Killa Kela

Ein britisches Riesenmaul will hoch hinaus: Lee Potter alias Killa Kela findet, dass die Kunstform des Beatboxings schon zu lange vor sich hin dümpelt. Er will das fünfte Element der Hiphop-Kultur zurück in die Stadien der Welt führen. Also ploppt und schnauft und schnalzt er drauflos, dass es nur so schnappt. Kate Nash, Dizzee Rascal und Pharrell Williams hat er so schon für sich gewonnen.

Killa Kela

Rapper gab es ohnehin schon zu viele, für Graffiti fehlte Killa Kela die Wut, für eine DJ-Karriere das Startkapital. Also schnalzte er als Beatboxer los.

(Foto: © Kai von Rabenau / SPEX)

Vier Alben, Auftritte mit Snoop Dogg und Prince, zwischendurch sogar ein kleiner Spaziergang durch den grellbunten britischen Blätterwald, Hand in Hand mit Patsy Kensit: Gemessen an den Standards einer ewigen Randsportart des Musikbusiness, nimmt sich die Lebensgeschichte von Killa Kela reichlich spektakulär aus. Lee Potter aus Billinghurst, West Sussex, ist der beste Beatboxer der Welt. Sagt die Fachpresse. Sagt Pharrell. Und sagt er selbst. »Was ich mir in den letzten zehn Jahren aufgebaut habe, hat sonst niemand geschafft.«

    Tatsächlich ist Kela, Sohn eines Schlagzeugers, weit mehr als nur ein Vokalakrobat. Er ist ein Bühnenchamäleon, das mit Hin gabe seine Rolle als Outcast im Land der Hoodies und hängenden Hosen zelebriert – und live eine hinreißende Mischung aus Geezer und alles plättender Entertainmentmaschine gibt. Ein unbescheidener Typ mit einem Musikgeschmack zwischen New Yorker Rap, Guns ’n’ Roses und all den wundervollen Dingen, die das London der frühen neunziger Jahre für einen Heranwachsenden mit gesundem Testosteronhaushalt bereithielt. Und nicht zuletzt der aktuelle Monopolist eines Genres, das zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung des Hiphop-Mutterlandes USA schon vor zwanzig Jahren Konkurs anmelden musste. Damals hießen die Heroen des Beatboxings Doug E. Fresh, Fat Boys, Biz Markie. Kela hörte sie Jahre später im Wohnzimmer seiner Eltern und dachte sich: Das kann ich besser.

    Also schnalzte er los. Rapper gab es ohnehin schon zu viele, für Graffiti fehlte ihm die Wut, für eine DJ-Karriere das Startkapital. Sagt er: »Weißt du, ich bin mit Max Headroom und dessen Computerstimme aufgewachsen. Und bei ›Police Academy‹ gab es diesen Cop, der täuschend echt Geräusche nachahmen konnte. Auch die ernsthafte Seite des Ganzen hat mich immer fasziniert, die polnische Jazz- und Scat-Vokalistin Ursula Dudziak zum Beispiel. Also fing ich an, auf den Soundchecks irgendwelcher Konzerte abzuhängen, und wann immer sich die Möglichkeit bot, sprang ich auf die Bühne und schnappte mir das Mikro.«

VIDEO: Killa Kela

»And Pharrell was like, ›You should be the next Biz Markee‹…« Sichtlich stolz präsentiert sich Killa Kela in diesem Video-Feature des Online-Magazins Earwaks.com

    Heute gibt Kela eigene Konzerte, und er wird immer dann angerufen, wenn irgendwo ein bisschen Spektakel mit subkultureller Kante benötigt wird. Als er sich etwa an einem lauen Aprilabend kurz vor Mitternacht in einem Berliner Businesshotel zum Interview einfindet, kommt er gerade aus Nottingham, wo er für den Fernsehsender Channel 4 in einer Episode der britischen Erfolgsserie »Skins« mitgespielt hat. Nach dem Gespräch soll er ein spontanes Showcase in einem Hiphop-Schuppen in Friedrichshain hinlegen. Am nächsten Tag geht’s zu einer Late-Night-Show nach Istanbul. Kela ist müde, das Reisen nervt ihn eher, doch er ist gefragt, und das ist seine Bestätigung. Woran sollte er sich auch sonst messen, wo doch Konkurrenz weit und breit nicht in Sicht ist? An dem ehemaligen Roots-Mitglied Rahzel, der seit Jahren mit ein und demselben Trick – Beat und Gesang im vorgeblich gleichen Atemzug – über europäische Hiphop-Festivals tingelt? »Wohl kaum! Ich dachte immer, der wäre in Amerika der große Mann. Aber den kennt dort keine Sau.« Kela träumt stattdessen: »Aber einen Auftritt bei der Eröffnungsfeier bei den Olympischen Spielen 2012 würde ich schon mitnehmen«.

    Nicht alles, was er in seiner gut zehnjährigen Karriere angepackt hat, ist ihm allerdings gelungen. Seine neue CD »On Tour Van Damage« etwa, eine Art Live-Mixtape, das die unfassbare Energie von Kelas Bühnenauftritten fürs Wohnzimmer konservieren soll und Gastbeiträge von Roots Manuva, Dizzee Rascal und Plan B enthält, ist, wohlwollend ausgedrückt, eine arge Spezialistensause, wie sie eben oft dabei herauskommt, wenn sich Beatboxer, Turntablisten oder Freestyle-MCs am Albumformat versuchen. Sein 2005er-Album »Elocution« aber war eine gute Platte, mit raffinierten Ideen und tollen Popsongs wie »Rave Of The Future«, in dem er zu verzögerten Snares die Apokalypse in den Superclub verlegte. Nur wollten das Album damals weit weniger Menschen hören, als sich sein Label Sony BMG ausgerechnet hatte.

    Schon längst arbeitet er an einem weiteren Album, Gastbeiträge kommen diesmal von Kate Nash, Clipz, dem angesagten Chicagoer Rap-Duo The Cool Kids und seiner eigenen Spitkingdom-Crew, der neuerdings auch Franz Ferdinands Live-Drummer Andy Knowles angehört. Doch achtet Kella genauestens darauf, dass er selbst in diesem Spiel immer im Mittelpunkt bleibt. Er müsse niemandem mehr etwas beweisen, sagt er. Und meint damit: Ich will es aber trotzdem. Zum Beispiel, dass man als Vokalkünstler auf Eins einsteigen kann (»Bobby McFerrin war immerhin auf Platz zwei«). Und dass man mit komischen Geräuschen aus dem Mund ganze Stadien füllen kann.

    Als Kela wenig später im Cassiopeia eintrifft, ist die Tanzfläche gähnend leer, sein Monopol scheint hier noch nicht viel wert zu sein. Berlin bereitet sich auf ein langes Wochenende vor oder tut sonst etwas, in dem britische Beatboxbuben ganz eindeutig nicht vorkommen. Der Überraschungsauftritt wird nach kurzer Begehung des Clubs gestrichen, Killa Kela wirft gelangweilt Kieselsteine gegen eine Mauer auf dem Gelände. Kein Grund, deswegen schlechte Laune zu bekommen: Er hat Größeres vor.


»On Tour Van Damage« von Killa Kela ist bereits erschienen (Spitkingdom / RTD).

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