Klassik im Club

In den letzten Jahren zeichnete sich diese Entwicklung bereits deutlich ab, 2009 wurde sie besonders greifbar: Noch stärker als je zuvor bewegten sich klassische Musik und Techno aufeinander zu, bedienten sich mit einem Club-Hintergrund aufgewachsene Musiker der Orchestermusik. Das sichtbarste Zeichen dafür war wohl Carl Craigs und Moritz von Oswalds Beitrag zur »ReComposed«-Reihe der Deutsche Grammophon mit Maurice Ravels »Boléro«. Daneben arbeitete Carl Craig mit dem Luxemburgischen Pianisten Francesco Tristano-Schlimé, spielte gemeinsam mit diesem sowie dem Les-Siecles-Ensemble ein aufwendig gestaltetes Techno-meets-Orchester-Konzert in Paris. An beiden Fronten gibt es nun neue Projekte.

    Tristano hat kürzlich mit den befreundeten Musikern Rami Khalifé und Aymeric Westrich ihr gemeinsames, seit 2005 relativ ruhendes Projekt Aufgang mit einem soeben erschienenen Debütalbum reanimiert, auf diesem wird der Konzertflügel in die Tiefe des Clubraums gerückt. Das selbstbetitelte Album beschränkt sich dabei nicht nur auf die weitere Verzahnung von Techno und Klassik: Mal wird bei Stücken wie »Channel 7«, »Prelude du passé« oder »Barock« mit hämmerndem Schlagzeugbeat und dezent angelegten Steicher- bzw. oppulent ausgeschmückten gegenläufigen Klavierpassagen in Richtung Pop gearbeitet, mal bei Stücken wie »Good Generation« oder »Sonar« mit satten Bassdrumschlägen wieder deutlich Richtung House und Abfahrtsvarianten von Techno gezeigt.  Bei »3 Vitesses« oder »Channel 8« wiederum fühlt man sich an Aphex-Twin’sche Frickeltronica erinnert, hier klimpern die Klaviere zu rauschenden Synthesizerklängen.


VIDEO: Aufgang – Channel 7 (Live at Ce Soir ou Jamais, France 3)

    Aus der anderen Richtung nähert sich Matthew Herbert dem Clubkontext klassischer Musik. Neben seinen drei für 2010 geplanten Konzept-Alben hat der britische Komponist und Sampling-Künstler den Zuschlag für den vierten Teil der »ReComposed«-Reihe erhalten, Herbert bearbeitete Gustav Mahlers 1910 unvollendet gebliebene »10. Sinfonie«. Dafür ging Herbert – anders als Craig und von Oswaldt, Tenor und Arfmann – deutlich anders an das ursprüngliche Material heran: Hier werden die Tonspuren der Philharmonia-Orchestra-Aufnahmen von 1987 unter Leitung des Dirigenten Giuseppe Sinopoli zwar auch gesampelt und rearrangiert, allerdings auch gleich neu aufgenommen. Im Hintergrund rauschen zu Mahlers elegisch-düsteren Streicherpassagen eingestreute Field Recordings von Straßenverkehr, Krähenrufen und Spaziergängern, eingefangen nahe Mahlers Grabstätte auf dem Grinzinger Friedhof bei Wien. Andere Passagen soll Herbert über ein Autoradio in einen Sarg bespielt haben, um die so entstandene Neufassung der Sinfonie schließlich wieder einzufangen. »Meine Fassung soll keineswegs nur die Faszination des Todes darstellen, sondern eine Übersteigerung der unbequemen Balance, die Mahler zwischen Licht und Dunkel herstellte«, formulierte es Matthew Herbert im Begleitschreiben des Albums. »Es ist die Lust am Konflikt zwischen der Furcht und der Herrlichkeit«, so Herbert weiter.

    Das selbstbetitelte Album von Aufgang ist wie die »Barock«-Single mit Remixes von Mondkopf, Robert Hood und Wareika bereits auf Infiné Music erschienen, Spex präsentiert ihr Konzert im Elektroakustischen Salons des Berghains Berlin am Mittwoch, den 24. März 2010. »Recomposed by Matthew Herbert Mahler Symphony X« wird am 28. Mai bei Deutsche Grammophon veröffentlicht.

 


STREAM: Aufgang – Barock (Wareika Remix)


STREAM: Aufgang – Barock (Robert Hood Remix)


STREAM: Aufgang – Barock (Mondkopf Remix)
MP3: Aufgang – Good Generation (Edit)

Spex präsentiert Aufgang Live im Elektroakustischen Salon:
24.03. Berlin – Berghain (ab 20 Uhr)
mit DJs Max Dax, Arandel

Foto: CC marfis75 / Flickr

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