Kreisky, Wiener Schimpf

Kreisky by Ingo Pertramer
Aktiv politikverdrossen: Klaus Mitter, Martin Max Offenhuber, Gregor Tischberger und Franz Adrian Wenzl (v. l.)  FOTO: Ingo Pertramer

Vor kurzem erschien Blick auf die Alpen, das vierte Album von Kreisky. Die Platte ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, in deren Verlauf es der österreichischen Band immer konsequenter gelungen ist, Intellekt mit Rockmusik und Wiener Schmäh zusammenzubringen. Kreiskys Politik ist nicht explizit politisch, ihr Zynismus nie bloß zynisch – und doch erreichen sie mit dem neuen Album die Klarheit und Weitsicht eines Sonnentags in den Alpen. SPEX präsentiert sie zudem im Herbst auf Tour.

2011 veröffentlichen Kreisky, eine Rockband erwachsener Männer aus Wien, ein Video zu einem der eindringlichsten Stücke ihres dritten Albums, das so klingt, wie es heißt: Trouble. Das Stück heißt »Bitte bitte«, das vermeintliche Flehen bedeutet jedoch Ärger, der Text ist gnadenlos. Das Video zeigt die vier Bandmitglieder, Sänger Franz Adrian Wenzl sowie Gregor Tischberger, Martin Max Offenhuber und Klaus Mitter, in offenbar spontan konzipierten Katzenkostümen beim Versuch der Katzenimitation. Schmunzelnd verfolgt man das animalische Treiben, wähnt einen von der Band zu erwartenden
(zynischen?) Kommentar auf den Katzenfetisch internationaler YouTube- und Facebook-Nutzer. Und ja, wir vermuten: Darum geht es ihnen auch.

Gleichzeitig lässt sich hier aber fast paradigmatisch ablesen, was die Band Kreisky ausmacht, und was besonders auf ihrem vierten Album Blick auf die Alpen bis weit über die Spitzen der titanischen Gebirgskette in Wort und Klang hinausschallt: Kreisky sind Beobachter. So sind jene Katzenimitationen nahezu perfekt. Nach einer Weile meint man, wirklichen Katzen zuzuschauen,ist überrascht von der Authentizität, den Bewegungen, der tierischen Einfachheit. Die Performance ist grandios, die Kostüme und der Kommentar (»Cats that look like Hitler«, »Stalking cat«) führen die Angelegenheit ad absurdum. Kreisky haben die Katzen sehr genau studiert, ihre Nachahmung ist alles andere als albern. Der Homevideo-Charakter der mittleren 1990er-Jahre und der ungeschönte Blick auf die vier Männer, das Zusammentreffen von absoluter Souveränität und der Brechung des Ganzen durch eine inszenierte Unvollkommenheit (die Kostüme, der Schnitt, die rückständige VHS-Ästhetik – oder einfacher: erwachsene Männer, die sich wie echte Katzen benehmen) offenbaren: Humor. Einen speziellen Humor, ja, fast eine Haltung.

Zynismus könnte man als eine Form des Humors mit Haltung beschreiben. Doch sind Kreisky zynisch? Franz Adrian Wenzl weiß es selbst nicht so ganz: »Es sind sicher keine liebevollen Beschreibungen, aber Zynismus ist für mich etwas Spöttisches, wohingegen unsere Texte ja die unterschiedlichen Formen des Menschseins anerkennen. Wir wollen die Menschen ja nicht weghaben, wir neh- men sie so, wie sie sind. Wir nehmen uns diese Charaktere und heißen sie gut.« (Weiter nach dem Video)

In dem Raum, den Kreisky dabei aufmachen, gibt es bei all der behaupteten Menschenfreundlichkeit (oder sagen wir besser: Akzeptanz) durchaus sehr unterschiedliche Bereiche. Momente am Fenster, ganz im warmen Licht, aber auch rabenschwarze Gedanken in der hintersten Ecke des Zimmers. Entwickelt Wenzl im neuen Stück »Die Wildnis« mit den Worten »Der Mensch gehört nicht in die Wildnis / Das ist wider die Natur / Der Mensch gehört in eine Wohnung / Auf eine Sofagarnitur« etwa subtil eine Hymne des Zugeständnisses an die Zivilisation, sagt also gewissermaßen laut »JA!« zum menschlichen Dasein in all seinen Facetten, scheint er sich an anderen Stellen gleich doppelt und dreifach über die Menschheit auszukotzen. Seine Stimme überschlägt sich, er klingt nach Tobsuchtsanfall, hysterisch, beispielsweise im treibenden Titelstück, das die Narzissten unter uns nicht anspricht, sondern aufs Korn nimmt, vor die Flinte: »Und dann dein weithin geschätzter Humor / Schau mich an, ich lache! / Das ist eine schöne Terrasse / Ein herrlicher Blick auf die Alpen.« Da wird einer angeschrien, zum Depp gemacht, verlacht. Dann ändert das Stück seine Dynamik, kippt in Grenzkakofonie, gewinnt eine neue Fassung, prescht auf einmal nach vorn. Wenzl führt sich wie seinen Adressaten vor, zeigt, wie man jemandem, der sich selbst zu wichtig nimmt, par excellence an den Karren pisst: »Oh, du hast ein großes Glied / Das darfst du aber nicht in Mund nehmen / Nimm das nicht in den Mund / Das ist ekelhaft.«

Mit »Todesstern«, dem letzten Song auf Blick auf die Alpen, ist dann der Tiefpunkt erreicht: »Die Erde ist ein Todesstern / Und wer auf ihr lebt, muss sterben / Die Erde ist ein Hassplanet / Der sich um sich selber dreht.« Wer hier Zynismus sucht, findet Nihilismus. Und auch wenn es gegen Ende sehr düster wird, bleiben Wenzls Worte doch bei der Wahrheit – diesmal eben aus großer Distanz. Das sind Kreisky: Beobachtung, nah und fern, Beschreibung, Humor, Kommentar, Souveränität, Lust und Hass. Ein Spannungsverhältnis, das der Band ihre Einzigartigkeit einschreibt, die sich durch eine Symbiose von Text und Klang gleich selbst flankiert. Getragen wird die Spannung gleichermaßen von einer Band, deren Musik für sich stehen könnte, und einem Sänger, der mit seinem eindringlichen Vortrag auch vor einer langweiligen Kapelle brillieren würde. So schaffen Kreisky, was kaum einer deutschsprachigen Band gelingt: Sie bringen Intellekt und Kunstfertigkeit mit perfektionierter, aber weiterhin dreckiger Rockmusik zusammen, ohne ihre Leichtigkeit und Spielfreude einzubüßen.

Kreisky wissen das. Sie wissen auch, wie man Amps einstellt, was für Amps man überhaupt braucht, wie man Instrumente anfasst, wie man sie spielt: »Gregor hält seinen Bass wie einen Baseballschläger, Klaus seine Drumsticks wie ein Messer. Martin sieht so aus, als würde er jeden Moment explodieren, hoffentlich treffen seine Trümmer die Burgwichser« (aus: »Scheiße, Schauspieler«, noch so einem typischen Kreisky-Stück). Diese Qualität ist aus einem programmatischen Anspruch erwachsen, den die Band an sich selbst stellt: »Wir folgen einem künstlerischen Konzept, jedes Element der Band Kreisky für sich potenziell entbehrlich zu machen. Man muss die Texte wegnehmen können oder den Bass oder eines der anderen Instrumente oder die ganze Musik. Wir müssen in Frankreich oder Ungarn spielen können, wo man die Texte nicht versteht, der Text muss aber auch für sich funktionieren, so als ob man auf einem Konzert nur die Bewegung sehen würde und dazu den Text hört«, überlegt Wenzl lachend. »Und das ist auch unser Trick für die Platte gewesen: Wir wollten, dass die Musik ohne optische Ebene funktioniert, weil man beim Plattenhören die Band ja nicht sieht.«

Trotzdem soll die Energie ankommen. Dynamik bedeutet Kreisky mehr, als nur ihre Kompositionen immer weiter aufzuschichten. Also spielen sie Blick auf die Alpen live ein, im Wiener Konzerthaus, dem Proberaum der Wiener Symphoniker. Oder, wie Wenzl sagt: »Den heiligen Hallen der Klassikkultur.« Overdubs und Gesänge kommen anschließend hinzu, der Sound pendelt sich ein zwischen hell und warm. Eine bemerkenswerte Entwicklung für die Band, die am Anfang nach den frühen Franz Ferdinand klang, sich später dem Noise-Rock Chicagos annäherte und auch schon mal für die Wiener Shellac gehalten wurde.

Auch der Umstand »Rockband im Konzerthaus« trägt Kreiskys Absichten weiter. Sie pendeln zwischen den Kellerbühnen verrauchter Weinbars und hochkultureller Theatralik mit Sektflöte, beide Milieus gutmeinend verlachend. Sie klingen zuweilen nach Straße und fühlen sich doch ganz l’art pour l’art. Aus diesem Verständnis schreibt Wenzl seine Texte, mal montiert aus Zitaten, häufig aber aus der Perspektive einer Figur, die sich in bestimmten Räumen aufhält, kommuniziert, kommentiert, lamentiert – und vor allem: schimpft. »Es geht mir dabei nicht um die Zielrichtung des Schimpfenden«, sagt er, »sondern um den Schimpfenden selbst. Wie geht es dem denn, der da schimpft? Der ist doch ein armes Würstchen! Ja, und der verdient dann vieles an Mitgefühl.«

So ist im schimpfenden »Du!« auch immer ein Ich enthalten. Die Band versteht sich dabei nicht als politisch. Ein schlichtes »Nö!« ist Wenzls Antwort auf Fragen in diese Richtung. Dann, nach kurzer Pause: »Na ja, es ist schwierig, natürlich ist nichts nicht politisch.« Kreisky üben sich vielmehr in aktiver Politikverdrossenheit. Sie beschreiben das Zusammenleben der Menschen in verschiedenen Gefühlslagen und die Organisation dieses Lebens, affirmativ, aber fassungslos. Das konkret politische Lied schließt Wenzl schon deshalb aus, weil er nicht nach Themen schreiben kann, den musischen Moment braucht. »Wir haben ein sehr theatralisches Element in uns, so etwas wie Storytelling, auch wenn die Texte stark abstrakte Anteile haben.« Die Erkenntnis, worum es in seinen Texten geht, kommt ihm erst im Nachhinein. »Ha, na irgendwie so«, beendet er den Gedanken. Hauptsache so weiter, möchte man entgegnen.

SPEX präsentiert Kreisky live
15.10. Bern – Rössli
16.10. Zürich – Helsinki      
17.10. Frankfurt – Mousonturm (Studio)
19.10. Berlin – Monarch
20.10. Bremen – Theater Bremen
21.10. Hamburg – Uebel&Gefährlich (Turmzimmer)
23.10. Düsseldorf – Zakk
24.10. Karlsruhe – Kohi nur Abendkasse
25.10. Schorndorf – Club Manufaktur
26.10. München – Milla