gros seiner kapitalismuskritischen Texte zwischen den Polen sehr böse und sehr spaßig.

Wie der Titelheld Holtrop hat Goetz über drei Jahrzehnte lang die Systeme Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und nicht selten Popkultur konsequent beschmutzt, bespuckt und ausgebuht. So lautet es in der Begründung für den Preis treffend: »Rainald Goetz hat die deutsche Gegenwart der letzten dreißig Jahre beschrieben, zur Anschauung und zu Wort kommen lassen, er hat sie gefeiert und verdammt.« Oder wie Hübener es formulierte: »Goetz ist nicht einfach kritisch im sozialdemokratischen Seventies-Style eines Böll lesenden frühpensionierten Sozialkundelehrers, sondern metakritisch: Er ist auch Kritiker des Kritisierens.«

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