Klingt schlimm ist gut – Ghostpoet im Feature & beim Pop-Kultur Berlin

Credit: Steve Gullick

Countdown 2/3! Die Welt des Londoner Musikers Obaro Ejimiwe war bisher beides: scheiße, aber okay. Drei Alben lang war die Kacke am Dampfen und am Ende trotzdem alles geil. Auf Dark Days + Canapés macht er nun Schluss mit dem Wird-Schon, vielleicht auch mit Ghostpoet und mit London sowieso. Denn sollte es eine Zukunft geben, liegt die jenseits der Rushhour. Außerdem spielt er auf dem Pop-Kultur Berlin. Wer könnte sich da noch beschweren?

Obaro Ejimiwe ist ein reicher Mann. Er hat mehr Silberringe als Finger, ein Strandhaus mit William-Turner-Ausblick, in dem er vegan lebt und seinen Hund mit glücklichen Tieren füttert. Vor allem aber kann er sich Sätze leisten wie: „Die Idee eines prallen Kontos als Voraussetzung für ein erfülltes Leben fühlt sich für mich ziemlich krank an. Gesunder Luxus sind gute Gespräche mit guten Menschen.“ Obaro Ejimiwe ist 34 und redet wie ein alter Sack. Mit dem Unterschied, dass er seine Vergangenheit nicht romantisch verklärt, sondern erst gar nicht darüber sprechen möchte. Ihn interessiert weder, was gestern war (Fleisch, nine-to-five, Grime), noch, was oder ob es morgen sein wird (das „Ghostpoet-Ding“). Deswegen gehören Interviews über die Musik, die er vor Monaten geschrieben hat, und Alben, die er in drei Jahren vielleicht (nicht) machen wird, vermutlich eher zu den unguten Gesprächen in seinem sehr erfüllten Leben.

„Schreibe Stücke fürs Jetzt, und hüte dich vor den Metathemen! Sonst kommst du in Teufels Küche.“

Aber sie bezahlen eben seine Rechnungen. Deshalb fläzt er nun mit einem halbverdauten Sandwich im Magen auf einer geschmacklosen Ledercouch in einem dieser gentrifizierten Scheißviertel der stinkenden Stadt, die er vor einem halben Jahr mit einem Zugticket ohne Rückfahrschein Richtung Küste verlassen hat, und redet mit dermaßen hochgerissenen Mundwinkeln über die Musik von gestern und morgen, dass es wehtut. „Der Künstler, der heute vor Ihnen sitzt, würde seine ersten beiden Alben sicher nicht mehr so machen. Aber genauso wenig weiß er, wie sich ein Ghostpoet-Album im Jahr 2020 anhören wird – sollte er dann überhaupt noch Musik schreiben. Jede Platte existiert und funktioniert eben genau in dem Moment, in dem sie gemacht wurde“, sagt der Profi über den Profi und meint, was der Mensch, zu dem er 32 Minuten später geworden ist, noch einmal im Klartext sagt: „Gestern wollte ich Astronaut werden, und was ich bekommen habe, ist die Einsicht: Das wird niemals passieren, hier ist der Schreibtisch, hinter dem du für den Rest deines Lebens Platz nehmen darfst. Die Musik hat mich im richtigen Moment davor bewahrt, dass mich gesellschaftliche Vorstellungen davon, wie die Dinge zu laufen haben, in die Selbstzerstörung treiben. Aber ich habe mir auch immer vorgenommen: Schreibe Stücke fürs Jetzt, mit denen sich die Leute identifizieren können, und hüte dich vor den Metathemen! Sonst kommst du in Teufels Küche.“ Derselbe Grund, der das vierte Ghostpoet-Album Dark Days + Canapés also zum besten Ghostpoet-Album macht, macht es zu Ejimiwes schlimmster Niederlage: Es zeigt die Welt beim Verkacken, deshalb zeigt es ihn beim Verkacken. Und es gibt genau eine Sache, die ihn daran erinnern würde: die Politikfrage.

„Ich wollte nie ein politischer Künstler werden und jetzt das“, sagt Ejimiwe. „Wie zur Hölle konnte es nur soweit kommen?“ Die Frage könnte seine Reaktion auf die The-Sun-Schlagzeilen „Wish EU Were Here“, „Machete Madman On Moped“ oder auf sechs Monate Trump am Drücker sein. Tatsächlich ist sie, wie alles, was Ejimiwe sagt oder tut, in erster Linie ein Memo an sich selbst. Auf eine weitere dieser Aussagen, die man sich leisten können muss, folgen hilflose Hüstel- und Schluckgeräusche und ein sehr nettes, aber noch hilfloseres Angebot: „Lassen Sie uns über etwas Schönes reden!“ Am Ende nicht der schlechteste Deal, weil über das Küstenstädtchen Margate reden auch über Politik reden heißt. Und vor allem über die politisch aufgeladene Musik, die der gebürtige Londoner mit nigerianisch-karibischer DNA in den letzten sechs Monaten in der südenglischen Grafschaft Kent geschrieben hat. Die Geschichte Margates ist traurig, aber nicht ohne Hoffnung, denn nun ist er ja da: der Mann für die Community. „Den meisten Menschen geht der Gemeinschaftssinn heute völlig ab. Nicht hier. Hier ist es noch möglich, gemeinsame Dinge anzustoßen“, sagt Ejimiwe, der es wissen muss, weil er in den letzten sieben Jahren als Berufsmusiker und Systemversager Verzicht vor allem im Hinblick auf eine Sache geübt hat: Ego. „Natürlich musste ich lernen, mit anderen zusammenzuarbeiten, und das war eine verdammte Herausforderung. Wenn ich Verantwortung abgebe, setzt das Vertrauen voraus“, sagt Ejimiwe. Aber mittlerweile ist er schlauer, als er misstrauisch ist, und weiß deswegen auch: „Was am Ende entsteht, ist immer größer als man selbst.“

Ghostpoet ist auch Nadine Shah, ist Mica Levi, ist Paul Smith. Sie alle trugen maßgeblich zu seinen Alben bei, und dass Ejimiwes Kunst nicht aufhört zu wachsen, liegt demnach weniger an seinen musikalischen Fähigkeiten als an der Fähigkeit, gemeinsame Dinge anzustoßen. Außerdem hat er mit Tony Allen gejammt und muss allein deswegen daran glauben, „dass alles geht“ – sofern man sich zusammenreißt. „Dass die Londoner nach Margate ziehen und denken, ihnen gehöre die Stadt, wird nicht funktionieren“, erklärt er. „Wir müssen respektvoll mit der Geschichte und den Gegebenheiten umgehen und die Einheimischen in neue Projekte einbeziehen.“ In den kommenden Monaten will Ejimiwe mit ansässigen Künstlern eine Radiostation aufbauen, der Stadt eine Stimme geben. Nach 20 Jahren behind the line spüre er, „dass hier Tag für Tag ein kleines London wachsen kann“.

An dem Tag, an dem der London Evening Standard einen Schwerpunkt zum Thema gender pay gap abdruckt und wir uns den gesunden Luxus eines einstündigen Gesprächs zum Preis zweier Billigflüge gönnen, hat Margate rund 65.000 Einwohner, von denen gut die Hälfte konservativ wählt, und eine Arbeitslosenquote, die über dem Landesdurchschnitt liegt. Auf dem romantischen Meisterwerk „View Of Minster, Isle Of Thanet“ des Landschaftsmalers und Wirklichkeitsverklärers Joseph Mallord William Turner, der hier die Schulbank gedrückt hat, wäre heute ein Offshore-Windpark des Energieunternehmens Vattenfall zu sehen – in Pastell. Und seit die viktorianische Seebrücke vor knapp 40 Jahren einem Sturm zum Opfer fiel, spätestens aber seit die Jets für 2,50 Pfund plus freiwillige Klimaschutzabgabe easy jeden Zipfel dieser Erde anfliegen, fährt kein Engländer und auch sonst niemand mehr, der kein Bein oder den Verstand verloren hat, zum Erholungsaufenthalt ins Royal Sea Bathing Hospital.

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