»Er hatte Angst vor ihnen.«

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New Order. Paradise Garage, New York City, USA. 7 July 1983. Gelatin silver print, Edition of 50.

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Es bedarf nicht unbedingt der 32 Fotografien im Hintergrund, fünf farbig, 27 in Schwarz-Weiß, um zu erkennen, dass Kevin Cummins einen Großteil seines Lebens des Nachts in Clubs und Konzerthallen verbracht hat. Die intensive Zusammenarbeit mit Bands wie The Stone Roses, The Smiths oder New Order steht dem aus Manchester stammenden City-Fan und langjährigen Cheffotografen des NME hat ihre Spuren in das Gesicht des 58-Jährigen gefurcht. In Berlin werden derzeit einige seiner Fotografien von New Order in einer gemeinsamen Ausstellung mit den legendären Plattencovern Peter Savilles gezeigt: True Faith – an exhibition about New Order featuring works by Peter Saville and Kevin Cummins ist am heutigen Mittwoch zum letzten Mal zwischen 18 und 23 Uhr im .HBC geöffnet.

   Beim Rundgang durch die Räume sprach Cummins, der auch Joy Division regelmäßig porträtiert hatte, mit Spex über seine Botschafterrolle für die Musikszene Manchesters, die Transformation von New Order, ihre US-Tour, Inspirationen von David Hockney und das technische Handwerk eines Musikfotografen in den 80ern.

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Mr Cummins, Sie scheinen gerade von Vernissage zu Vernissage zu reisen. Erst am 1. Juni haben Sie Manchester: So Much to Answer For über The Smiths in London eröffnet.
KEVIN CUMMINS   Und am 13. Juni folgt The Stone Roses: Third Coming, ebenfalls in London. Aber ich rede immer nur über eine Ausstellung. Konzentrieren wir uns also auf New Order.

Vor uns sehen wir eine sehr ungewöhnliche Fotoserie für eine Punkband: New Order genießen die Sonne an einem Pool in Washington D.C. Das Jahr ist 1983.
   Als aus Joy Division New Order wurden, war ihr Sound und Aussehen für mich zunächst noch sehr ähnlich. Ich porträtierte sie deshalb weiterhin sehr harsch mit viel Schwarz und Schatten. Mit Beginn dieser US-Tour hatte sich die Stimmung allerdings gewandelt. Sie mussten den Tod eines engen Freundes verdauen, und fingen nun langsam an, wieder nach vorne zu blicken. Ihr Sound war zudem tanzbarer geworden. Das wollten wir festhalten. Außerdem war es für die damalige Zeit eine der wenigen Möglichkeiten, große Farbfotos in einem Musikmagazin zu zeigen. Es sollte sehr britisch werden und ich versuchte beinahe die Swimmingpool-Ästhetik in den Bildern David Hockneys zu kopieren, gleichzeitig ging es mir um Hollywood, deshalb auch der Negativstreifen. Um ältere Fotos von ihnen darin nachhallen zu lassen, fasste der Bildausschnitt fast nur ihre Gesichter.

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Arndale Centre. Manchester, England. 23 February 1981. Gelatin silver print, Edition of 50.

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Die Serie markiert also eine Zäsur, drückt den Beginn einer neuen Zeit für die Band aus. Wer ein paar Jahre zurückdenkt und sich der tristen Beschreibungen des damaligen Manchester erinnert, den dürfte es verwundern, dass Sie ausgerechnet zur Kamera griffen, anstatt der Bilder Ihrer Umwelt zu entfliehen.
   Nein, das denke ich nicht. Es sah zwar alles sehr karg und streng aus, aber als ich etwa Joy Division in ihrem Manchester der späten 70er fotografierte, dann sah es aus wie Osteuropa. Die Leute meinten Posen oder Warschau auf diesen Bildern zu sehen, aber nicht Manchester, Großbritannien. Die Stadt war faszinierend und brutal, wenn auch nicht so brutal wie Berlin zu dieser Zeit.

Ihre erste Begeisterung soll dem Fußball gegolten haben. Sportfotograf wurden Sie dann aber doch nicht.
  Das wollte ich auch nie, denn, mehr noch als bei der Musik, wollte ich mir den Sport einfach nur ansehen, und nicht nebenbei fotografieren – eben weil ich ein großer Fan war. Angefangen habe ich letztendlich indem ich einfach eine Kamerabox mit zu den Konzerten nahm und dort direkt eingelassen wurde, obwohl die Box leer war. Erst später war eine Kamera drin und ich fotografierte etwa den Auftritt von David Bowie als Ziggy Stardust, probierte mich aus. Im Sommer 1976 brach dann plötzlich Punk in Manchester aus und Paul Morley und ich waren da, um als Team seine Geschichte aufzuzeichnen und um die örtliche Szene in die nationale Musikpresse hineinzudrücken. Gewissermaßen half auch der Tod Ian Curtis’: er gab uns bzw. der Szene ihre erste tragische Figur.

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Bernard Sumner. C.O.MAN.C.H.E. Student Union. Manchester, England. 6 February 1981. Gelatin silver print, Edition of 50.

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Vor uns ist das jüngste Bild der Ausstellung: Bernard Sumner live bei einem Konzert im Februar 1981 im C.O.MAN.C.H.E., Curtis im schlichten Aussehen dabei sehr ähnlich. Sie erwähnten Ziggy Stardust: Mit Punk wurden auch die schillernden, bunten Kostümierungen der fiktiven Bühnencharaktere, etwa im Glam-Rock, von Outfits aus zerrissenen Klamotten und Leder abgelöst und …
   Oh, nicht in Manchester! Die Musiker trugen ihre alte Schul- oder Arbeitskleidung. Dieser Malcolm McLaren-Stil war ein rein Londoner-Phänomen.

War es eine Herausforderung, die optisch eher langweiligeren hiesigen Musiker zu porträtieren?
   Bei aller Höflichkeit: Im Vergleich zu London war es das tatsächlich. Jedoch: Wenn man jemanden interessant findet und sich mit ihm auseinandersetzt, dann sollte es einem auch gelingen, dies einzufangen. Und ich war ja mit all diesen Leuten aufgewachsen, deshalb war der Umgang vertrauter und entspannter. Ich machte damals auch ein paar eher legerer Aufnahmen, die ich sonst nie machte, um das hervorzuheben. Die Verbindung zu diesen Bands war eben eine andere.

Zeigen tun Sie diese Bilder jedoch erst heute.
   Mir ist ein Rückblick auf diese Zeit vor 30 Jahren und New Orders andere Seite wichtig. Als ich Joy Division fotografierte, erwischte ich Ian nie lächelnd. Ich konnte darauf auch keinen Film verschwenden, der war schließlich teuer damals, jeder Schuss musste sitzen. Als New Order dann 1983 in den USA waren, hatte sich die Situation geändert, auch das Material war erschwinglicher geworden. So konnte ich ein paar aufrichtigere Aufnahmen der Band machen, obwohl diese nicht im NME landen würden.

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Gillian Gilbert. Danceteria, New York City, USA. July 1983. Gelatin silver print, Edition of 50.

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Wir sprachen bereits darüber: Andere Fotografen hatten durchaus Probleme, mit den schüchternen und leicht desinteressierten New Order dieser Zeit zu arbeiten.
   Das kann ich mir gut vorstellen. Ich kann mich an das erste Shooting mit unter dem Namen New Order erinnern. Der Journalist reiste aus London an und ich musste ihn vom Bahnhof abholen und der Band vorstellen, da er Angst vor ihnen hatte. Sie hatten sicherlich eine gewisse Reputation. Das zeigten auch die Fotos.

Mussten Sie sich eigentlich noch auf die Konzerte vorbereiten?
   Auf Einzelne in jedem Fall und damals war das auch schwieriger. Es gab kaum Musikvideos oder Aufnahmen, man musste eine Band schon live gesehen haben, um wirklich zu wissen, wie sie dort aussieht. Ich versuchte dennoch mit dem wenigen vorhandenen Material herauszufinden, wie sich die Musiker auf der Bühne zumeist platzieren würden, wohin sie ihre Blicke oft richten würden. Hätte ich bei dem C.O.MAN.C.H.E.-Foto bei Peter Hook gestanden, wäre mir dieses Foto von Bernard natürlich nicht gelungen. Es gab auch nicht den Luxus eines Fotografengrabens, man musste die richtige Position vorher erkennen und sich im Publikum erkämpfen. Dafür durfte damals aber auch noch das ganze Konzert fotografiert werden.

Es gibt aber auch Studioaufnahmen zu sehen, etwa die Porträtserie aus dem Baring Street Studio in Manchester, in der sie alle vier Mitglieder einzeln vor den Silhouetten der restlichen Band fotografierten. (Das Porträt Gilian Gilberts aus der Serie ist unten auf dem Ausstellungsflyer zu sehen.)
   Die schattenreiche Atmosphäre sollte an Joy Division erinnern und auch hier war die Vorbereitung besonders wichtig: Tags zuvor hatte ich mit vier Freunden in zehn Stunden alles nachgestellt und exakt ausgerichtet, schließlich benutzte ich nur Tageslicht. Die Band kam dann vorbei und nach zehn Minuten waren wir fertig. Wahrscheinlich dachten sie, dass die ganze Arbeit auch nicht länger gedauert hat.

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Stephen Morris. Heaton Park, Manchester, England. 7 June 1983. Gelatin silver print, Edition of 50.

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Wie war ihr Verhältnis zu Rob Gretton, dem Manager beider Bands? Gretton beeinflusste bisweilen auch das Aussehen seiner Schützlinge.
   Wir waren Freunde, gingen hin und wieder gemeinsam zum Fußball. Er ließ mir also freie Hand, mischte sich nie ein. Wir sagten der Band auch nie, was wir planten, damit sie nicht vorher Ausreden suchen würden. Rob sorgte deshalb einfach nur dafür, dass sie pünktlich am gewollten Ort auftauchten.

Gab es einen Wettbewerb zwischen Ihnen und anderen Fotografen der Bands, etwa Anton Corbijn, um die ikonografische Prägung ihrer Erscheinung.
   Nein, manchmal erhalten Fotografen zwar ein bestimmtes Bild einer Band aufrecht, das sie für ihre eigene Idee halten, aber zuvor in den Fotos eines anderen erkannt haben, letztendlich aber arbeitet jeder mit eigenen Ansätzen. Und schon allein Factory und der NME hatten sehr unterschiedliche Vorstellungen. Sehen Sie, jetzt stehen wir vor einem meiner liebsten Bilder: Bernard allein vor dem Paradise Garage in New York. Die Straßen war leer, er wiederum vollkommen erschöpft und verließ als letzter den Club. Als ich mich umdrehte, machte ich sofort drei Bilder.

Es ist in der Tat ein sehr einprägender Moment. Bemerkte er Sie?
   Ja, er wusste das, aber er war eben auch sehr fertig und lief schweigend an mir vorbei.

In den 80ern nahmen New Order auch viele Drogen.
   Oh ja, das taten sie. Aber ich musste einmal mit den Happy Mondays arbeiten. Wir waren sieben Tage auf Tour und sie waren lediglich auf der Bühne zusammen. Ansonsten waren sie wie aufgekratzte Tier überall hin verstreut. Glauben Sie mir: Die waren schlimmer!

Alte Konzertkritiken zufolge, bewegten sich New Order hingegen auf der Bühne kaum.
   Korrekt. Und sie hatten auch nie viel Licht, und wenn, dann war es Gegenlicht von hinten, während ich obendrein auch strikt ohne Blitz fotografierte. Bernard konnte man etwa nur erwischen, wenn er kurz nach vorne lugte, um zu sehen, was er gerade auf der Gitarre im Dunkeln spielte.

Wie wieviele Aufnahmen machten sie pro Konzert für gewöhnlich?
   Ein Film für ein ganzes Konzert. Heutige Fotografen hingegen machen in den ihnen erlaubten ersten drei Stücken mitunter hunderte Fotos in wenigen Minuten. Sie drücken nur noch einen Knopf und erschaffen kein Bild mehr.

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Wir stehen vor jenem Foto Bernard Sumners, das von Cummins im Juli 2009 aufgenommen, auch das Interview mit selbigen in Spex #322 begleitete. Der damals in seiner Funktion als Kopf von Bad Lieutenant auftretende Musiker sieht hier, sechszehn Jahren nach der Fotosession am Washingtoner Pool milde gealtert, aber ebenso entspannt wie damals aus. Der Kreis schließt sich, Cummins wird fortgerufen. Später, bei einer zweiten kurzen Unterhaltung, steht die Frage im Raum, warum er zuletzt sich fast vollständig von der Musikfotografie verabschiedet hat? »Wissen Sie, alle Bands mit denen ich zusammengearbeitet habe, sind so ikonografisch geworden. Das nimmt den Freiraum. Mit Factory Floor aus London habe ich im Winter doch wieder einmal eine junge Band fotografiert.« Und dann, mit einem verschmitzten Grinsen: »Allerdings habe ich die wie New Order aussehen lassen.«

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New Order. Paradise Garage, New York City, USA. 7 July 1983. Gelatin silver print, Edition of 50.

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Peter Hook. Toronto, Canada. 31 July 1993. Gelatin silver print, Edition of 50.

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