Kool Thing: Kaleidoskop der Erinnerungen

Kool Thing
Julie Chance und Jon Dark (v.l.)   FOTO: Christian Werner

»Der konzeptionelle Rahmen unseres Debüts ist mit Sicherheit das Erinnern an unsere Jugendjahre. Es ist sehr wichtig, dass man sich, zumindest in seiner Phantasie, die Verbindung zu dieser Zeit erhält. Der Blick, den wir zurückwerfen, ist nostalgisch und fragmentarisch, aber nicht sentimental.« Mit dem Stichwort Nostalgie werden umgehend die verspulten Retro-Befindlichkeiten der vergangenen Jahre auf den Plan gerufen, doch mit den üblich verwaschenen Lo-Fi-Kollagen haben Kool Things düster vibrierende Mitternachtsmomente wenig zu tun. Vielmehr handelt es sich bei ihren Retrospektiven um reine Introspektionen: Die eigenen Befindlichkeiten werden in einen musikalischen Rahmen gespannt und mit einem facettenreichen Nebeneinander an Erinnerungen neu befüllt. Referenzieren Chance und Dark in ihren Harmonien die Großen der 80er-Jahre von Kate Bush und The Cure über Joy Division bis hin zu The Smiths, dann tun sie das immer im direkten Bezug zu ihrem adoleszenten Ich.
   Die Beiden lernten sich vor zwei Jahren in einer Pariser Bar kennen. Chance legte auf, und wie es das Schicksal so wollte, war Dark die einzige weitere Person im Raum, die ebenfalls Englisch konnte. Man kam ins Gespräch und landete umgehend bei der einen Leidenschaft, die beide Frauen antrieb: Musik. Zwei Wochen später zog Dark zu Chance nach Berlin. »Es fühlte sich eben richtig an«, sagt die ursprünglich aus Sydney stammende, professionell ausgebildete Toningenieurin. Seitdem arbeitete das Duo kontinuierlich auf ein Debütalbum (Stream unten) hin, meistens gemeinsam in ihrem Kreuzberger Studio, jede für sich in einer anderen Ecke. Während Chance für das Songwriting zuständig ist, produziert und mischt Dark sämtliche Tracks in Eigenarbeit. »Ja, das hat mir schon so einige schräge Blicke eingebracht«, sagt sie und zuckt mit den schmalen Schultern. »Natürlich erwarten alle in dieser männerdominierten Produzenten-Arena hinter dem Namen Jon Dark einen Mann. Und dann sind sie immer erstaunt, wenn sie herausfinden, dass sie es mit einer Frau zu tun haben.« Zählt man zu diesem Namenspielchen noch die offensichtliche Referenz an »Kool Thing«, die Gleichberechtigungshymne Sonic Youths, dazu, stellt sich die Feminismus-Frage wie von selbst. »Als Frau in der Musikindustrie bist du natürlich erst einmal auf eine traditionelle Rolle limitiert. Und wenn man als Frau Musik macht, eröffnet man mittlerweile den Gender-Diskurs praktisch schon alleine dadurch. Trotzdem fließt nicht allzu viel davon in unsere Songs, einfach, weil uns auf künstlerischer Ebene bisher ganz andere Dinge deutlich mehr interessiert haben. Der Bandname ist eher so etwas wie ein Zwinkern in Richtung Feminismus.«
   Wofür sie sich also stattdessen interessieren, zeigen Chance und Dark mit einer unglaublichen repetitiven Kohärenz: Das fragmentarische Erinnern passiert nicht nur auf thematischer, lyrischer und atmosphärischer Ebene, sondern zieht sich durch alle Schichten des Albums. Der Drang nach Eskapismus, die Abkapselung des Individuums und das Nichtdazugehören stehen in der Gefühlswelt des Werkes mühelos neben der Sorglosigkeit, der Unbefangenheit und der Naivität. In gleichem Maße stehen sich nicht nur Shoe Gaze und New Wave, sondern auch Electronica, Pop und Gitarrenelemente gegenüber. »Das ist das Gute an der heutigen Zeit«, sagt Dark, »mit unserem postmodernen Verständnis können all diese Gegensätze wie selbstverständlich nebeneinanderstehen und trotzdem funktionieren.« Kool Things Erinnern ist eben wie ein Blick durch eine sich ständig drehende, kaleidoskopische Linse.

Heute Abend spielen Kool Thing im Vorprogramm von Simonne Jones im Berliner HAU2

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