Klampfen gegen die Zensur: Moddi singt verbotene Lieder

Foto: Jørgen Norby

Er nennt sie Unsongs. Der norwegische Musiker Moddi hat zwölf Stücke, die der Zensur zum Opfer fielen, neu interpretiert. Von Kate Bush, Billie Holiday und Pussy Riot. Im Gespräch mit Philipp Kressmann verrät Moddi, welches Erlebnis ihn zu der ambitionierten Songsammlung motivierte und weshalb sie eine große Herausforderung für das klassische Handwerk eines Singer-Songwriters darstellte.

»Seit der Fertigstellung dieses Projekts habe ich keinen einzigen Song mehr geschrieben«, gesteht Moddi. Kein Wunder, dass der norwegische Singer-Songwriter nur schwer in sein altes Format zurückfindet: »Songs über die Liebe und die See«, dargeboten mit Akustikgitarre. Der Norweger hat für sein Album Unsongs nämlich zwölf Kompositionen, die in ihren Herkunftsländern politisch motivierter Zensur zum Opfer fielen, neu interpretiert. Der historische Kontext der Stücke betrifft den Militärputsch in Chile 1973 genauso wie den Libanonkrieg 1982 und die Kunstfreiheit im Russland unserer Tage.

Bisher war Moddi für Folk-Pop mit melancholischem Einschlag bekannt. Durch sein Engagement bei der Socialist Youth in Norwegen und einer Umweltschutzorganisation war Moddi zwar mit diversen Protestliedkatalogen vertraut, doch ein adäquates Abbild der Realität suchte er im besagten Material bisher vergeblich. Als künstlerisches Zeichen der Kritik an der israelischen Politik in Palästina sagte er 2014 ein Konzert in Tel Aviv ab. Schweigen als politisches Statement erschien Moddi auf Dauer aber mehr als unbefriedigend, wie er im Gespräch erklärt. »Zu diesem Zeitpunkt habe ich mein Vertrauen in Musik als politisches Medium verloren«, sagt er.

Wenige Tage nach der Konzertabsage wurde er von Brigitte Grimstad kontaktiert. Der 1935 geborenen norwegischen Sängerin wurde in den Achtzigerjahren untersagt, ihren Song »Eli Geva« live aufzuführen, weil dieser den gleichnamigen israelischen Offizier glorifizierte. Der hatte sich 1982 geweigert, seine Truppen in den Libanonkrieg zu führen. Eli Geva wurde zum Held der Friedensbewegung, das Stück von Grimstad blieb hingegen ungehört. Der Kontakt zu ihr war die Initialzündung für Unsongs: Moddi fühlte sich berührt und inspiriert. Eine Recherche nach weiteren zensierten Songs begann. Am Ende lagen ihm mehr als 400 Stücke vor, von denen Moddi zwölf Aufnahmen aus unterschiedlichen Ländern auswählte, um sich an einem möglichst breiten kulturellen Spektrum abzuarbeiten. Das Projekt wurde zu einer enormen Archivarbeit.

»Ich bin weiß, männlich und als Künstler etabliert. Wenn es jemanden gibt, der diese Songs singen darf, bin das wohl ich.«

Neben einer gediegenen Akustikinterpretation von »Eli Geva« findet sich auf dem Album auch eine Version einer mexikanischen Drogenballade, die im Rundfunk verboten wurde, weil sie das Leben der Dealer heroisch aufwerte. Für einen Singer-Songwriter wie Moddi, dessen Musik bisher ein ausschließlich aus persönlichen Erfahrungen schöpfendes Narrativ präsentierte, stellten solche Adaptionen eine enorme Herausforderung dar, nicht zuletzt weil das Identifikationspotenzial mit der Lebenswelt der Urheber – zum Teil Personen, die im kriminellen Millieu aktiv waren – für Moddi nicht immer gegeben war. Doch das sollte kein Ausschlusskriterium sein.

»Es ging mir nicht darum, zwölf Stücke auszuwählen, die mich selbst repräsentieren«, erklärt Moddi, »mir war wichtiger, zwölf Stimmen zu präsentieren, die es verdienen, im politischen Diskurs wahrgenommen zu werden. Dafür muss ich dem Inhalt nicht zwangsläufig zustimmen.« Dennoch bleibt die Frage, ob die Umsetzung gelungen ist. Sind die reduzierten Akustikarrangements und eher introvertierten Gesangspassagen von Moddi subversives Stilmittel? Oder drücken sie nur musikalische Unbeholfenheit aus? Die Akustikversion von Pussy Riots »Punk Prayer« (neben Billie Holidays Klassiker »Strange Fruit« und Kate Bushs Song »Army Dreamers«, der während des Zweiten Golfkriegs von der BBC boykottiert wurde, wohl das bekannteste Stück) ist balladesk, vom ursprünglich energetischen Punk-Noise, den die russischen Feministinnen medienwirksam in einer Kirche aufführten und der ihnen anschließend schwere Kerkerstrafen einbrachte, fehlt jede Spur. Das Revolution anzettelnde Stück »Where Is My Vietnam?« von Việt Khang, das in seiner Originalfassung von aggressiver Marschmusik Gebrauch macht, wirkt bei Moddi sanft. Diese Transformation raube den Songs ihr politisches Statement nicht, sondern akzentuiere dieses vielmehr, meint Moddi: »Pussy Riot mussten in die Kathedrale eindringen, um ihrem Thema Ausdruck zu verleihen. Deswegen verstand man ihre Aktion aber vor allem als blasphemisch und barbarisch. Dadurch, dass die Songs in einem ruhigen Rahmen arrangiert sind, kann man sich primär auf ihre Botschaft konzentrieren.«

Das erklärt auch, weshalb Moddi die Texte diverser Stücke übersetzen ließ. Bei der Interpretation von »Oh My Father, I Am Joseph« des palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish ließ er den Refrain, der den Koran zitiert und die Zensur auf den Plan rief, unangetastet, wandelte aber diverse andere Passagen um. Moddi ist sich darüber im Klaren, dass sich ein solches Vorgehen den Vorwurf kultureller Aneignung gefallen lassen muss. »Ich bin natürlich in einer extrem privilegierten Position: Ich bin weiß, männlich und als Künstler etabliert«, sagt er – und betont genau aus diesem Grund: »Wenn es jemanden gibt, der diese Songs singen darf, bin das wohl ich.« Konsequenzen hat er im Gegensatz zu den ursprünglichen Interpreten nämlich kaum zu befürchten. Trotzdem dürften Moddi-Auftritte in China oder Russland durch Unsongs wesentlich unwahrscheinlicher geworden sein.

Die Frage, ob es eine gemeinsame Essenz dieser unterdrückten Lieder gibt, verneint Moddi. Dafür seien die inhaltlichen wie formalen Differenzen zu groß. Dann folgt kurzes Schweigen. »Ich glaube, dass man sich besser kennenlernt, wenn man es wagt, auch über kontroverse Dinge zu sprechen, die verschiedene Kulturen voneinander trennn«, sagt er schließlich. Die Schicksale der porträtierten Künstler werden Moddi sicher für einige Zeit nicht loslassen. Auch die politische Situation der Länder, die in den Songs thematisiert werden, scheint er mit großem Interesse zu verfolgen. Der vietnamesische Musiker Việt Khang wurde ungefähr zum Zeitpunkt der Fertigstellung von Unsongs nach einer vierjährigen Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen. Wie klein und begrenzt Moddi der Blick auf die Küste vorkommen muss, wenn er wieder in seine beschauliche Heimat auf der norwegischen Insel Senja zurückkehren wird!

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