Sampling ist nicht nur für die Musik eine zentrale Technik, sondern für unsere Kultur als Ganzes. Aber wenn es ans liebe Geld geht, wie jüngst zwischen Kraftwerk und Moses Pelham? Eröffnet sich bei genauerem Hinsehen eine verlockende Möglichkeit zur Umverteilung.

Kraftwerk vs. Moses Pelham. So gut wie vorbei ist ein kleinlicher, zum Teil auch peinlicher Kampf um das zweisekündige Samplestückchen aus „Metall auf Metall“, das zwanzig Jahre nach Entstehung des Ursprungsstücks einem Sabrina-Setlur-Song als Loop untergemischt wurde. Ungefragt. Ohne Lizenz. Ohne anteiligen Rückfluss des Profits. 

Jedes Stück ist immer ein kleiner Magnet, der Aktivitäten anzieht, sie aufzeichnet und kostenpflichtig wieder zur Verfügung stellt (Illustration: SPEX).

Die juristische Auseinandersetzung endete vor etwas mehr als einer Woche mit einem klaren Unentschieden. Es ist ein Urteil, das wegen seiner Unentschiedenheit noch viele nächste Kämpfe mit vielen nächsten unentschiedenen Ausgängen nach sich ziehen wird. Denn, so sagt es der Europäische Gerichtshof: Gesampelt werden darf, wenn das spätere Stück einen derart hohen eigenen ästhetischen Mehrwert besitzt, dass das Ausgangsstück zwar mitgehört, aber eigentlich zugunsten des Neuen überhört wird. Doch wie zukünftig über diesen Mehrwert von Fall zu Fall entschieden werden könnte, dem „darf man schon jetzt mit Interesse und Heiterkeit entgegensehen“, wie Jens Balzer so schön in der „Zeit“ schreibt. Neue Kleinlichkeiten und Peinlichkeiten sind vorprogrammiert.

Dass sich das Problem, das hier verhandelt wird, nicht einfach lösen lässt, liegt an einer paradoxen Doppeldeutigkeit des Samplings unter den Bedingungen der Netzkultur.

Denn einerseits gilt: Wer sampelt, bedient sich an dem, was die Kultur jedem zur Verfügung stellt, der sich in ihr und mit ihr und durch sie hindurch bewegt. Wer sampelt, greift zurück auf das Material, das bereits zirkuliert. Man kann es von bedruckten Papieren ablesen. Man kann es aus Lautsprechern hören. Man kann es auf Bildschirmen flimmern sehen. Und manchmal steht es in Museen, Galerien oder auf Plätzen. Manchmal geht es von Mund zu Mund. Es geht in das eine Ohr rein und aus dem anderen Ohr wieder raus. Manchmal bleibt etwas hängen und hängt sich dann gleich an etwas Anderes, um etwas Drittes, Viertes, Fünftes zu bilden, das dann wieder auf Seiten gedruckt wird, aus Lautsprechern zu hören und auf Bildschirmen zu sehen ist. Und so weiter und so fort.

Sampling ist deshalb nicht bloß eine Kulturtechnik unter vielen. In der Praxis scheint im Kleinen auf, was die Bewegungsfigur der Kultur im Großen und Ganzen bestimmt. Dass überhaupt etwas Neues entsteht, liegt nicht daran, dass es abseits vom Bestehenden geschöpft wird. Neues entsteht wundersamerweise, indem es immer wieder durchs Alte hindurchgeht, es als Gegenstand, als Material, als Problem, als Bezugspunkt annimmt, bearbeitet und es dabei nicht so lässt, wie es ist. 

Aus dieser Überzeugung hat sich die Tausch- und Teil-Euphorie der Netzkultur in den neunziger und nuller Jahren gespeist. Wir rauschen alle durch die unendlichen Vorratskammern der digitalisierten Welt, so hieß es. Lasst uns nehmen, was da ist. Lasst uns teilen, was uns unterkommt. Lasst uns bearbeiten, was wir downloaden und wieder auf die Plattformen und in die Clouds senden können. Wir tun es doch alle schon immer sowieso, nur analog, elektrisch und wahnsinnig langsam. Jetzt tun wir es blitzschnell und rund um die Uhr. Wir tun es weltweit, mit kreativer Offenheit und produktiver Solidarität. Sharing is caring. Je offener die Quelle, umso sprudelnder die Ergebnisse. 

Wer will inmitten dieser schwellenlosen Superzirkulationen wirklich um zwei Sekunden Kraftwerk streiten? Wer besteht auf Ursprung und Herkunft eines Samples inmitten der digitalisierten Pop-Kultur, die das Aneignen, Zitieren, Überschreiben, Weiterschreiben und Umschreiben aller bedeutenden Artefakte zu ihrem Grundprinzip gemacht hat?

Moses Pelham bestimmt nicht. Er behauptet ja, den „Metall auf Metall“-Schnipsel auf seiner Festplatte unter Tausenden von anderen Schnipseln gefunden zu haben. Er habe nicht mal mehr gewusst, woraus das Stückchen geschnitten war. Es lag einfach nur da und war für den Setlur-Song ganz gut zu gebrauchen, um ihn etwas kühler klingen zu lassen. 

Sharing muss wieder zu caring werden

Man muss aber nur die letzten paar Netzjahre mitgemacht haben, um zu wissen, dass Pelhams Stilisierung als unbedarftes Up-and-Download-Kid vom eigentlichen Problem ablenkt. Denn was als freies Fließen kreativer Energien gefeiert wird, ist klar auf Cashflow angelegt. Das Sampeln ist hyperdimensional monetarisiert. Und damit ist es korrumpiert. Wann immer ein Track verkauft und abgespielt wird, fließt Geld. Selbst dort, wo das Hören scheinbar nichts kostet, wird daran verdient. So werden alle Aktivitäten im Netz im Hinblick auf das berechnet, was die Ökonomin Shoshana Zuboff den „Verhaltensüberschuss“ nennt: Der Überwachungskapitalismus verfolgt jede kleinste Bewegung, jeden Up- und Download, jedes Like und jeden Retweet, jede Bearbeitung und Verwandlung, um sie in Voraussagen über zukünftige Aktivitäten zu übersetzen. Und das heißt dann immer auch: in Werbung, Werbung, Werbung. Für den nächsten und übernächsten und überübernächsten Einkauf. 

Jedes digitale Artefakt ist deshalb nicht mehr bloß eine Ware, die verkauft, vermietet oder aufgeführt und konsumiert wird. Jedes Stück ist immer zugleich ein kleiner Magnet, der Aktivitäten anzieht, sie aufzeichnet und für die Berechnung komplexer Bewegungsmuster kostenpflichtig zur Verfügung stellt. Was immer man auch aus dem großen Rauschen der Kultur nimmt, um es zu bearbeiten und wieder ins Rauschen einzuspeisen, hält vor allem diese Monetarisierungsmaschinerie in Gang. Wenn das Sampeln als Kulturtechnik dadurch längst korrumpiert ist, heißt das: Wer sampelt, steht immer in Gefahr, selbst korrumpiert zu werden.

Weil das so ist, erscheint Moses Pelham im Gerichtssaal als schwer fassbare Doppelgestalt. Einerseits tritt er als Vertreter der alten euphorischen Sharing-Kultur auf, der sich etwas aus dem digitalisierten Riesenreservoir herausgezogen, angeeignet, weiterverarbeitet, etwas Neues herstellt hat, um es dann wieder ins große Rauschen einzuspeisen. Doch ist er zugleich ein ganz Nutznießer der Energien, die vor ihm Kraftwerk zur Verfügung gestellt haben. Er bedient sich am Großen und Ganzen. Doch behält er für sich, was er damit verdient – und vollstreckt damit das Monetarisierungsprinzip des Netzes.

Wollte man diesen Fall und die nächsten Fälle nutzen, um endlich wieder die Schönheit und Richtigkeit des Samplings als grundlegende kulturelle Praxis in Kraft zu setzen, gäbe es eine gute Lösung. Man müsste dafür zuallererst zurückholen, was sich Pelham zwar unter Berufung auf die Mechanismen des Sharing-Prinzips, aber gegen dessen Ethos angeeignet hat. Ästhetischer Mehrwert hin, ästhetischer Mehrwert her. Er müsste Anteile von dem abgeben, was er mit Unterstützung von Kraftwerk verdient hat. 

Was Pelham abzugeben hat, darf man allerdings nicht einfach an Kraftwerk weiterreichen. Denn denen hat es nie gehört. Sie haben ja selbst Energien aus dem Riesenreservoir des Bestehenden gezogen. Sie haben bis in die Feinheiten ihrer Selbstinszenierung als Mensch-Maschinen vorgeführt, wie das mit dem Energietransfer als klangerzeugendem Free Flow funktioniert. Und sie haben für mehrere Generationen von Remix- und Sampling-Projekten vorbildlich gezeigt, wie man das, was man aus den Energien formt, wieder zur Verfügung stellt.

Weil die Profite deshalb weder dem einen noch dem anderen gehören, müssten sie selbst gesampelt werden! Sie müssen ins große kulturelle Reservoir zurück, aus dem man sich bedienen kann, um etwas entstehen zu lassen, was es so vorher noch nicht gab. 

Geschaffen werden müsste ein Fond, in den zukünftig die Strafbeträge eingezahlt werden, um die in Copyright-Prozessen gestritten wird. Es müsste eine Stiftung geben, die ausschließlich dazu gedacht ist, das Geld am Markt vorbei zu leiten. Stattdessen würde es für Förderungen und Stipendien genutzt, mit denen man junge Produzent_innen, Musiker_innen und Musikprojekte finanziert, die – das wäre die Bedingung – offensiv mit den Materialien experimentieren, die zirkulieren und sich dafür anbieten, transformiert zu werden. 

Man müsste also auf offensive Weise zu lauter neuen Pop-Experimenten animieren, denen man im Moment noch mit den kleinlichen und peinlichen juristischen Streitigkeiten versucht, lauter Hemmnisse in den Weg zu schieben. Man könnte dadurch die Kreativität fördern. Statt sie auszubeuten oder zu blockieren. So ließen sich auch Techniken, Strategien und Praktiken ausprobieren, die es vielleicht möglich machen, langsam aber sicher einen ganz anderen Blick auf die Fragen des Urheberrechts zu entwickeln. So gedreht wäre Sharing wieder caring. Auch dann, wenn Geld damit verdient wird. Weil es für alle ist.