Kombinat Feinripp / Er France

»Auf alte Lieder pfeifen«, das singt sich so leicht wie doppeldeutig. Die zwei neuen Kulturbeiträge des gerade Zehn gewordenen lovely little Labels (Lolila) versuchen beide den Spagat, das Vertraute in seiner Tendenz zum Überdruss mit den eigenen Mitteln zu schlagen. Das Ein-Mann-Kombinat Feinripp, von dem die eingangs zitierte Programmatik stammt, zelebriert schmal besetzten Hausmusikfolkpop. Der »Kiepenkerl« zieht zu leichtem Akustikgeschrammel und dezenten, sehr auftaktig gesetzten Klavierakkorden von Haus zu Haus, im Hintergrund prasselt der Regen. Leicht vorstellbar dazu: Joni Mitchells kraftvolles Timbre, stattdessen Zloty Vazquez sehr anschmeichelnder Samtgesang, sehr sauber, prononciert, in der selben Tonlage wie der späte Jochen Distelmayer nur entspannter, klingt eher wie ein Klon des DDR-Liedermacher-Veteranen Gerhard Schöne.

    Kombinat Feinripp strahlt genau jene Erwachsenheit aus, die sie mit ihrem Namen eigentlich ironisieren. Diese Musik ist völlig widerstandslos: auch wenn in den Texten mal geweint wird, bleibt das Besingen total entspannt. Man fragt sich ein bisschen, warum aus dem, was man sich genauso gut Arm in Arm auf der Hollywoodschaukel erzählen könnte,  unbedingt Lieder werden mussten. Antwort: weil’s schöner klingt. Nicht mehr. Nicht weniger.

ErFrance    Das »Gefühl für Catchyness« von dem Zloty schwärmt, beweist indes eher die Lyonerin Isabelle Frommer. Sie teilt sich mit dem Kombinat den Schlagzeuger, rockt aber in die andere Richtung, versetzt spielerischen achtziger Jahre Pop mit Stromgitarren-Drive, was ihre Düsseldorfer Band Er France zur Schnittstelle aus so etwas wie The Hives und Nouvelle Vague macht, nur betont schraddeliger, unperfekter produziert. An letztere erinnert auch der grenzfreie Umgang mit den Sprachen: Englisch und Deutsch, manchmal auch Französisch werden vermischt, mit dem charmanten Akzent der Sängerin aus Lyon, deren gerade so populäre freche Mädchen-Attitüde aus ein paar Mal zu oft schief gesungen Zeilen wie »I am so eager to get out now, wenn ich renn, dann renn ich rückwärts« keinen EU-Einheitsbrei rührt. Eher entsteht hier eine adäquate textliche Widerspiegelung der in der Musik eh immanenten Internationalität. Das Kombinat Feinripp und Er France, beide haben Platten gemacht, die so auch vor zehn oder zwanzig Jahren geklungen hätten. Wer darauf pfeift, pfeift auch dazu.

LABEL: Lolila

VERTRIEB: Broken Silence

VÖ: 26.10.2007

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here