Wie ein Monument, seltsam der Gegenwart entrückt

Kristof Schreuf Bourgeois with Guitar Pop-Briefing Tonträger Spex 325 Platte der AusgaeDAX: »Ihre Suche nach ›Kristof Schreuf‹ ergab in der Kategorie ›Musik‹ keine Treffer.« Wer in den letzten Jahren auf Lebenszeichen vom einstigen Sänger und Texter der Bands Kolossale Jugend respektive Brüllen wartete, zog sich besser etwas Geduld an. Die Zeit und ihr Verstreichen sind daher womöglich nicht zufällig die großen Themen von Schreufs erstem Album unter eigenem Namen. Auf »Bourgeois with Guitar« finden sich drei eigene und neun in die Jahre gekommene Rocksongs und Disco-Klassiker – darunter »Last Night a DJ Saved My Life« von Indeep, »Highway to Hell« von AC/DC und Donna Summers »I Feel Love«. Schreuf übernahm deren Songtexte, aber er singt die Textzeilen gelegentlich zu den Melodien alter Folksongs und vor allem zu eigenen Akkordfolgen. Das Ergebnis ist urheberrechtlich auf dünnem Eis gebaut und könnte sich daher auch als Kommentar zur derzeitigen Debatte um die Unantastbarkeit von Copyrights lesen lassen. Schreuf scheint die Frage in den Raum zu stellen, was uns der Autor (Schreuf), aber auch, was uns die Autoren (der adaptierten Songs) heute noch zu sagen haben. Hört man der seltsamen Zusammenführung von Text und Musik genau zu, stellt man verblüfft fest: Ebenso berühmte wie totgeglaubte Zeilen wie »Why don’t you all fade away / And don’t try to dig what we all say / I’m not trying to cause a big sensation / I’m just talkin’ ’bout my generation« aus The Whos »My Generation« gewinnen ganz neue Dimensionen, wenn sie vom Sänger ohne das Speed-Gestottere Roger Daltreys a cappella über die Melodie von »Scarborough Fair« gesungen werden. Keiner der neun übernommenen Songs weist den Gestus einer Coverversion auf. Im Unterschied zur Revival-Band, die kanonisierte Songs so ›originalgetreu‹ wie möglich reproduziert, entkernt Kristof Schreuf die Liedtexte der anderen – nicht zuletzt auch »Search and Destroy« von Iggy Pop & The Stooges und Neil Youngs »Keep on Rocking in the Free World«.


VIDEO: Kristof Schreuf – Search & Destroy

    LINTZEL: Einige der ›Coverversionen‹ waren vor gut zwei Jahren in der tollen, von Oliver Schwabe konzipierten und von Thomas Mahmoud moderierten TV-Dokumentation »My Generation – Der Sound der Revolte« im WDR zu hören. Als eine Art Subkultur-Wegweiser spielte Schreuf darin Stücke, die für bestimmte historische Etappen und Styles repräsentativ sein sollten. Dabei stand er mit Gitarre und kleinem Verstärker in einer Art White Cube. Das hyperneutrale Setting war wohl als ironische Anspielung auf die Gefahr der Musealisierung/Galeriesierung von Subkulturen gemeint. Tatsächlich wirkte Schreuf in diesen Aufnahmen wie ein Monument, seltsam der Gegenwart entrückt. Hört man die Stücke jetzt, scheinen sie sich ganz ähnlich jedem Anspruch auf Zeitgenossenschaft oder irgendeine Dringlichkeit zu entziehen. Wie sang Distelmeyer doch auf seinem Soloalbum: »Am Ende ist es nur ein Song«. Sein alter Kumpel und Stichwortgeber Schreuf (»Anders als glücklich / Hat Kristof Schreuf gesagt«) sieht das offenbar ähnlich.

    DAX: Interessanterweise stammten auch die Zeilen »Auf dass die anderen auch anfangen / Mit sich selbst zu reden« von Kristof Schreuf. Distelmeyer machte dann aus der Negation dieser Aussage die berühmten Zeilen: »Auf dass die anderen aufhören / Mit sich selbst zu reden«. Kristof Schreuf war im Übrigen noch nie ein schneller, pragmatischer Anpacker. Als Journalist ist er berüchtigt, Texte zu spät abzuliefern, sein Romandebüt »Anfänger im Rocken« wird von der Edition Suhrkamp seit 2004 angekündigt – und ist bis heute nicht erschienen. Und bereits im September 2008 hieß es, sein Album stünde kurz vor der Fertigstellung. Damals schrieb Schreuf in der Spex-Rubrik »Erste Worte« über seine Arbeit an »Bourgeois with Guitar«: »Das Original ist der Dorftrottel der Kultur. Leute, die mich in Oliver Schwabes Film gesehen hatten, fragten mich: ›Wenn du die Musik so veränderst, warum dann nicht auch den Text?‹ Das wollte ich aber nicht. Ich mag es, wie sich durch die Bearbeitung der Klang der Worte verändert: Der Text wird so der Luxus, den sich ein Stück leistet.«

    REIHSE: Was aber festzuhalten gilt, ist – neben all dem Papiergeraschel und Überbaukrempel, den die Platte jetzt hier freilegt –, dass sie überraschend angenehm zu hören und frei von jeglichem Schlaumeiertum ist. Wo bei Kolossale Jugend, bei allen Verdiensten auf textlicher Ebene, bis auf wenige Ausnahmen das Altbackene namens Rockmusik nervte, geht hier alles Hand in Hand: Schreufs Stimme, seine Texte bzw. seine Textinterpretationen und die Musik. Trotz des ganzen Referenz-Pingpongs, das möglicherweise im Kopf des Hörers entstehen mag, klingt das Album extrem frisch, leicht, rund, neu und ja: elegant.

    DAX: In der Tat bildet diese Musik die Antithese zu Schreufs bisheriger Arbeit. Weder knüpft er an die bis ins Unverständliche, Georg-Trakl-haft verschlüsselten Texte der Kolossalen Jugend an, noch an die sperrige Musik seiner verkannten Band Brüllen. Stattdessen lässt Tobias Levins minimalistische, zugleich facettenreiche Produktion dem Hall viel Raum, die Gitarrenakkorde klingen aus und erinnern in ihrer Zärtlichkeit oft an die Sound-Architekturen der späten Talk Talk. Dazu singt Schreuf dann in seiner AC/DC-Bearbeitung »Let There Be Rock« die berühmten Zeilen »Let there be light, and there was light / Let there be sound, and there was sound / Let there be drums, and there was drums / Let there be guitar, and there was guitar, ah! / Let there be rock«. Den alten Rock’n’Roll-Kalauer einer manipulierten Bibelzeile bettet Schreuf in eine Musik, die zu keinem Zeitpunkt ›abgeht‹, sondern bis zum Schluss in gespannter, melancholischer Stimmung verharrt.

    KRÄMER: Schreufs Songs funktionieren auch als Schlagwortmaschinen. Slogans von größter Griffigkeit tackern sich aneinander und generieren Poesie, wie sie zuweilen unabsichtlich nebeneinander gehängte Werbeplakate auf Bauzäunen und Häuserwänden entstehen lassen. Wie viel Zufall da wohl mitspielte? Sogar einer seiner eigenen neuen Songs, »You Shook Me All Night Long«, scheint durch ein spieler isches Durcheinanderwürfeln von AC/DC-Versatzstücken entstanden zu sein. »If you want blood you’ve got it«, zitiert er da neben dem titelgebenden Stück eine weitere Powerzeile aus der Bon-Scott-Ära – die Schreuf ja weiland selbst als Sänger/Shouter der legendären AC/DC-Coverband Bon Scott nahezu eins zu eins nachbildete. Schreuf zelebriert also Titel wie Schlagzeilen. Er preist Refrains, feiert Catchiness. Und das fällt ihm, wie er auf dem auch sonst vielsagenden Titeltrack seines Albums betont, hörbar »leicht«. Er singt dabei wie José Gonzales, auch wandelt seine Stimme schon mal auf den Spuren Tim Buckleys. Damit der Spielcharakter aber nicht in Sorglosigkeit kippt, hat Schreuf Sollbruchstellen eingebaut: zum einen ironische – etwa wenn »Bourgeois with Guitar« mit betont bräsigen Blechbläsern eher ins Stolpern gerät, als Schwung zu bekommen –, zum anderen apokalyptische: »Etwas bricht genau über mir zusammen«, bemerkt er völlig unvermittelt auf Deutsch mitten in dem ansonsten englisch gesungenen »You Shook Me All Night Long«. Trümmermusik mit Steinbruchtexten, ganz und gar wundervoll.

 

LABEL: Buback | VERTRIEB: Indigo  | : 16.04.2010

Spex präsentiert Kristof Schreuf Live:
15.04. Berlin – Festsaal Kreuzberg
11.05. München – Laab
12.05. Ulm – Kradhalle
13.05. Köln – King George

3 KOMMENTARE

  1. […] “Ich bin ein Bourgouis with a Guitar” – Kristof Schreuf, ehemals Kopf der Hamburger Band Kolossale Jugend, veröffentlicht sein erstes Soloalbum. Und wie es sich für einen Bourgouis gehört, drückt man sich gehoben und elegant aus – nicht mehr so rotzfrech und provokant wie früher. Und man ist sich seiner Herkunft bewusst. Und so singt Kristof Schreuf Texte bestimmter Rockklassiker zur Musik wiederum anderer Rockklassiker. Oder stellt sie komplett auf den Kopf – “Search and Destroy” eben. Ein sehr unterhaltsames Album mit jeder Menge Ironie, Witz und Intelligenz! Das sagen die anderen: Spex […]

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