Kreisky „Blitz“ / Review

Ist das hier eine Beschwerdeband? Jein. Jedenfalls werden Kreisky als Wutbürger-Soundtrack auch mit ihrem neuen Album Blitz Gott sei Dank nie fremdverwertet werden.

„4, 13, 15, 29, 36, 38 und die Zusatzzahl: 2“. Franz Adrian Wenzl hätte reich werden können. Aber er hat die verdammte Lottoscheinquittung verloren. Sei’s drum. Schlecht läuft es mit seiner Wiener Band Kreisky ja auch nicht. Das letzte Studioalbum kam gut weg, obwohl Wenzl über Rinderhälften sang. Ende 2017 adaptierte das Quartett sogar das Theaterstück Viel gut essen von Sibylle Berg. Trotzdem kann sich der Protagonist auf der neuen Kreisky-Platte Blitz über eine Menge auskotzen und echauffieren. Die Traumfrau will einem kein Bussi geben, sondern knutscht lieber mit einem Deppen im Hilfiger-Shirt. Verpasste Deadlines, verschluckte Kaugummis, und dann wäre da noch die traurige Einsicht, dass die mühsam aufgebaute CD-Sammlung mittlerweile wertlos ist. Die Schönheit der Chance? Von wegen.

Die Schönheit der Chance? Von wegen.

Wenzl mimt das arme Würstchen und in „Veteranen der vertanen Chance“ gar den Vorsitzenden eines anonymen Verlierervereins, für den sich selbst Wanda zu cool wären. Oft schmunzelt man, ertappt sich bei leichter Schadenfreude. Dabei geht es nicht nur um Luxusprobleme. Das lyrische Ich äußert nämlich einmal ganz subtil jenes gefährliche Gefühl, irgendwie abgehängt zu sein. Fast ohne Schmäh wünscht es sich in „Ich löse mich auf“ eine abgeschiedene Existenz in der Steiermark – da ist es zwar öder als in Wien, doch man hat wenigstens ein Schicksal und könnte in Ruhe 600 Seiten Thomas Mann lesen.

Stattdessen: Alpenabgründe, permanente Anspannung. Und das, obwohl die Gitarren mehr können als Riffrock, stellenweise experimenteller und frischer wirken als der Vorgänger Blick auf die Alpen. Ist das hier also überhaupt eine Beschwerdeband? Jein. Jedenfalls werden Kreisky als Wutbürger-Soundtrack wohl Gott sei Dank nie fremdverwertet werden. Nicht nur, weil das Keyboard zu nervös ist und der kantige Bewusstseinsstrom der Texte oft an Lenin von den Goldenen Zitronen erinnert. Am Ende liefert Blitz vor allem diese eine wichtige Erkenntnis: Für jenen sich leise aufbauenden Weltekel, den die Band hier schildert, lässt sich häufig gar kein Schuldiger finden.

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