Kindness Otherness

Mehr als die Summe seiner Teile: Auf Kindness‘ zweitem Album Otherness geben sich namhafte Kollaborateure die Klinke in die Hand

Adam Bainbridge ist nicht nur ein bekennender Philanthrop, der an das vereinende Vermächtnis von Popmusik glaubt. In jüngster Zeit ist der Engländer mit indisch-südafrikanischen Wurzeln auch noch mit kuratorischem Auftrag in eigener Sache unterwegs – Deckname und Programm zugleich: Kindness. Dass Bainbridges Vision von musikalischer Großzügigkeit von Anfang an als ambitioniertes Großkonzept ausgeschrieben war, legte er 2012 mit seinem Debüt World, You Need A Change Of Mind offen. Die leichtfüßige Discoplatte im kultivierten Spannungsfeld von Funk, Jazz und Soul musste sich allerdings gegen den Vorwurf von Hyperreferenzialität stemmen: Die Songs seien zu einer verwaschenen Instagram-Montage verkommen, hieß es, das Album sei wenig mehr als eine gut geölte Zitatmaschine.

Diese Engführung von Bainbridges Songwriting auf eine fröhliche Fingerübung mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom fokussierte aber auf das falsche Ende des Kindness’schen Manifesto. Das Kontinuum der Popmusik, sofern dem machiavellistischen Geschmäcklertum enthoben, bewegt sich nämlich jenseits von Kategorien wie Geschlecht, Einheit, Genre oder müder Referenzzuschreibung. Wie Bainbridge es selbst in einem Tutorial-Videoclip zu seinem Song »House« mit einem Gebärdenspiel irgendwo zwischen Peter Pan und Bob Ross zum Ausdruck brachte: Popmusik ist frei und vor allem freigiebig, wer das immer noch nicht geschnallt hat, ist selbst schuld.

Mit Otherness knüpft Bainbridge in puncto sonischer Großzügigkeit nun an eine neue Schnittstelle an und ruft dafür eine imposante Reihe von Kollaborateuren auf den Plan, die von den R’n’B-Vandalen Dev Hynes alias Blood Orange und Fade-To-Mind-Muse Kelela über Popchamäleon Robyn und das legendäre Produktionsduo Jimmy Jam & Terry Lewis bis hin zu Jimmy »The Senator« Douglass reicht. Wer hier nur muskelspielendes Namedropping vermutet, irrt. Bainbridge bringt die Vielfalt an gegensätzlichen Akteuren auf einen gemeinsamen Nenner und steht fast wie nebenbei als delegierendes Mastermind im Zentrum der kollaborativen Impulse. Mit Erfolg.

Kelela mutet außerhalb ihres gängigen, unterkühlten Club-Beat-Gewands unverhofft lasziv an und dominiert den furios skandierenden Bläser-Funk von »World Restart« und die Art Of Noise zitierende Ballade »With You« mit sanftem, aber bestimmendem Drängen, bis sie, hauchend und ganz femme fatale, zur Zauberformel einer jeden Verführung findet: »Baby, tell me your fantasies!« Auch »Who Do You Love« feat. Robyn entpuppt sich als echtes Highlight: Die Synergie zwischen dem kristallinen Sopran der schwedischen Powerfrau, einer im Geiste Arthur Russells funky krachenden Drum-Machine und dem wunderbar warmen Gurgeln einer Hammond-Orgel, führt zu einer schelmischen, nicht minder fruchtbaren Mesalliance. Otherness scheint es auf diese kuriosen Vereinigungen regelrecht angelegt zu haben, der Titel ist Programm. Das Interessante dabei ist, dass sich die so entwickelnde Dialektik in absolutem Wohlgefallen auflöst. Wie sonst könnte man ein Stück wie »8th Wonder« erklären, bei dem sich butterweiche Saxofonklänge mit ätherischen Harfenkaskaden vertragen und der sonore Frenglish-Singsang des ghanaischen Rappers Manifest genau die passende Ergänzung zu Bainbridges Crooning hergibt?

Tatsächlich ist dieses Duett nicht der einzige Link, den Otherness zu kontemporärer afrikanischer Musik herstellt. Für den Song »For The Young« entstaubt Bainbridge ein Sample von Jazz-Altmeister Herbie Hancock, der bereits 1985 in Zusammenarbeit mit dem westafrikanischen Musiker Foday Musa Suso für eine eklektische Fusion von Elektro, Funk und afrikanischen Idiomen sorgte. Hauptakteurin des Hancock/Suso-Songs namens »Moon / Light« ist die Kora, eine mit beiden Händen gezupfte Stegharfe, die auch im elektrifizierten Remake von Bainbridge noch entrückende Assoziationen von Fernweh, Reiselust und Transgression auslöst.

Verhandelte das Kindness-Vorgängeralbum World, You Need A Change Of Mind thematisch noch konkret das Lieben und Entlieben in lockeren Momentaufnahmen, hakt Bainbridge mit Otherness viel konkreter nach. »How do you make a connection?«, fragt Robyn in »How Do You Love« und formuliert damit die Quintessenz des gesamten Projekts: Wie verbindet man Teile zu einem neuen Ganzen, idealerweise mitten im Aufbruch einer konstruktiven Veränderung? (Nicht umsonst lautet die erste, im Chor gesungene Zeile des Albums: »I felt the world restart.«) Menschenfreund Bainbridge antwortet, indem er einen besonderen Ort des Zusammenkommens schafft, an dem sich verschiedenste Charaktere mit buntesten Backgrounds alle gleich wohl fühlen dürfen. Damit verabschiedet Otherness den heiteren Groove des Debüts, nicht aber dessen Leichtigkeit. Vielmehr transformiert Bainbridge diese coziness in eine ernsthaftere, komplexere Verbindlichkeit. Auch wagt er mehr, indem er sein eigenes Album zu einem kreativen Drehkreuz für seine Kollaborateure ausweitet. Das nennt man dann wohl musikalische Großzügigkeit auf ganzer Linie. Und wie sagt man so schön? Wer wagt, gewinnt.

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