Unsere Sinne Werden Nie Mehr Die Selben Sein

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   Auch in diesem Moment wäre es geradezu würdelos, es charmanter auszudrücken: KEN RUSSELL war ein Filmemacher, der unheimlich auf die Kacke gehauen hat. In diesem Wort »auf die Kacke hauen« steckt ja auch etwas Großes drin, denn in ihm trifft sich das Wilde mit dem Erhabenen. Ken Russell hat in vielen seiner Filme haltlos gegen das dezente, ehrfürchtige Mittelmaß angearbeitet, und lieferte sich dabei – um im Bild zu bleiben – stets dem Risiko aus, auch mal selbst beschissen zu werden. Berühmtestes Beispiel: Tommy, die 1975 fertig gestellte Transformation des gleichnamigen Konzeptalbums von The Who aus dem Jahre 1969, der ältere Geistesbruder des 70er Jahre-Gewächses The Wall von Pink Floyd. Immer geht es um den Aufstieg eines gehandicapten Jungen aus der Arbeiterklasse zum mehr oder weniger faschistoiden Übermenschen  (aka tumben Rockstar), den das schlechte Gewissen am Ende einholt, in dem sich die Massen / das Volk / ein Familiengericht an ihren einstigen Lieblingen Tommy / Pink fürchterlich rächen: Wehleidiger, narzisstischer Schmarrn mit – wer wollte das wirklich bestreiten – zu vielen bedrückenden Ingredienzien, um leichterhand komplett in die Tonne getreten zu werden.

    Ken Russells Version von Tommy widerspricht aufs drastischste der Überzeugung, dass sich theatralische Bühnengesten verkleinern müssen, um – für die Leinwand gefilmt – nicht lächerlich zu wirken. Ausstattung, Schnitt, Kostüme, Effekte – alles wird hier gleich groß geschrieben, auf gesprochene Dialoge indes verzichtet. Der Film ist eigentlich ein 106minütiges Musikvideo. Dass Roger Daltrey in der Rolle des Tommy hier sein daueroffener Mund nicht zum schmeichelhaftesten gereicht, hätte man eigentlich spätestens am zweiten Drehtag merken müssen. Was soll's – der Werbespruch: »Don't miss Tommy, the Film. Your senses will never be the same, again.« beschreibt eben mit gleichem Recht die intendierte Wirkung des Films wie den free 70ies-spirit seiner Macher.

   Nicht nur spektakulär sondern auch interessant wurde es, wenn Russell nicht auf den damals zeitgenössischen Pop sondern auf die Klassische Musik losgelassen wurde. Schon früh, in den sechziger Jahren hatte der gelernte Fotograf für die BBC TV-Filme über Edward Elgar und Claude Debussy realisiert, in den Siebzigern folgten fürs Kino The Music Lovers (mit Richard Chamberlain als Tschaikowski), Lisztomania (mit Roger Daltrey als Franz Liszt) und vor allem Mahler – eine fiebernde, pathosdurchtränkte biografische Hommage an den österreichischen Komponisten, in dem spätklassische Schwermut mit sadomasochistischen Fantasien und albtraumhaften Vorahnungen des tausendjährigen Nazireiches einhergehen.

    Ken Russells Bilderwelten waren stets mehr intuitiv assoziierend – um hier nicht das unscharfe Wort »gefühlt« zu setzten – statt intellektuell reflektiert. Das hat ihm viel Kritik eingebracht. Und der Welt ein einzigartiges Werk. Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang freilich noch die romantische D.H.-Lawrence-Adaption Women in Love, für die es 1971 eine Oscar-Nominierung gab (Glenda Jackson erhielt gar den Preis als beste Hauptdarstellerin), die wunderbar in die Mittachtziger passende Lord-Byron-Hommage Gothic (1986) mit der Musik vom britischen Synthie-Exzentriker Thomas Dolby und das 1994 erschienene schwer lesenswerte Buch The Lion Roars – Ken Russell on Film

   Auch in seinen letzten Jahrzehnten war Russell außerordentlich produktiv – und wurde doch zunehmend zum latent vergessenen Außenseiter. Immerhin: das stets geschmacksichere Filmfest Oldenburg widmete ihm 2005 eine Retrospektive. 2006 erschien Trapped Ashes, der letzte Film, an dem Russell als Regisseur partizipierte – die Plotline spricht für sich: »Seven strangers on a Hollywood movie studio tour are trapped inside an infamous House of Horror and forced to tell their most terrifying stories to get out alive.« 

  Im Alter von 84 Jahren ist Ken Russell am Sonntag im Schlaf, wie es heißt, gestorben. Möge er in Frieden ruhen.

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