Kristin Kontrol »X-Communicate« / Review

Kristin Welchez hat ein Soloalbum gemacht, das von der Rockmusik, die sie eben noch überholte, nichts mehr wissen will.

Kristin Welchez alias Kristin Gundred oder auch Dee Deein allen Fällen aber die Sängerin, Songschreiberin und Gitarristin der Dum Dum Girls – nennt sich jetzt Kristin Kontrol. Der Name ist Programm: Sie hat nun alles noch mehr im Griff als vorher schon. Ursprünglich waren die Dum Dum Girls ihr Bedroom-Projekt, die erste EP spielte Welchez 2008 noch allein ein. Erst die damit erzielte Aufmerksamkeit führte zu einem Deal mit Sub Pop und ihrer eigenen Band. Drei Studioalben später jetzt doch das Solodebüt. Dabei waren die Dum Dum Girls mehr als eine Begleitband. Es klingt abgedroschen, aber sie erneuerten mit dem üblichen Instrumentarium aus melodisch motivierten Gitarren, Bass und groovy Schlagzeug tatsächlich den Garagen-Rock. Sie hatten tolle Harmoniegesänge, trauten sich Pop und verloren doch nie den Biss.

Pop bedeutet: Es muss knallen. Da muss was kommen.

Ohne essentialistisch klingen zu wollen, denke ich bei den Dum Dum Girls immer: So würde vielleicht die Blaupause von Rockmusik klingen, wenn mehr Female-Only-Bands das Budget hätten, professionell Platten aufzunehmen. Und jetzt hat Welchez ein Soloalbum gemacht, das von der Rockmusik, die sie eben noch überholte, nichts mehr wissen will. Sie sagt: »Die ersten Musikstile, die ich für mich entdeckte, waren klassischer 80s-Pop und 90s-R’n’B, von Tiffany und Debbie Gibson bis Janet Jackson und Madonna.« Kristin Kontrols Hang zur großen Melodie kommt das natürlich entgegen. Sie komponiert nicht mehr mit der Gitarre, sondern am Klavier, verschmilzt in ihren Arrangements stilsicher Synthies, Gitarren und unaufdringliche Beats. X-Communicate klingt hymnisch und doch angenehm bei sich. Selbst Anleihen bei Krautrock, Post-Punk und Enya-Gesang werden hier noch zu Disco-Musik.

Spannend, dass einer Gitarristin, die vom Garagen-Rock kommt, ein besseres Popalbum gelingt als den meisten Popmusikerinnen. Wenn da nur nicht ihre Texte wären! Allgemeinplätze, reine Befindlichkeiten, abgegriffene Formulierungen, tausendmal gehört. Keine gewitzten Settings, Konzepte oder Geschichten. Was man sich bei den Dum Dum Girls noch schön hören konnte, weil der Gesang leiser und von Gitarrenwänden umgeben war, geht hier gar nicht. Pop bedeutet ja: Es muss knallen. Da muss was kommen. Kristin Kontrol sagt, das Thema von X-Communicate sei »die Liebe in all ihren Formen.« Sorry, darunter verstehe ich etwas anderes als einen Refrain, der auf »Show me love« in Endlosschleife hinausläuft. Da fühle ich nichts. Hoffen wir deshalb für dieses Album, dass es Leute gibt, die so etwas weniger stört als mich.

Ein Interview mit Kristin Kontrol ist hier online zu lesen.

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