Die Improvisateurs aus Alphaville

Das neue Album der auf der Achse Düsseldorf-Köln-Berlin operierenden Band Kreidler spielt mit dem Gedanken, dass es erkenntnisstiftend sein kann, wenn man sich über die Zeit stellt. Kreidler denken in einer Art Retro-Futurismus das 20. und das 22. Jahrhundert zusammen. Ihre Science Fiction vereint Grundgedanken der Kybernetik, also der Wissenschaft der Kommunikation und der Kontrolle von lebenden Organismen und Maschinen, mit Godards Spielfilm »Alphaville« – der spielte in Paris Orly, durch dessen gläsernes, die Zukunft manifestierendes Labyrinth man sich auch heute noch bewegt, wenn man als Easy-Jetsetter in Paris landet.

Frage: »Mosaik« im Sinne von »Labyrinth«?
Andreas Reihse von Kreidler: »Genau. Wir hätten das Album auch ›Labyrinth 2014‹ nennen können. Entscheidend war, dass eine Zahl im Titel auftaucht.«

Wie Fragmente eines nie geschriebenen Buches reihen sich auf »Mosaik 2014« die Songtitel aneinander:

  1. »Mosaik«,
  2. »Zero«,
  3. »Marauder«,
  4. »Brass Cannon«,
  5. »High Wichita«,
  6. »European Grey«,
  7. »Doom Boys«,
  8. »Impressions D’Afrique«,
  9. »Luminous Procuress«.

Die Titel füllen die Leerstelle, welche reine Instrumentalmusik auf textlicher Ebene hinterläßt. »Impressions d’Afrique« lautet der Name des achten Stücks. So hieß auch ein Roman des französischen Schriftstellers Raymond Roussel.

Roussels Werk beruht auf einer von ihm selbst entwickelten Schreibtechnik, der Wortspiele und Klangassoziationen zugrunde liegen. Diese Technik erläuterte er in seinem 1935 erschienenen Buch »Wie ich einige meiner Bücher geschrieben habe«; sie machte Roussel zu einem Wegbereiter des Surrealismus. Auch Kreidlers Art zu erzählen hat Methode, nur kommen sie dabei gänzlich ohne Worte aus. Kreidler erzählen ihre Geschichte in neun verschiedenen Versionen (= Tracks). Kreidlers Musik ist elektronisch. Sie ist rhythmisch, oft tribalistisch-perkussiv. Sie ist informiert vom Bühnenkonzept der Band.

Zur Auffrischung: Es gibt wenige Bands, bei denen kein Konzert dem anderen gleicht. Kreidler bewegen sich in diesem Sinne in der Tradition der großen Improvisateurs, nicht jener, die Freejazz spielten, also eine totale Freiheit im Auge hatten, sondern jener, die sich frei oszillierend im Korridor von Versionen bewegten. Blicke werden auf der Bühne ausgetauscht, ein Kopfnicken, dann greift ein anderer den in der Luft liegenden Sehstrahl auf und zieht eine Bassline unter, als handele es sich um einen Kuchenteig, in den noch eine Spur Kardamom eingerührt werden muss. Kreidler sind die Antithese zum totzitierten Spruch, demzufolge ›zu viele Köche den Brei verderben‹.

Als Kreidler »Mosaik 2014« im März 2008 in Rosemarie Trockels Garage in Köln aufnahmen, klopfte eines Tages der Philosoph Wilfried Dickhoff an das Tor. Er hatte sich zu dem Zeitpunkt gerade die »Complete Jack Johnson Sessions« von Miles Davis gekauft und war perplex, auf dem benachbarten Hinterhof eine in der Praxis, nicht in der Instrumentierung identische Musik zu hören. Für einen Mann, für den Abstraktionen zum Tagesgeschäft gehören, war es selbstredend unerheblich, dass Kreidler an Knöpfen analoger und digitaler Synthesizer drehten, statt ins Horn zu blasen.

Eine weitere Analogie hört auf den Namen Kraftwerk, den anderen großen Düsseldorfern dieses Planeten. Kreidler benutzen Sounds, die wie Kraftwerk klingen. Wie Madeleines sind sie Tupfer der Erinnerungen. Anders als bei Kraftwerk, bei denen eine Melodie stets ein ganzes Album prägte, gibt es bei Kreidler unzählige Melodien, die sich wie Layer übereinanderlegen. Und trotzdem ist Kraftwerk natürlich das Rollenmodell, weil sie für eine europäische Popmusik stehen, die auf anderen Prämissen basiert als die angloamerikanische Musik. Mit dem Unterschied, dass hier Menschen Musik machen – und nicht Roboter. Kreidler sagen: »This is the record to put on before going out; the record to get you euphoric in anticipation of things to come.« Wer jetzt noch sagt, Gegenwartsmusik habe den Anschluss verpasst, hat ihn selbst verpasst.


VIDEO: Kreidler – Mosaik 2014

»Mosaik 2014« von Kreidler ist soeben erschienen (Italic / Kompakt). Spex präsentiert ihre Touraufenthalte, des weiteren bloggen Kreidler auf www.kreidler.spex.de

Spex präsentiert Kreidler Live
:
05.11. Bochum – Bahnhof Langendreer
06.11. Schorndorf – Manufaktur
07.11. CH-Zürich – Exil
05.12. Hannover – Glocksee
09.12. Köln – Gebäude 9
10.12. Nürnberg – K4
11.12. Leipzig – UT Connewitz
12.12. Dresden – Scheune
13.12. Hamburg – Hafenklang
15.12. Frankfurt – Mousonturm

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