Klaxons

Simon Taylor: Ich hatte nie vorgehabt, Musiker zu werden. Nachdem ich mit dem Kunststudium fertig war, wollte ich in einer Galerie arbeiten. Ich musste aber feststellen, dass es von Tausenden Absolventen offenbar als normal empfunden wird, für kein Geld einen Full-Time-Job in einer Galerie anzunehmen – wie ein unbezahltes Praktikum, mit einer vagen Aussicht auf Karriere. Man muss reiche Eltern haben, um in London in einer Galerie arbeiten zu können. Ich komme aber nicht aus einem reichen Elternhaus. Also wurde ich Musiker.
    Auf der Kunstschule habe ich Jamie Reynolds kennen gelernt. Wir stellten fest, dass wir uns nicht nur gut verstanden, sondern auch ein ähnliches Interesse an Musik teilten: nämlich an deren Voraussagbarkeit. Natürlich mögen wir Underground- und Noise-Musik. Aber es ist einfach, in einer Band zu spielen, die sich niemals beweisen muss, in der man stets weiß, dass man vor den gleichen 50 Zuschauern spielen wird. Unsere Ambition, das stellten wir sehr schnell fest, war eine andere: Wir wollten populär sein – im wahrsten Sinne des Wortes ›Pop‹ sein. Wir stellten die These auf, dass man Erfolg erzwingen kann.
    Dabei geht es weniger um Berühmtheit, sondern um die subversive Kraft, die eine Pop-Band entwickeln kann, sofern sie die Vertriebswege und die Medien besetzt. Unser künstlerischer Ansatz war, dass wir die Charts mit verwirrenden Bildern, Images und Aussagen infiltrieren wollten. So gesehen, waren die Klaxons von Anfang an eine Behauptung, wir wollten von Anfang an größtmögliche Irritation und zugleich Identifikation stiften.
    In diesem Sinne hat sich unser Kunststudium voll ausgezahlt, denn wir begannen konzeptuell vorzugehen. Wir ahnten, dass wir unser eigenes Genre defi nieren mussten. Uns war klar, dass wir die Avantgarde einer Bewegung, und sei es einer behaupteten, sein mussten – und nicht deren Nachzügler. Jamie und ich analysierten die Situation und stellten fest: Alles war schon einmal recycled worden – die Siebziger, die Achtziger … Aber an die Neunziger hatte sich noch niemand herangetraut. Also wählten wir Rave als Bezugspunkt und nannten unser ›neues‹ Genre ›New Rave‹. Man könnte es auch als Rip-Off bezeichnen, was wir tun. Auf alle Fälle kann jetzt niemand mehr kommen und behaupten, er sei der Erste gewesen, der sich wieder auf Rave bezieht, denn wir waren schon da. Es ist das Prinzip der verbrannten Erde, wenn man so will.

Als es sich herumgesprochen hatte, dass es da diese ebenso dreist wie künstlerisch konzeptuell arbeitende Band namens The Klaxons gibt, wurden wir von der Tate Modern in London gefragt, ob wir nicht teilnehmen wollten an einem Projekt namens »Tate Tracks« – ausgewählte Bands wählen sich ein Kunstwerk aus und schreiben einen Song darüber. Wir entschieden uns für eine Skulptur von Donald Judd – weil sie uns an die strengen, metrischen Formeln der großen deutschen Bands der Siebziger erinnerte – also Cluster, Neu! und Can. Unser Song basiert auf einem musikalischen Pattern, das wir aus Judds Skulptur herausgelesen haben.

Wir haben daraufhin begonnen, unsere Kleidung, also unser Bild in der Öffentlichkeit, als Fashion-Statement zu inszenieren. Wir statteten uns mit den neonfarbigen Klamotten der Rave-Kultur aus, um uns von allen anderen abzuheben. Längst tragen wir aber nur noch Schwarz, weil es uns langweilig geworden ist, und weil wir ein Spiel spielen – mit der Presse, mit den Erwartungshaltungen, mit den Codes der Mode. Unser Image ist ein Bezugssystem aus Dutzenden von Referenzen und Zitaten. Es ist nur eine Frage von Wochen oder Monaten, bis wir das Schwarz ebenfalls wieder ablegen werden. Nicht jeder versteht das. Aber das ist genau, worum es geht. Im Übrigen waren schon unsere bunten Klamotten nichts anderes als ein Style-Zitat. Es gehört zum Prinzip der Popband, dass man sich wie ein Chamäleon immerfort ändern muss, sich inszenieren muss.
    Es wurde toll und grotesk zugleich, als uns die Medien plötzlich als Fashion-Vorreiter zu bezeichnen begannen. Wie spielten das Spiel mit, aber gleichzeitig hat es uns bald gelangweilt, weil es doch bewies, dass die Leute nichts begriffen hatten. Für uns war es schlussendlich dann aber doch ernüchternd zu sehen, dass wir zwar einen cleveren Begriff – ›New Rave‹ – geprägt hatten, der NME aber zu blöde war, das Spiel zu durchschauen. Die fragten allen Ernstes: Sind die Klaxons wirklich ›New Rave‹? Oder haben die Klaxons ›New Rave‹ falsch verstanden? Es gibt keine dümmeren Menschen als englische Musikjournalisten.

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