Kevin Morby: »Singing Saw« / Review

Wenig hatte auf auf einen solchen Quantensprung hingewiesen, wie ihn Kevin Morby mit dem Übersong I Have Been To The Mountain und dem ganzen dazugehörigen Album hinlegt.

Singing Saw ist eine Platte von Kevin Morby, es könnte aber auch ein Baumarkt sein. Der 28-jährige Texaner spielt auf seinem dritten Soloalbum ungeahnte Arrangeurstalente aus, hat für jeden Song die passenden Einzelteile im Sortiment, für jeden Akkordwechsel einen klugen Kniff vorrätig. Geht nicht, gibt’s nicht, sozusagen. (Sorry.) Schon die Vorabsingle war jedenfalls spektakulär: In »I Have Been To The Mountain« bringt Morby eine nervöse Akustikgitarre mit Systemfehler-Synthies und dem besten Basslauf seit dem ersten Song auf der ersten Strokes-Platte zusammen. In weniger als 30 Sekunden. Dann kommt ein klangstablastiges Schlagzeug dazu, eine Mariachi-Trompete, drei Backgroundsängerinnen und zur Krönung ein Gitarrensolo, das sich anhört, als würde Edwyn Collins auf frisch gewischtem Linoleum ausrutschen. Streicher weisen den Weg nach draußen. Überladen? My ass.

Als würde Edwyn Collins auf frisch gewischtem Linoleum ausrutschen.

Morby benannte »I Have Been To The Mountain« nach einer Rede von Martin Luther King und widmet es dem im Mai 2014 von Polizisten getöteten Afroamerikaner Eric Garner. Sein Text ist kämpferisch, runtergekürzt auf die wichtigsten Begriffe, zugleich berauscht von der eigenen Wucht. Man könnte das Stück als Aufruf zur Selbstjustiz verstehen – aber könnte man Morby das auch verübeln? Der Künstler hadert mit praxisfernen Debatten über police brutality und Möglichkeiten des Widerstands, mit all dem wohlfeilen Gerede. Zugleich spürt er den Thrill der Gewalt in sich wachsen, eine Sehnsucht nach einfachen Antworten, der er schließlich doch widersagt. »I Have Been To The Mountain« kehrt zurück vom Rande der absoluten Verzweiflung, um festzustellen: We’re bigger than this. Kein Popsong der Welt könnte mehr leisten.

Wenig auf den ersten beiden Platten von Morby hatte auf solch einen Quantensprung hingewiesen, auch nicht sein Mitwirken bei den New Yorker Psych- und Folkrock-Bands Woods und The Babies. Für Singing Saw ist der Übersong jedoch weniger Hypothek als Freifahrtschein. Morby traut sich danach alles, klimpert Tobias-Jesso-Jr.-mäßig auf dem Klavier herum, täuscht Reggae- und Gospelstücke an, tänzelt schließlich im Walzertakt aus dem Album heraus. Auf tausend verschiedene Weisen hätte er Singing Saw in den Sand setzen können. Stattdessen hat Morby den besten Baumarkt der Popmusik aufgemacht. Ein Mann, dem man glauben kann.

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