klub katarakt 37

klub katarakt 37

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Vier lange Abende in drei Hallen und ein Festival für experimentelle Musik, Elektronik, Bands und Installationen: Der klub katarakt findet vom 30. Januar bis 2. Februar zum bereits achten Mal in Hamburg statt. Mittlerweile auf Kampnagel etabliert, regt die Veranstaltung zum Neudenken von Zeit und Raum, von Zwischentönen und Fugen an. Der von anderswo gewohnte, starre Umgang mit Neuer Musik wird hier multimedial aufgebrochen und dieser ein ausufernder Rahmen geboten. Grenzgänge, wie sie auch das diesjährige »Ensemble in Residence«, zeitkratzer, repräsentiert, das sich an dem mit »Marathon« überschriebenen Donnerstagabend frei entfalten darf. Zuvor eröffnen die drei Hamburger Ensemble Nyx, Decoder und Nelly Boyd gemeinsam das Festival, allerdings zu gleicher Zeit in drei benachbarten, offenen Räumen, während das sich in den Jahren entwickelte katarakt-Netzwerk am abschließenden Samstag zusammenfindet. Dazwischen findet u.a. das Amsterdamer trio scordatura zu den Anfängen der mikrotonalen Musik zurück und stellt das Sonar Quartett Werke des mikrotonalen-Innovators Marc Sabat vor, dessen »Euler Lattice Spirals Scenery“« von 2011 hier erstmals an der Elbe gespielt wird.

   Das komplette Programm der diesjährigen Ausgabe findet sich hier, der Vorverkauf hier. SPEX präsentiert klub katarakt 37 und hat nachfolgend ein Interview mit den beiden künstlerischen Leitern des Festivals, Jan Feddersen und Robert Engelbrecht, geführt

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Jan Feddersen, Robert Engelbrecht, 2013 findet die achte Ausgabe des Festivals klub katarakt statt. Wie hat sich das Konzept und die Festivalarbeit über die Jahre verändert?
JAN FEDDERSEN   Ursprünglich, vor 20 Jahren, war katarakt ein Hamburger Zusammenschluss von Komponisten, größtenteils von der Hochschule (für Musik und Theater), um Konzerte auch außerhalb der Schule zu veranstalten und in Räume zu gehen, die nicht nur der klassischen bzw. der neuen klassischen Musik vorbehalten waren – Clubs und Theater etwa. Die Konzerte waren immer lang und multimedial begleitet. Es gab Neue Musik von den Organisatoren, Videokunst und Theaterprojekte. Da die Situation für Kultur und gerade diese Musikrichtung in Hamburg sehr schwierig war und ist, haben uns Anfang der Nuller Jahre mehr und mehr Künstler gebeten, den klub an mehreren Tagen zu machen. So entstand das Festival, erst in Off-Locations, seit 2009 in drei benachbarten Hallen auf Kampnagel. Das hat das Konzept sehr verändert. In den sehr hohen Hallen konnten wir jetzt stärker mit dem Raum arbeiten, auch wir selbst als Künstler, die ja immer wieder beim Festival ebenfalls auftreten. Dementsprechend haben wir auch die Komponisten eingeladen: Alvin Lucier, La Monte Young, Rhys Chatham und Eliane Radigue – alles alte, aber für uns wichtige Leute, die sehr stark vom Raum abhängig sind und mit ihm arbeiten.

Das diesjährige Motto lautet »Die Öffnung des Raums«.
ROBERT ENGELBRECHT   Die Motti der letzten Jahre umfassten alle verschiedene Aspekte der selben Sache, der Zeit.
JF   Es ging und geht um Zeitlosigkeit. 2012 hatten wir ein Stück von Morton Feldman, das viereinhalb Stunden gedauert hat, Radigue drei Stunden, dazu gab es eine hundertminütige Eröffnung mit vierzig Cage-Werken. Der zeitkratzer-Abend wird wahrscheinlich vier Stunden umfassen.
RE   Ihr zweites Set mit dem Stück »Xenakis[a]live!« von Reinhold Friedl dauert 50 Minuten. Im ersten Set spielen sie zuvor, was sie selbst als »Old School« bezeichenen: »Critical Band« von James Tenney, und Teile aus »Column One«, das sie ja erstmals bei der MaerzMusik in Berlin aufgeführt haben.
JF   Ich war damals vor Ort und fand das so toll. Da sie zum ersten Mal in Hamburg spielen, haben wir ihnen die freie Auswahl gelassen, wobei sie gemerkt haben, das wir gerne lange Sachen machen, und deshalb ein »richtig fettes Set« aufgestellt haben.

Assoziativ haben wir damit das Katarakt als Barriere abgehandelt, wo ergibt sich die Beschleunigung, die eine Stromschnelle ebenfalls bedeutet?
JF   Die findet ständig statt, beispielsweise wenn wiederum zeitkratzer Terre Thaemlitz' »Superbonus« spielen werden. Überhaupt wird es viele rhythmusbasierte Stücke geben, die man früher wohl minimalistisch genannt hätte. Aber es gibt eine weitere Bedeutungsebene: den Raum zwischen den Tönen, die Stimmung. Das wird gerade am dritten Tag beim Amsterdamer trio scordatura, das sich auf mikrotonale Musik spezialisiert hat, thematisiert, und am Eröffnungsabend in einem Porträt von und mit Marc Sabat, dessen Stücke vorrangig in Reiner Stimmung geschrieben sind. Überhaupt ist die Reine Stimmung, auf Englisch just intonation, über Jahre hinweg ein wichtiger Themenstrang des Festivals.

Wie wurde dieser bislang aufgenommen?
JF   Größtenteils positiv. Bei Radigue und La Monte Young haben sich viele Leute anschließend bei uns bedankt, denn es gibt selten die Möglichkeit, diese Musik live zu hören.
RE   Für uns ist auch genau das ein Kriterium bei der Auswahl. Mit dem Festival versuchen wir zudem etwas Distanz zum akademischen und klassischen Neue-Musik-Betrieb in Darmstadt gewinnen. In deren Augen sind wir ja auch nicht wirklich Neue Musik. Dafür stehen bereits zeitkratzer mit ihrer Haltung. Da gibt es diese klassische Neue Musik, aber zugleich auch keine Berührungsängste vor Noise, Rock und so weiter. Das findet sich auch auf dem Festival wieder, wo es neben Streichquartettkonzerten auch DJ-Sets gibt.

Versteht sich das Festival auch als jährlicher Auftakt für die Neue-Musik-Szene?
JF   Nein, das ist zu groß gedacht. Aber für Hamburg sind wir durchaus der Jahresauftakt. Hier ist es recht ungemütlich. Wir geben etwas Energie für den Anfang.
RE   Es ist eine Zusammenkunft der Szene, gerade am letzten Abend mit den Auftritten lokaler Künstler. Man tauscht sich aus. Woran wird gearbeitet? Was ist neu?
JF   Daher kommt auch der Name »klub«. Über die zwanzig Jahre hinweg hat es sich entwickelt, dass im Anschluss noch bis in die Nacht hinein vor Ort miteinander geredet wird. Es gibt immer Diskussionsbedarf.
RE   Und die Spezialisten treffen auf das normale Publikum.

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