Wo individuelle Freiheit über kollektives Wohl geht, liegt die Krankheit im System. Das Coronavirus deckt die Autoimmunität der liberalen Demokratie auf.

Die Apokalypse hätte spannender ausfallen können. Mit Explosionen oder zumindest ein paar brennenden Mülltonnen, angeführt von transhumanen Cyborg-Kids oder immerhin mutierten Hybridwesen statt Jens Spahn. Mit solarzellenbetriebenen Off-World-Rettungsinseln als Notnägel, wasserbasierten Klopapier-Alternativen. Oder zumindest ohne vorlaute Thinkpieces von Sascha Lobo. Weil aber Deutschland eben Deutschland ist, lavieren Politik und Kommentariat inmitten der Covid-19-Pandemie herum, anstatt den Ernst der Lage anzuerkennen und dementsprechend zu handeln. Und weil die liberale Demokratie sich weiterhin im Laissez-faire übt, wird sie nun zum Nachteil aller völlig handlungsunfähig.

Irgendein Schwachmat geht auch noch in den Park, wenn die Welt in Flammen steht (Bild: „The Destruction Of Sodom And Gomorrah“, John Martin, 1852).

Wie prekär ein sich auf prekäre Verhältnisse stützendes System ist, offenbart sich während dieser Pandemie anhand zweier Symptome. Das erste ist das einer grundlegenden gesellschaftlichen Malaise. Die liberale Demokratie beweist ihre Autoimmunität nicht allein dadurch, dass sie sich nicht im Interesse der Schwächsten gegen ihre Schwachmat_innen durchzusetzen weiß. Sie kränkelt auch noch an ihren Widersprüchen. Einer lautet, dass selbst im Ernstfall jedem noch so hirnrissigen Standpunkt mit heiligem Ernst begegnet wird.

Zwischen jedem naseweisen Share eines Videos von Dr. Wolfgang Wodarg und anderen Katastrophenquacksalbern, nach jedem als Ideologiekritik getarnten Ernstfallrelativismus am Stammtisch und in Leitartikeln hat es ganz den Anschein, als wäre das individuelle Lustprinzip nicht mehr als Ausdruck eines kollektiven Todestriebs: Ist doch alles nicht so schlimm, wie alle tun. Mehr als eine kleine Delle im demografischen Wandel wird’s kaum sein. Wer nicht zur Risikogruppe gehört, läuft schließlich nicht Gefahr, in Panik zu verfallen. Cogito ergo sum lautet das Grundprinzip dieser Gesellschaft der Singularitäten: Ich denke, also bin ich. Der Volksmund weiß hinzuzufügen, dass ja schon an alle gedacht sein wird, wenn nur jede_r an sich denkt.

Das sind sie also, unsere gelobten demokratischen Werte: Hauptsache, die Würde des Menschen bleibt unantastbar. Das Leben der Mitmenschen darf darüber gerne preisgegeben werden. Nicht rausgehen zu dürfen, ist ja mindestens genauso schlimm, wie bei anderen das Licht ausgehen zu sehen.

Und aus diesem Denken heraus wird sich dann auch halbprivat gerne der Mund fusselig diskutiert: Es trifft ja sowieso nur die Alten! Durchseuchung jetzt, Herdenimmunität … dann irgendwann später. So, räsonieren die Milchmichels in ihrer Rechnung auch mal gerne, sei der Spuk zumindest bald zu Ende. Borderline-Eugenik als ultimativer Shortcut in Richtung eines ungestörten Alltagstrotts, Endhaltestelle old normal. Als wäre das erstrebenswert. Doch scheint genau so das Credo dieser Tage zu lauten: Bitte bloß schnell wieder zurück zur alten Misere!

Es ist allein schon deswegen irrsinnig, dass sich sehr viele Menschen rigide dagegen stemmen, für zwei, drei Monate auf den Händen sitzen zu bleiben, um der Weiterverbreitung eines bisher nicht behandelbaren Virus entgegenzuwirken. Denn so gefährlich das auch statistisch sein mag – das Virus befällt nicht nur nicht-immune Körper, sondern auch ein unvorbereitetes System. Dabei tut es zuerst das, was alle Bedrohungen tun: nämlich die Existenz der Ärmsten, Ältesten, sozial und physisch Schwächsten direkt anzugreifen. Immerhin aber wird einigen von diesen akut Bedrohten abends am Balkon entgegengeklatscht, während sie noch über beide Ohren in der Arbeit stecken. So also klingt Solidarität.

Stellt euch also vor, es ist Apokalypse – und alle gehen hin! Also nach draußen, an die frische Luft, um die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings abzugreifen. Um gemeinsam bei einem Bierchen zu diskutieren, einander zu beschwichtigen und sich dann darüber zu echauffieren, dass der Staat nun Supernanny spielt. Denn nun wurde es ja endlich verhängt: das Kontaktverbot.

Rüstige Gesundheit? Rostiges Getriebe.

Kontaktverbot, ja – aber nicht etwa flächendeckende Tests. Und erst recht kein Stillstand des Hamsterrads, das sich virenschleudernd weiterdrehen darf. Die Produktivität muss erhalten bleiben, genauso wie der Handel weiterläuft. Nix da mit economical distancing. Stattdessen Rettungspakete für die Wirtschaft! Und ein paar Groschen für all jene, die bei Arbeitsausfällen keinen Anspruch auf finanzielle Unterstützung haben. Vor deren Augen bricht aktuell das gesamte, schon immer irgendwie poröse Fördernetz zusammen. Die Millionen Ich-AGs, die in vier Jahrzehnten neoliberaler Hegemonie herangezüchtet wurden, und ihre Gründer_innen stehen jetzt samt ihrer prekären Bullshit-Jobs vor dem existenziellen Aus.

Das ist das zweite Symptom der Autoimmunität der liberalen Demokratie, und es weist auf eine Störung hin, die viel grundlegender ist, als bisher angenommen. Oder zumindest: als in den schlimmsten Prognosen vorhergesehen. Denn statt rüstiger Gesundheit wird das rostige Getriebe des Systems sichtbar. Im Wortsinn heißt „Apokalypse“ nun einmal auch: Offenbarung.

Stellt euch also vor, es ist Apokalypse und irgendwie scheinen alle das Gefühl zu haben, dass in nur wenigen Wochen alles ausgestanden sei. Obwohl die Krise gerade erst begonnen hat. Denn krank werden nicht nur immer mehr und mehr Menschen. Krank ist seit Langem schon ein marodes Gesundheitswesen, dessen Kapazitäten schon längst erschöpft waren, als sich die Menschen noch offiziell zu Corona-Partys treffen konnten. Ab hier ist ein Kollaps, wie er gerade in Echtzeit in Italien zu beobachten ist, nur noch aufzuschieben. Ein Kollaps, wie er im Flüchtlingslager von Lesbos noch viel schneller kommen wird. Oder erst im globalen Süden, von wo aus dann der Weltwirtschaft die Beine unter dem Körper weggezogen werden.

Das Problem lag von Anfang an weniger in den Letalitätsraten begründet, die viele immer noch fleißig in Relation zur stinknormalen Grippe diskutieren. Das Problem war von Anfang an, dass jede vorbeugbare Neuerkrankung ein weiterer Nagel im Sarg eines kaputtprivatisierten Gesundheitssystems bedeutet. Je stärker die Krankenhäuser überlastet werden, desto besser kann sich das Virus in ihnen ausbreiten und übertragen: auf andere Erkrankte, die damit in lebensbedrohliche Situationen geraten, genau wie auf das Personal, dessen zunehmender Ausfall die gesamte Gesellschaft in eine prekäre Lage bringt.

Da hilft es eben auch nichts, wenn sich die Öffentlichkeit auf jede noch so kleine Kurvenverflachung einen runterholt. Denn wo nicht ausreichend getestet wird, weil es an Mitteln und Menschenmaterial mangelt, wird die Dunkelziffer beim Kassensturz am Abend nicht miteinbezogen. Aber das allein ist bei Weitem nicht die einzige windschiefe Rechnung dieser Tage.

Wir waren’s nicht, es war das Virus!

Denn die wirtschaftlichen Konsequenzen, die gerade händeringend dadurch abgewendet werden sollen, dass der Markt weiterhin gewähren darf, werden sich aus einer Rezession ergeben, die sich schon zuvor abzeichnete und nun zur handfesten Depression anwachsen könnte. Die Verheerungen einer solchen Wirtschaftskrise werden nun aber bequem auf exogene Ursachen zurückgeführt werden, wenn sich je irgendwer dafür wird rechtfertigen müssen: Wir waren’s nicht, es war das Virus!

Aber sie waren es bereits anderswo, und sind es eigentlich immer noch: Als Italien am 22. März ankündigte, die nicht essentielle Produktion im Land einzustellen, wurden Prioritäten deutlich. Unterhaltungselektronik zählt demzufolge zu den lebensnotwendigen Produkten, auch die Arbeit von Architekt_innen ist weiterhin gefragt – die Fabriken und Büros dafür nämlich durften am Folgetag regulär öffnen, damit das Kapital am Zirkulieren bleibt. Am Ende dieses 22. März zählte Italien übrigens 5476 Tote seit Beginn der Pandemie und ging zu diesem Zeitpunkt von 46638 Infizierten aus, von denen 5560 an just diesem Tag neu hinzugekommen waren. Die Frage, wie viele sich von denen am Arbeitsplatz oder auf dem Weg dorthin angesteckt haben, beantworten diese Zahlen natürlich nicht.

Selbst in Zeiten von Einschränkungen und Verboten darf sich der Markt also noch weiter ganz alleine regeln. Als würde irgendjemand daran denken, dessen unsichtbare Hand volle 20 Sekunden lang zu waschen, wenn der Staat die nächsten Stimuli überreicht. Als wüssten nicht alle ganz genau, dass jede Fabrik, jedes Logistiklager und jedes Großraumbüro dieser Welt ein Umschlagplatz für Neuerkrankungen ist.

Aber auch das gehört eben zur Autoimmunität der liberalen Demokratie: Liberal ist sie nicht nur ihren abgeklärten Vernunftpunks gegenüber, sondern genauso einer Wirtschaft, in deren Klammergriff sie sich befindet. Dabei wäre doch jetzt ein guter Zeitpunkt gekommen, um den Schwachmat_innen vielleicht keinen Maulkorb, aber zumindest einen Mundschutz zu verordnen.

Und nebenbei noch den Spitzensteueransatz anzuheben, absolute Umverteilung anzustreben, die Kapitalverhältnisse aufzuheben oder zumindest Mietverhältnisse zu kappen: Schulden streichen und freien Wohnraum für alle, hier und jetzt! Und sei’s nur für den Quarantäne-Marathon. Der dürfte sich schließlich noch monatelang ziehen. Aber nein: Was so eine liberale Demokratie ist, hält sich selbst mit aller verbliebenen Kraft von der Genesung ab. Weil eine Gesundung doch der Selbstabschaffung gleichkäme. Vielleicht ist sie eben doch nicht das beste der Systeme.

Gute Nacht, war echt nicht schön mit euch!

Obwohl es, keine Sorge, sicherlich noch schlimmer kommen kann und wird. Denn ein Markus Söder beweist, dass die erzkonservative Front aus der falschen Ideologie heraus ein Minimum an richtigen Entscheidungen treffen kann. Was nur eben nicht heißt, dass diese Entscheidungen kein polizeistaatliches Odeur umwehen würde. Beunruhigend sind sie allemal, weil die in den letzten Monaten und Jahren aufgedeckten Nazi-Netzwerke in Polizei und Bundeswehr nun ungestört durch leergefegte Straßen putschieren könnten, sollten sie nicht selbst mit Husten und Fieber flachliegen. Zumindest ist zu hoffen, dass uns diese zweite Apokalypse noch erspart bleibt, solange wir die erste nicht geschultert haben.

So oder so: Während Angela Merkel als Galionsfigur einer lähmenden Wird-schon-wieder-Haltung für eine nervenberuhigende Fotosession Weißwein und Klopapier shoppen geht, lässt das von ihr repräsentierte System potenziell das nächste rechts überholen. Selbst sie steckt ja mittlerweile in Quarantäne.

Ohne jeden Masochismus, ohne jeden Moralismus gesprochen: Der Staat hätte handeln müssen, und zwar zuallererst im Interesse seiner Bevölkerung. Selbst gegen deren Gemurre. Vor allem aber gegen die Wünsche eines Export-Import-Handels, gegen die Interessen diverser Industrien und denen des Finanzsektors. Gegen das große Mimimi von individueller und marktwirtschaftlicher Freiheit und für das kollektive Wohl. Beispiele für einigermaßen erfolgreiche Modelle gab es, von China angefangen bis nach Südkorea und Taiwan, genug. Nur hat der deutsche Staat nicht bloß über Jahrzehnte hinweg die eigene Krankheitsresistenz weggespart, sondern eben auch im Ernstfall zu lange gezögert, mit kurzfristigen Einschnitten einer langfristigen Katastrophe vorzubeugen. Das hätte vielleicht der Selbstlegitimation entgegengewirkt – tausende Tote und noch viel mehr wirtschaftlich bedrohte Menschen werden das aber umso mehr tun.

Wie dem auch sei: Es ist zu spät. Das Coronavirus hat die Autoimmunität unseres Systems offenbart. Die liberale Demokratie wird demnächst wohl auf die Palliativstation zwangsverlegt. Gute Nachrichten sind das aber noch lange nicht. Solange nämlich müssen wir auf die Zahlen aus Italien blicken, um einen Blick in unsere Zukunft zu erhaschen. Oder nach Österreich, wo die Polizei schon ihre eigenen Militärparaden abhält. Von hier an also scheint alles voraussehbar. Und was bleibt da anderes zu sagen als: Die Apokalypse hätte wirklich spannender ausfallen können. Gute Nacht, war echt nicht schön mit euch!

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