Kilian Kerner: »Auf einmal hat es so richtig geballert in meinem Kopf«

Kilian Kerner in seinem Atelier by Yves Borgwardt
FOTOS: Yves Borgwardt   GROOMING: Philipp Koch Verheyen

Kilian Kerner war einst das Wunderkind der Berlin Fashion Week. Heute ist er einer der erfolgreichsten Modedesigner in Deutschland. Das war nicht immer so: Für seine ersten Kollektionen wurde er verspottet. Inzwischen macht Kilian Kerner Rekordumsätze und kleidet die hiesige Filmbranche ein. Ein Gespräch über Panikattacken, Method Acting und Chiffon.

Kilian Kerner, Sie sind vor einiger Zeit mit Ihrem Label an die Börse gegangen. Wie stehen die Aktien?
Ach, das Börsengeschäft ist etwas, um das ich mich zum Glück nicht kümmern muss. Aber die Aktie erholt sich wieder.

Gab es Probleme?
Ja, letzten Sommer, gab es einiges, das nicht so rund lief und so entstand ein falsches Bild unseres Labels, und der Markt reagiert ja leider sofort. Das Börsengeschäft ist wirklich nichts für mich und wird Gott sei Dank von anderen erledigt.

Haben Sie Vorbilder in geschäftlicher Hinsicht?
Ich habe den großen Willen, einen riesigen Lifestyle-Konzern aufzubauen. Hugo Boss bewundere ich sehr. Es dauert natürlich Jahre und Jahrzehnte, um dahin zu kommen. Aber Expansion ist ein ganz wichtiges Thema für mich und wir arbeiten hart daran.

Kommt es da nicht zu Konflikten zwischen Businessplänen und künstlerischem Anspruch?
Es ist schon manchmal schräg und nicht einfach alles unter einen Hut zu bekommen. Aber es macht mir Spaß, künstlerisch zu arbeiten und das ganze auch straßentauglich umzusetzen. Man muss außerdem versuchen, zwischen der Marke und sich als Mensch zu differenzieren. Ab und zu denke ich mir: »Mein Gott, man hätte das Label vielleicht Blumentopf nennen sollen!«, dann würde nicht überall mein Name auftauchen. Auch wenn die Leute mit »Atelier Kilian Kerner, guten Tag!« ans Telefon gehen – das ist bisweilen befremdlich.

Als Chef lastet auf Ihnen auch erhebliche Verantwortung. Wie halten Sie das von sich fern, um in Ruhe designen zu können?
Das geht eigentlich gar nicht. Designer bin ich auch selten im Atelier. Das Designen findet zu Hause statt, am Abend oder am Wochenende. Dann komme ich ins richtige Gefühl und habe die nötige Ruhe. Aber es wird jetzt einige Veränderungen bei uns geben, weil wir wahnsinnig schnell gewachsen sind und das alles gar nicht mehr zu bewältigen ist.

Aber Sie möchten natürlich auch überall dabei sein.
Das stimmt, meine Assistentin wirft mir immer wieder vor: »Kilian, du brauchst es doch auch!« Und es stimmt. So ganz aus den Geschäften zurückziehen will ich mich wirklich nicht. Ich habe Großes vor und bin einfach ein wahnsinniger Kontrollfreak. Ich verfüge über einen Kopf, der sich viel merken kann – zum Leidwesen vieler. Immerhin steht hinterher überall mein Name drauf! Aber ich lerne, loszulassen.

Sie lassen sich für eine Kollektion von Ihrer eigenen Gefühls­welt inspirieren. Wie wird aus einer Emotion ein Produkt?
Ich habe schon oft überlegt, ob ich mir nicht eine neue Herangehensweise an eine Produktion suchen sollte. Aber ich bin nun mal so, und das macht die Marke auch aus. Die Leute spüren die Emotion hinter jedem Teil, und deswegen muss ich so weitermachen, auch wenn das meine Arbeit sehr aufwühlend und anstrengend macht. Auf der anderen Seite erlebe ich so natürlich auch Dinge, die besonders schön und tief emotional sind.

Ihre Mode wird oft als »ehrliche Mode« bezeichnet. Wie ehrlich kann Mode sein?
Mode ist ehrlich, solange du sie selber machst, nicht nur Sales- und Marketingstrategien hinterherläufst und nicht nur für den Verkauf entwirfst. Es ist eine Gratwanderung, man darf sich nicht verlieren und muss trotzdem kommerziell sein. Diese Balance zu finden, macht mir sehr viel Spaß, weil ich Kommerz toll und wichtig finde. Schauen sie mich mal an, wie ich heute aussehe. Kapuzenpulli und Turnschuhe! Aber ich finde den Tragbarkeitsaspekt nicht unerheblich, deswegen tut es mir auch nicht weh, Kilian Kerner Senses zu machen, im Gegenteil.

Ihre urbane, praktisch orientierte Linie.
Ja, sie ist greifbarer. Ich möchte die Sachen auf der Straße sehen.

Hat das Modebild auf den deutschen Straßen eine Rundum­erneuerung nötig?
(lacht) Also, wir sind auf jeden Fall auf einem guten Weg. Ich habe das Gefühl, dass die Deutschen sich wieder mehr mit Mode auseinandersetzen. Allerdings muss man ihnen noch viel beibringen. Ich fliege morgen in die USA, da ist das Bild allerdings auch nicht anders. Die Amerikaner sind so schmerzfrei! Aber ganz allgemein wird Individualität zum Glück wieder wichtiger, und die Leute interessieren sich auch wieder mehr für die Zusammenhänge. Beispielsweise dafür, wo die Sachen produziert werden.

Wo produziert Kilian Kerner?
Hauptsächlich in Polen. Die Abendkleider werden zum Teil in Berlin gefertigt, die Jersey-Ware in der Türkei und der Strick in italien.

Nach welchen Kriterien selektieren Sie Stoffe?
Die Leute im Internet werden sich jetzt wieder über mich lustig machen. Aber es ist nun mal so: Der Stoff redet mit mir.

Was sagt der Stoff denn so?
Na ja, wir setzen uns natürlich nicht hin und sagen: »Grüß Gott, wie war dein Tag?« Aber wenn ich einen Stoff sehe und fühle, dann beginnt er ein Gespräch mit mir und sagt mir, was er will. Das muss passieren, mit jedem Stoff.

Lassen Sie auch Stoffe nach Wunsch weben?
Ja, das habe ich auch schon gemacht. Aber ehrlich gesagt ist mir das ein bisschen zu anstrengend, wenn wir auch noch weben lassen. Mit Strick und Prints ist es ja schon ein großes, großes Abenteuer. Was da alles geliefert wird! Gerade in der Musterung kommen dann immer wieder neue Hiobsbotschaften. Da könnte man Saison für Saison ganze Bücher drüber schreiben.

Zum Beispiel?
Die Transportunternehmen liefern die Pakete nicht aus, weil sie irgendwo stecken bleiben oder die Produktion sie nicht rechtzeitig abgeschickt hat. Wie oft auch Stoffe oder Kleider im Zoll hängen bleiben! Ich erinnere mich mit Freude an eine lila Wolle. Sie glauben nicht, wie viele Versuche es gebraucht hat, bis endlich diese lila Wolle ankam! Alles kam: Petrol, Rot, Blau, nur nicht Lila. Dann muss man improvisieren können. Im ersten Moment kriege ich eine große Panikattacke, aber dann finde ich immer eine Lösung, und oft wird es sogar noch besser. Es ist immer alles für irgendetwas genau richtig. Das versuche ich mir jeden Tag einzubläuen. (lacht)

Trotzdem stelle ich es mir wahnsinnig schwierig vor, unter Zeitdruck kreativ sein zu müssen. Machen Ihnen Deadlines manchmal Angst?
Grundsätzlich versuche ich, vor nichts Angst zu haben. Aber dann bekomme ich doch eine Panikattacke nach der anderen und schreie: »Scheiße, es fehlen noch zehn Kleider, und die Deadline rückt gnadenlos näher!« Aber auch solche Momente sind total gut. Darüber hinaus sind die Augenblicke, in denen man auf eine weiße Wand starrt, die allerwichtigsten. Selbst wenn oft einfach nichts passiert. Ich steigere mich dann wahnsinnig in dieses Gefühl hinein, und dann sollte man mich auch besser in Ruhe lassen. Aber am nächsten morgen wache ich auf, und alles ist da, dann gibt es einen richtigen Knall.

Schließen Sie sich in solchen Phasen im stillen Kämmerlein ein?
Ja. ich erinnere mich an einen Samstag: Ich bin morgens aufgewacht, hatte wahnsinnig schlechte Laune und dachte mir noch: »Gott sei Dank bist du heute den ganzen Tag alleine, das ist ja nicht auszuhalten mit dir!« Und dann bin ich einkaufen gegangen, habe mich hingesetzt, und auf einmal hat es so richtig geballert in meinem Kopf. Ich habe dann an einem Tag eine ganze Kollektion entworfen und gleich schon die Showreihenfolge festgelegt und die Musik und alles. Ich habe von zwei Uhr mittags bis vier Uhr nachts gearbeitet, und am nächsten Morgen ging es direkt weiter. Das sind Tage, an denen man wieder weiß, warum man diesen Job macht. Wahnsinn! (weiter nach dem Foto)

Kilian Kerner by Yves Borgwardt

Sie haben Schauspielerei studiert. Sind Sie der Method Actor unter den Designern?
Method Acting habe ich auf der Schauspielschule am liebsten gemacht. Die Herangehensweise, aus mir und meinen Gefühlen heraus eine Rolle anzulegen, ist bei mir hängen geblieben. Das nutze ich jetzt fürs Designen. Ich habe mir eine große Liebe zur Schauspielerei bewahrt. Vor kurzem habe ich auch ein Hörspiel gesprochen: Ich war Bibi Blocksberg! Mich interessieren die Menschen, ich liebe Schauspieler, sie inspirieren mich. Mein Ex-Freund ist auch Schauspieler. Als er dann Texte lernte und Charaktere anlegte, musste ich mich sehr zurückhalten, um ihm nicht immer meine Sichtweise aufzudrücken. Leicht haben die es auch nicht.

Auch aus negativen Gefühlen heraus kann bei Ihnen ein schönes Kleid entstehen. Wie machen Sie das?
Die jetzige Kollektion When You Know Your Little Prince ist durch ein Thema entstanden, das alles andere als schön war. Ich wurde mit Dingen konfrontiert, die wehtaten. Ich kam an meine Grenzen. Aber ich benutze den Schmerz dann einfach, um etwas Schönes daraus zu machen.

Wie muss man sich das vorstellen?
Da ist jemand urplötzlich und ganz jung verstorben. (hält kurz inne) Jemand, den ich sehr mochte. Das ist kurz vor der Kollektion passiert und hat mich natürlich wochenlang beschäftigt. Doch irgendwann habe ich dann angefangen, dieses unproduktive Taubheitsgefühl loszuwerden und Energie daraus zu ziehen. Ich lasse mich dann einfach in die Gefühle fallen, fange an zu zeichnen und schreibe sehr viel auf. Daraus entsteht eine Kollektion.

Sie schreiben auch zu jeder Kollektion einen Songtext.
Zu fast jeder, ja. Bei der jetzigen Kollektion habe ich auch einen Songtext geschrieben, aber der ist dann zum regelrechten Seelenstriptease ausgeartet. Es wurde dermaßen privat, dass ich das nicht durchziehen konnte. Dann habe ich versucht, den Text umzuschreiben, so dass man nicht genau versteht, wer da gestorben ist und dass es überhaupt um den Tod geht. Aber das Resultat war nicht mehr ehrlich, also habe ich es lieber gelassen. Musik spielt für meine Mode eine ganz zentrale Rolle, obwohl ich total unmusikalisch bin und mir der Rhythmus so gar nicht im Blut liegt. Privat höre ich Nena und Placebo – man sagt mir einen sehr verkitschten Musikgeschmack nach.

Bei Ihren ersten Kollektionen bekamen Sie aufgrund Ihrer unorthodoxen Herangehensweise ziemlichen Gegenwind zu spüren. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?
Das erste Jahr war sehr schlimm. Es ist natürlich verletzend, wenn Leute sagen: »Der kann gar nichts!«, nur weil ich nie eine dieser Modeschulen besucht habe. Aber mich hat das dann wahnsinnig angespornt. Ich habe so eine Jetzt-erst-recht-Mentalität entwickelt. Ich wusste immer, dass das alles gut werden würde. Da hatte ich keinerlei Zweifel.

Trotzdem haben Sie im Nachhinein Ihre ersten Arbeiten selbstironisch als »Basteleien« bezeichnet.
Es ist ja nicht so, dass ich die Kritik von damals heute nicht verstehen könnte. Was ich am Anfang gemacht habe, war eher lustig. Ich nehme das keinem übel, mich gibt es ja immer noch. Als ich überredet wurde, an einer Show teilzunehmen, musste ich in zwei Wochen alles zusammenbasteln und habe da eine Energie entwickelt, die mich selbst überrascht hat. Ich kannte diesen Ehrgeiz gar nicht von mir. Wie krass ich mich damals verändert habe! Ich fragte mich selbst: »Kilian, du brauchst keinen Schlaf mehr, willst nicht mehr ausgehen, willst niemanden mehr sehen, und stattdessen findest du es toll, auf T-Shirts herum zu malen und Hosen zu zerreißen. Vielleicht ist es das, was du machen solltest.« Dann habe ich mich mit einer Schneiderin eingeschlossen und angefangen, zu lernen. Da war ich 25.

Wünschen Sie sich manchmal die Unwissenheit von damals zurück?
Ich habe damals nicht nachgedacht, und das hat man auch gesehen. (lacht) Nach dem Motto: »Der Stoff ist hübsch, den nehmen wir! Die Farbe ist doch süß! Die passt zwar überhaupt nicht zu den anderen Farben, aber die nehmen wir auch noch rein!« Das war mir alles so egal. Ich versuche auch heute noch, instinktiv zu arbeiten, aber wir müssen am Ende des Tages halt alle unsere Brötchen verdienen. Ich will ja nicht nur schöngeistig arbeiten und mein Ego durchziehen. Obwohl: Zum Glück macht es meinem Ego auch Spaß, Sachen zu entwerfen, die sich gut verkaufen. (lacht) Der Verkauf ist die größte Bestätigung.

Im letzten Jahr feierten Sie Ihr Debüt auf der London Fashion Week. Wie war das für Sie?
Ich habe mir die Freiheit herausgenommen, etwas zu tun, was mir wahnsinnig viel Spaß bereitet: nämlich eine Kollektion zu entwerfen, die nur aus Abendkleidern besteht. Das kann ich am besten. Die London Fashion Week war eine tolle Reise, die wir bald wieder antreten werden.

Und was war da mit der Queen los?
Mit der Queen hatten wir Ärger! Ich habe eine Kollektion namens Dear Kate entworfen. Die war Kate und Harry gewidmet.

Nicht Kate und William?
Nein, das war ja der Twist. Da gab es ein T-Shirt, auf dem Kate Harry einen Antrag gemacht hat. Die Nachfrage war riesig, und wir sind groß in die Kaufhäuser aufgenommen worden. Aber im Buckingham Palace kam das gar nicht gut an. Nach drei Tagen wurden die Shirts überall aus dem Sortiment genommen.

Dürfen die das?
Na ja, die Royals haben ein paar e-mails geschrieben und gesagt: »Sofort stoppen, raus damit!« Und die britischen Untertanen haben den Befehl befolgt. Dabei heißen ja so viele Leute Harry und Kate! Außerdem haben wir gesagt, das T-Shirt sei Harry Styles von One Direction gewidmet, aber das haben die uns nicht geglaubt. (lacht) Ich wollte mich aber nicht unbedingt direkt mit dem Königshaus anlegen. Meine nächste Kollektion hieß daraufhin God Save The Queen.

Wie wichtig sind Prominente, die Ihre Mode auf den roten Teppichen dieser Welt tragen?
Das spielt eine große Rolle beim Aufbau des Images, und mir macht es auch großen Spaß, mit Künstlern zusammenzuarbeiten und einen Look zu entwickeln.

Was, wenn jemand, der nicht zum Image passt, Ihre Entwürfe trägt?
Ja, das ist auch schon passiert, da dreht man sich dann einfach weg und geht. Anscheinend gibt es auch eine andere Marke, die so ein ähnliches Logo hat wie wir. Ich wurde nun schon mehrmals darauf angesprochen, dass diese Melanie, die Gewinnerin des diesjährigen Dschungelcamps, immer T-Shirts mit KK-Logo trägt. (verdreht die Augen) Sogar meine Mutter musste sich dafür schon rechtfertigen. Aber Mama, ich bin das nicht, versprochen! Da muss es irgendwas anderes geben.

Karl Kani?
Ja, das könnte natürlich sein.

Eine letzte Frage, die die Modewelt quält: Wo ist der Chiffon geblieben?
Ich war ja ein Chiffon-Fanatiker, aber dann wollte ich kein Walla-Walla-Typ mehr sein. Der ist weg, der Chiffon, wir haben uns getrennt. Der Chiffon hat nicht mehr mit mir gesprochen.

Kilian Kerner zeigt heute Abend seine neueste Kollektion bei der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin.