Weltweit stellen sich Städter_innen die überteuerten Kleinstwohnungen mit Pflanzen zu. Weil sie Linderung versprechen, wo im neoliberalen Kapitalismus nur Verzweiflung herrscht. Die passende Musik dazu gibt es natürlich längst.

Summer Rayne Oakes heißt wirklich so und das allein ist nicht einmal das Außergewöhnlichste an ihr. Das Außergewöhnlichste an Oakes ist nämlich der Sauerstoffgehalt ihrer Wohnung. Über 1100 Pflanzen befinden sich nämlich darin, erzählte sie im April dem New Yorker in einem Videoporträt, was ihre Residenz wohl zu einer CO2-Umwandlungsfabrik macht. Diese Pflanzen bezahlen der studierten Umweltwissenschaftlerin und Insektenkundlerin auch die schätzungsweise nicht geringe Miete in Brooklyn. Denn neben per Crowdfunding finanzierten Online-Kursen (über 45000 Dollar sammelte sie dafür ein) abseits ihres Youtube-Kanals hat sie vier Bücher geschrieben, vom Kochbuch bis zum Ratgeber mit dem einladenden Titel How To Make A Plant Love You.

Dem vom System enttäuschten Publikum drückt man statt Opium handliche Opuntien in die Hand (Illustration: SPEX).

Oakes ist eine von vielen, die ihrem Publikum ein einfaches Mantra vorbeten: Blumen bringen  dort Freude, wo sonst keine zu holen ist. Wenn das Leben dich unweigerlich in die Stadt holt, kannst du dir mit einer Monstera (oder zwei, oder gleich dreihundert) die Natur zurückerobern. Im New Yorker-Porträt rahmt sie dieses Denken als herausstechendes Merkmal einer Generation: „It’s really amazing how millennials have picked up this idea of gardening, and mostly indoor gardening”, sagt sie da. “It’s that wonderful hobby that we have kind of somewhat control over, you know, especially because we don’t have backyards or places to call our own, really.” Emotionaler Ausgleich für die eigene Ohnmacht, die Tilgung aller Sehnsüchte nach Authentizität und sogar ein passabler Ersatz für persönliches Eigentum, wo alles weiträumig wegprivatisiert wurde: Pflanzen können im neoliberalen Kapitalismus offensichtlich Linderung verschaffen, wo sonst nur Verzweiflung regiert. Ist ja, äh, toll?

Dazu gibt es nun auch die passende Platte. Besser gesagt gibt es sie wieder. Denn Mother Earth’s Plantasia von MORT GARSON ist noch älter als die Generation der Millennials, die sie nun wieder als Stream, Download, CD, Vinyl (als farbige Version natürlich in Grün erhältlich) oder Kassette erwerben können, ohne dabei auf illegale Bootlegs oder Youtube-Streams mit schlechter Bitrate zurückgreifen zu müssen. Mother Earth’s Plantasia wurde 1976 als Privatpressung für den Hausgebrauch veröffentlicht und wird nun nach langer Rezeptionsgeschichte über das Goth-orientierte Label Sacred Bones in Kollaboration mit dem Tonträgergiganten Discogs neu aufgelegt.

Der 2008 verstorbene Kanadier Garson war ein klassisch ausgebildeter Musiker, der sich sein Taschengeld mit der Komposition von seichten Schlagern verdiente. Und mit noch seichterer Musik der Heimflora auf die Sprünge helfen wollte: “Warm Earth music for plants … and the people that love them”, heißt es im Untertitel von Mother Earth’s Plantasia, das Garson nach der Entdeckung der Moog-Synthesizer auf Zuruf seiner Frau aufnahm, einer passionierten Heimgärtnerin. Gefiel der ein Stück, ließ sie ihn das wissen, Stück für Stück wurde ein Album draus. Verkauft wurde es ursprünglich entweder parallel zum Erwerb einer Pflanze im Blumenladen Mother Earth in Los Angeles oder, auch das ist vielleicht aussagekräftiger als es scheint, beim Kauf einer bestimmten Matratze in einer Sears-Filiale.

Rückzug, Linderung, Wachstum, Chlorophyll

Der Easy-Listening- und Lounge-Background Garsons wird über die zehn Songs – vom Titelsong angefangen über „Ode To An African Violet” und “Concerto For Philodendron And Pothos” hin zu “Music To Soothe The Savage Snake Plant” – mehr als deutlich: Es blubbert und wirbelt so wohlig, als hätte sich jemand vom Fahrstuhl direkt ins Gewächshaus fahren lassen. Unbedingt winterharte Musik irgendwo zwischen James Last und Brian Eno also, ein unwahrscheinlicher Kult-Klassiker, dessen Rückkehr nun den Nerv der Zeit trifft und Ähnliches verspricht wie der heimische Kleingarten: Rückzug, Linderung, Wachstum, Chlorophyll und endlich wieder durchatmen. Durchatmen!

Vielleicht wird sich sogar Oakes ein Exemplar dieser Platte kaufen. Vielleicht auch eine ihrer vielen Kolleg_innen, die ihrem vom System enttäuschten Publikum statt Opium handliche Opuntien in die Hand drücken, als wäre das nicht komplett dasselbe. Vielleicht lehnen bald in Brooklyn, Berlin und Beirut tatsächlich die Platte für Pflanzen-Liebhaber_innen und Oakes’ letzte Buchveröffentlichung Rücken an Rücken am Petunienkasten. Vielleicht gäbe das tatsächlich nicht nur ein instagrammables, sondern tatsächlich schönes Bild ab. Vielleicht aber zeichnet sich darin einfach nur die grüne Heimhölle auf Erden ab, die ultimativ unterdrückte Restinnerlichkeit einer Generation. Welcome to Plantasia!