Kimya Dawson Alphabutt

Panda Delilah Dawson steckte voll in der analen Phase, als ihre Mutter begann, Songs für ihr neues Album zu komponieren. Im Alter von zwei bis drei Jahren, theoretisierte Sigmund Freud einst, entdecken Kinder die Lust an der kontrollierten Darmentleerung. Wer ihnen in dieser Zeit mit zu viel Sauberkeitsfimmel kommt, riskiert, dass sie einen »analen Charakter« entwickeln, dass sie also perfektionistisch, pedantisch und autoritär werden und als Duckmäuser, Spielverderber und Protestwähler enden. Das mag dem Einen als zu weit hergeholt erscheinen und der Anderen als gefährliches Halbwissen (Stimmt! Freud habe ich nicht gelesen, nur Wikipedia). Der wesentliche Punkt aber ist: Pandas Mama ließ nichts anbrennen.

    Mit »Alphabutt« entwickelte die Musikerin Kimya Dawson ein kindgerechtes Themenalbum über die Freude an Stoffwechsel und Flatulenz. Der Name ist eine Wortkreation aus ›Alphabet‹ und ›Popo‹ (›Butt‹) und im programmatischen Titelsong singt Dawson: »F steht für Furz, G steht für Gorrilla-Furz (…) und Z steht für Fürze, die so sticken wie ein Zoo.« Neben furzenden Tieren geht es in Dawsons neuem Album auch um Unterwasser-Fürze, Pipi im Pisspott und gängigere Motive aus der Kleinkinderpädagogik, wie etwa Wackelzähne oder freundliche Tiger.

    Dawson singt, wie man das von ihren früheren Solo-Alben kennt, mit Gitarrenbegleitung und ansteckender Verletzlichkeit. Neu ist der Kleinkinderchor, der sie bei einigen Liedern begleitet, jeden Einsatz knapp verpasst und mangelnde technische Fertigkeit durch seinen Charme wieder wettmacht. Einmal erscheint zudem eine Stimme, die verdächtig an die Monster der Sesamstraße erinnert und pädagogisch wertvollen Textzeilen bekräftigend zustimmt. Gegen Ende des Albums wird Dawson nach all den quietschfidelen Kinderliedern nachdenklicher und singt in »Sunbeams And Some Beans« – ohne Chor und Monsterstimmen – über Subsidaritätswirtschaft, Hunger und den Gier der Konzerne. Anklagend, sehnend und alleine mit ihrer Gitarre erinnert das zu sehr an die Klischees eines halben Jahrhunderts linker Liedermachertradition und an die falsche Pädagogik – jene, die alle Antworten schon parat hat und das Denken für ihre Adressaten übernimmt.

    Besser, weil ambivalenter und viel subversiver wirken Dawsons Kinderlieder. In »We’re all Animals« preist sie die Vorzüge weiblicher Körperbehaarung und singt: manche Leute rasieren sich ihre Haare, ich nicht, schließlich sind wir alle Tiere. Das kann als niedrigschwelliger Kampfsong gegen Kreationismus und Körperkult verstanden werden – kommt aber ohne jede pädagogische Keule aus. Dawson hatte ihren Durchbruch mit Antifolk-Teenie Adam Green als Moldy Peaches und kuratierte zuletzt den Soundtrack der Jugendschwangerschafts-Komödie »Juno«. »Alphabutt« erscheint da wie ein logischer nächster Schritt. Wer bei Dada-Texten und Kinderstimmen die Nerven verliert, wird »Alphabutt« nicht genießen können. Gut dagegen: die Vorstellung, dass beim Englischunterricht im Kindergarten dessen neoliberalem Beigeschmack energisch entgegen gepupst wird, wenn eine Horde anti-analer-Charakter laut mitsingt: »F steht für Furz! G steht für Gorilla-Furz!«

LABEL: K Records

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 09.09.2008

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