Kode9 & Burial „Fabric Live 100“ / Review

Cover: Kode9 Burial „Fabric Live 100“

Auf ihrem gemeinsamen Album Fabric Live 100 gelingen den Hyperdub-Koryphäen Kode9 und Burial gleich eine Reihe eklektizistischer Momente: Ob es das Spiel mit Genregrenzen oder Emotionen ist, oder das mit gesellschaftlichen wie sozialen Konventionen – sie beweisen, wie vielschichtig Musik sein kann.

Wir hören Musik bis heute so, wie wir Bücher lesen: Wir verknüpfen das Gehörte zu einer kausalen Kette und basteln ein Narrativ daraus. Das ist fatal, weil wir Musik damit zwingen, etwas zu repräsentieren – und dabei überhören, was sie besonders macht. Die Möglichkeit nämlich, dem Neben-, Gegen- und Miteinander, den Brüchen, Bedeutungsfragmenten und Fetzen aus Sinn und Unsinn freien Lauf zu lassen. Klang hat seine eigene Politik und steht für nichts außer für sich selbst. Nur wenige haben diese Idee so sehr verinnerlicht wie Steve Goodman alias Kode9, der nun gemeinsam mit dem als Burial bekannten William Emmanuel Bevan die dafür wohl stichhaltigste sonische Beweisführung des Jahres vorlegt.

Klang hat seine eigene Politik.

Die Schallwellen ihres Mixes zur 100. Ausgabe der DJ-Kicks-Reihe des Londoner Clubs und Labels Fabric pflügen sich nämlich geradezu durch Raum und Zeit. Sie bahnen sich in Form von Tracks von Jungle-Künstlern wie Jacob’s Optical Stairway oder Nut-E-1 ihren Weg zurück in die Neunziger, verfangen sich in den Loops des Footwork-Pioniers DJ Rashad aus den frühen Zweitausendzehnern, um dann in Gestalt des Gqom eines Julz Da Deejay oder des hyperdekonstruierten Samplecores von Klein in der Gegenwart anzukommen. Ein Ritt durch die Aggregatzustände jeglicher im Körper verfügbaren Affekte, durch gebrochene Euphorie und Melancholie hindurch zu eskapistischem Optimismus und notorischer Gefühlslähmung – auf 37 Tracks und rund 75 Minuten.

Dafür sind die beiden Londoner natürlich das perfekte Team. Während nämlich Burials Musik mit ihren nostalgischen signature sounds wie Plattenknistern und geisterhaften Stimmsamples für die ersten beiden Zustände steht, ist Kode9 sowohl als Musiker als auch Labelbetreiber von Hyperdub ein Apologet des future shock. Und damit jemand, der dem Zentralnervensystem seiner Hörerschaft ständig frische Methoden abverlangt, um die immer neuen rhythmischen Kombinationen zu verarbeiten. Fabric Live 100 ist darüber hinaus nicht nur ästhetisch ein Bekenntnis zu Diversität. Sondern auch geografisch: Der Mix zeichnet mit seinen Tracks aus China, Südafrika, Japan, Südamerika, USA und UK das wohltuende Bild einer multipolaren, hierarchielosen und genderneutralen Welt, die musikalisch schon viel weiter ist als politisch. Vielleicht gerade, weil sie keinem klaren Narrativ folgt.

Diese Albumkritik wird auch in SPEX No. 383 erscheinen. Das Heft ist ab dem 25. Oktober versandkostenfrei im Onlineshop bestellbar.

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