Keith Flint ist tot. Der Frontmann von The Prodigy verstarb im Alter von 49 Jahren, wie sein Bandkollege Liam Howlett bestätigte. SPEX traf die Band 1996 in Genf, just in jenen Wochen, als „Firestarter“ die britischen Charts anführte. Flints Kommentar dazu: „Wir haben angefangen, bevor die Techno-Puristen überhaupt daran gedacht haben, auszugehen“.

In Genf führen Rhône und Arve die Mechanik des Mainstreams vor wie Kontrastflüssigkeiten. Zäh und dunkelgrün suppt die Rhône, noch satt vorn Genfer See, den sie gerade durchquert hat, auf den Pont du Jonction zu, die „Brücke der Vereinigung“. Von rechts nähert sich schneeweiß und quirlig die Arve, kaum schmaler als die Rhône, sie kommt direkt vom Montblanc. Aber wenige Meter vor der Brücke trifft sie auf die Rhône, sie nascht nur mal kurz und geht unter. Von der Brücke sieht man noch verzweifelte weiße Wolken im Grün kämpfen, dann drängt das Grün das Weiß an den Rand, das Weiß dünnt sich zum schmalen Streifen am Ufer, und wenn man sich umdreht, zieht da ein fetter, ungerührter, grüner Strom Richtung Mittelmeer, als wäre nichts geschehen.

Über der Arena, dem Veranstaltungszentrum am Genfer Flughafen, geformt wie ein halbiertes UFO, geht um zwei Uhr nachts ein Gewitterregen nieder. Drinnen geben sich knapp 2.000 vorwiegend männliche Genfer seit acht Uhr einem unkonzentrierten Rave hin; konkurrierende Beats auf Treppenkaskaden und Zwischengeschossen, Dis auf vier Etagen, Blicke durch Glasscheiben auf nasse nächtliche Rollbahnen, Infostände zur Aufklärung über die Gefahren von Ecstasy und die Vorzüge des Shark-Hal-Energy-Drinks, Plakate: „Da die Lautstärke Werte von 120 dB erreichen kann, finden interessierte Personen Ohrenstöpsel im Saal vor.“ Im Saal: gleiche Musik, gleiche Lautstärke, aber gegensätzliche Bilder. Draußen Taumel, Quecksilber, Ortlosigkeit, ausgefranste Enden, drinnen gefrorenes Woodstock, Erdenschwere, gestauter Ausbruch. Wenige tanzen, manche kauern auf dem Beton, viele stehen, alle warten. Strudelnde Lichter von der Decke schminken Bewegung auf die Köpfe; wenn sie aussetzen, wiegt die Trägkeit der Menge doppelt schwer. Alle warten auf… „Yeah, yeah, yeah! Ladies and Gentlemen, from England: The Prodigy.“

„Was ist Rock’n’Roll?“Ein ausgelutschtes Scheißwort“ – Keith Flint (2.v.r.) (Foto: Derek Ridgers).

Ist das The Prodigy, das Rave-Wunder von 1991 ff.? Die Show hält sich auf gleichbleibend hohem Hysterielevel. Liam Howlett, in kuhgefleckter Kniebundhose, fuhrwerkt emsig hinter der Elektronik hoch über der Ebene. MC Maxim Reality, langer roter Mantel, gelber Schot-tenrock, gibt atemlos Kommandos: „Everybody hands up!“ — „All the party people bring the noise!“ — „Wanna have a good time tonight?“ — „Are you having a good time! Are you having a good time?“ Leeroy Thomhill, der Soulman, gleitet durch die vom MC aufgewühlte Soundmasse wie ein Funk-Katamaran.

Und dann kommt Keith Flint, Teufelchen mit rasiertem Scheitel und roten, diabolischen Seitenfedern am Schädel. Er kabolzt in Hamlet-Posen, streckt die Zunge raus, rollt Augen in geschwärzten Höhlen, reißt den Wolfsrachen auf und keift maliziös, mit Johnny-Rotten-Vibrato: „l’m the firestarta, twisted firestarta!“ Er tanzt wie ein fleischgewordenes Gitarrensolo, der Körper windet sich, schrammt, schlingert, heult, stottert und fiept. Irgendwann läuft noch ein leibhaftiger Gitarrist in Grunge-Ausstattung ein. Er reißt das Maul auf. Er drischt Akkorde. Er liefert sich kleine pantomimische Jagger-Richards-Kasperleduelle mit Flint.

Bei WOM stehen die Platten unter „Techno“. Aber hier auf der Bühne regieren nicht Leichtigkeit, Anonymität, Redundanz, Indifferenz, space, Sprachlosigkeit. Hier herrschen Schweiß, Bandgeist, Dramatik, Rebellion, Erde, Expression. Das hier ist Rock’n’Roll. Rock’n’Rollback?

„Großbritanniens beste Rock’n’Roll-Band“ hat The Face sie genannt, „die wichtigste Rock’n’Roll-Band der Neunziger“ der NME. Das sollten Komplimente sein. Haben The Prodigy nicht 1991, auf ihrer ersten EP, schon gedroht: „We’re Gonna Rock“? „Was ist Rock’n’Roll?“, bellt Keith Flint. „Ein ausgelutschtes Scheißwort, das Leute beschreiben soll, die Fernseher aus Hotelzimmern schmeißen. Ich meine, wir sind nicht Rock’n’Roll. Rock’n’Roll ist Bill Haley And The Comets.“

„Wir können nicht die beste Rock’n’Roll-Band in England sein“, bedauert Garn Howlett mit achselzuckender Selbstverständlichkeit. „Denn die beste Rock’n’Roll-Band Englands ist Oasis.“ Oasis haben sich das Kompliment verdient. Ihr Gitarrist, Noel Gallagher, soll Liam Howlett kürzlich nach ein paar Drinks den einzig glaubwürdigen Songwriter in der Dance Music genannt haben. Seit Howlett vor dem letzten Album Music For The Jilted Generation seinen Schreibblock mit hohen Dosen von Beastie Boys, Rage Against The Machine, Ted Nugent und Deep Purple kurierte, fliegen die Liebeserklärungen hin und her über die Genregrenzen wie Tischtennisbälle.

„Die Musik, die ich mag“, sagt Howlett heute, „kommt von Rock-Bands wie den Smashing Purnpkins.“ Dafür haben sich die Smashing Pumpkins erst neulich, auf einer Bühne in Brixton, mit einer Coverversion der aktuellen Prodigy-Single „Firestarter“ revanchiert, die seit Wochen die britischen Top Ten anführt und gleich – Rekord! – neun alte Singles in die Charts mitgeschleppt hat. „Als ich hörte, daß die Smashing Pumpkins uns gecovert haben“, sagt Howlett, „war das für mich ein größerer buzz als zu erfahren, daß die Platte in den Charts ist. Das ist Respekt, und das bedeutet mir viel.“

Rock’n’Roll-on-Rock’n’Roll-off. Wie die Nostalgiker des Britpop besinnen sich auch britische Tanzmeister wie The Chemical Brothers, Underworld und eben The Prodigy („Wir waren die ersten, die das getan haben!“) in schwierigen Zeiten aufs nationale Erbe, das in England nun mal aus Stones, Sex Pistols, Lads besteht und nicht aus Tangerine Dream, Kraftwerk und „Jugend forscht“. Alle seine Freunde aus den Tagen des pausenlosen Rave. sagt Liam Howlett, hätten sich mittlerweile desillusioniert von der Dance Culture ab- und dem Rock zugewandt. „Ich höre nicht viel Dance Music“, sagt er. „Wenn du das tust, gehst du in die Falle und bleibst kleben.“

Sind The Prodigy fidele Konterrevolutionäre, die sich nach dem Sieg der Abstraktion, der Organlosigkeit und der Anonymität wieder nach dem Song sehnen, nach Gesichtern, nach Erinnerungen, nach, hm, Kraft, bollocks, wie Howlett es nennt? Oder sind sie die klassischen Revolutionäre, die ihre eigene Revolution nicht aushalten und deren erster Ausweg in die Geschichte noch immer das menschliche Antlitz war? „In Deutschland hat man wohl etwas gegen den Personenkult“, argwöhnte Howlett 1992 nach ernüchternden Erfahrungen beim Berliner Auftritt seines Rave-Vaudeville. „Techno soll von anonymen grauen Studiomäusen gemacht werden.“

Tatsächlich war es schon einmal der Hunger nach menschlicher Ansprache gewesen, der den 17-jährigen Howlett Ende der achtziger Jahre vom Hip-Hop zum Acid House gedrängt hat. „Im Hip-Hop ging es darum, in der Ecke zu stehen, bad zu sein und cool auszusehen, aber in dieser Szene ging es darum, an etwas teilzuhaben.“ Sein Schlüsselerlebnis geschah im Londoner Hip-Hop-Club Swiss Cottage, wo man ihm handgreiflich zu verstehen gab, daß er weiß, aus Essex und ohnehin unerwünscht war. Sechs Tage später fand er sich bei seinem ersten Rave wieder.

Auf der Genfer Bühne zerren sie ihre menschlichen Antlitze zu unvergeßlichen Grimassen, um ihre Erkennbarkeit gegen den kommunikativen Schwund zu schü-zen; Flint, der böse Kobold, Thornhill, der elegante Hipster, Reality, die Stimmungskanone, Howlett, der schweigsame Maschinist. Das ist eine Besetzungsliste, die jede Rock’n’Roll-Band zum Funktionieren braucht.

„Wir sind keine Rock’n’Roll-Band“, beteuert Liam Howlett heute wieder und wieder, mit sanfter Härte, ein motivierter Mitarbeiter seiner selbst. „Wir sind eine alternative Tanzband. Aber wir verkörpern gewisse Elemente des Rock’n’Roll, wenn wir sie brauchen. Die Dynamik der Songs entspricht weit mehr der Dynamik des Rock’n’Roll als der Club Music. Club Music ist subtiler, auch wenn sie hart ist. Unsere Musik ist nicht subtil. Sie schlägt ins Gesicht.“

Und so ist Rock’n’Roll here to stay, auch wenn ihn keiner direkt eingeladen hat. Pöbelnd macht er sich breit mitten im schönsten Rave, und alle fragen sich, wie um alles in der Welt er hier reingekommen ist. Aus dem Klavierunterricht, den sein Vater, Leimfabrikant in Ilford, Essex, Ihm aufdrängte, floh das Kind Liam Howlett in den Hip-Hop. Er gewann einen Mixwettbewerb bei Capital Radio, bemühte sich aber als weißer DJ bei einer Formation namens Cut 2 Kill vergebens um Anerkennung in der Londoner Hip-Hop-Community.

Ein MC von Cut 2 Kill gab ihm die ersten Ecstasy-Pillen und nahm ihn mit zu jenen Raves, die sein Leben veränderten; Irgendwann in der endlosen Party des Sommers von 1990 lernte er Keith Flint und Leeroy Thornhill kennen; sie gründeten The Prodigy und hatten 1991 ihre ersten Erfolge mit einer Ultraschallkombination aus Techno und Breakbeat. Aber schon Ende 1992, als sie mit dem Experience auf Tour gingen, war Howletts Lieblingsschallplatte Nevermind von Nirvana. Fortan schwärmte er in Interviews von UB 40 und Pink Floyd; wenn er eines Tages einen Song remixen sollte, dann sollte er möglichst von Pearl Jam sein.

Vielleicht ist Teleologie hier fehl am Platz. Als die Party für die vier losging, war der Dancefloor der Status quo, und Rock’n’Roll stank im Keller. Rave war kein historischer, antirockistischer Fortschritt, sondern die selbstverständliche Realität der Wochenenden in Essex, dem Wunderland des Thatcherismus und einer deformierten Mittelschicht, die sich in den achtziger Jahren aus dem Kohlgeruch der Arbeiterklasse, zu der sie um keinen Preis gehören wollte, in genormte Eigenheime geflüchtet hatte und in der Folge die Raten abstotterte; der Heimat der berüchtigsten Lads des Königreichs, der sogenannten Essex Men – eine kalte Heimat, die auch den hochmütigen, rockigen Kulturpessimismus einer Band wie Blur hervorgebracht hat.

Die Naivität, mit der sie den Underground als eine Familie verstanden, die man sich nicht erkämpft, sondern in die man hineingeboren wird, zeigte sich an der Debatte um ihre zweite Single „Charly“ von 1991. „Charly“ war ein Vorläufer dessen, was man bald darauf als Kindergarten-Techno fürchten lernte, eine Promo-Paraphrase über die gequäkte Parole einer Trickfilmkatze. Sie warnte im Regierungsauftrag trag Englands Kinder mit den Worten: „Charly says never go out without telling your mummy first.“ Die Single schaffte es auf Platz eins der Dance-Charts und auf Platz drei der Major-Charts, woraufhin das Fachblatt Mixmag die Gruppe umgehend als Verräter dingfest machte: „Weil Rave tot ist und sie ihn umgebracht haben, deswegen.“ Howlett war perplex. Er hatte geglaubt, er hätte sich „a mad underground tune“ ausgedacht. Jetzt wünschte er sich, er hätte „Charly“ nie geschrieben.

„Wir haben angefangen“, brummt nun Keith Flint im Konferenzraum des Genfer Mövenpick-Hotels, „bevor die Techno-Puristen überhaupt daran gedacht haben, auszugehen“ Vor ihm liegt der hoteleigene Schreibbblock. Mit dem Hoteleigenen Kugelschreiber kritzelt er ein beuliges Selbstporträt.Darunter malt er einen Joint und seine Namenszug in wolkiger Pop-Schrift: KEITH.

Und KEITH sagt: „Es fing an mit Kids, die Drogen genommen haben und in Lagerhallen eingebrochen sind und Partys gefeiert haben, bis die Polizei auftauchte. Das sind wir. Darum geht es uns. Techno-Puristen sind Puristen, indem sie ihren Musikgeschmack definieren. Aber wir sind Puristen, weil wir rausgegangen sind und das geschafft haben, was denen erst das Thema für ihren Purismus gegeben hat. Wir haben es nicht als Band geschaffen, sondern als vier von 300 Leuten, aus denen dann 500 wurden und dann 1000.  Dann hat Techno das Ganze übernommen, und so konnten sie erst Puristen sein.“

„Sie sind Puristen geworden“, erklärt Maxim Reality, „weil sie glaubten, so einer Tradition elektronischer Musik folgen zu können.“

Aber The Prodigy glauben nicht an Traditionen und an Linearität. Beweis: „Wir haben gesehen, wie sich die Szene von Acid zu House zu Techno zu Gabber entwickelt hat. Gabber gibt es schon nicht mehr.“ In ihrem zeitlosen Geschichtsbuch ist Musik ein Organismus, eine Pflanze, und die wird nicht gemacht, sondern wächst und dreht sich nach dem Licht. Und wenn er Prodigys rockistische Ausflüge in Nachbars Garten erklären soll, redet Howlett wie ein Landmann: „Es war eine Suche danach, was wir von Natur aus mögen. Niemand hat sich hingesetzt und das geplant. Es war eine natürliche Entwicklung.“

So konnte für Howlett selbst eine traurige Band wie Pop Will Eat Itself, als er sie Anfang der Neunziger erstmals auf der Bühne sah, zum plötzlichen Sonnenstrahl werden, zu einer Überdosis Chlorophyl. Die Musik war entsetzlich, aber die Show … „Ich hatte damals noch nicht viele Bands gesehen. Ich hatte gerade erst angefangen, auf Festivals zu gehen. Ich habe die Red Hot Chili Peppers gesehen. Ihre Bühnenauftritte sind wirklich cool. Und die Smashing Pumpkins. All diese Bands mit ihrer Energie, das war wirklich roh. Nicht so programmiert“

In der Folge entschlossen sich The Prodigy zur Kooperation. Es wal nicht leicht, die „Energie“ von Pop Will Eat ltself unter Abzug von PWEis Musik, die Howlett am heimischen Plattenspieler zutiefst ernüchtert hatte, für Prodigys Music For The Jilted Generation zu retten. Howlett lud die Rocker ins Studio ein, die brachten so etwas wie eine Techno-Suite für Gitarren mit, von der aber nur ein einzelnes Riff brauchbar war, und das musste Howlett auch noch im Sampler nachbearbeiten. Der Gesang, den PWEI anschließend über das Tape legten, war betrüblich. Howlett beschloß schließlich, den Track „Their Law“ allein zu machen, undso blieb von der Blutspende nichts übrig als ein Gitarrenriff.

Doch der Spirit blieb, und der Spirit wuchs, und auf Music For The Jilted Generation wucherte er wilder als je zuvor, er überzog auch noch elegante Tanzschlager wie »Voodoo People. „Wir transportieren die Energie einer Rockband“, sagt Leeroy Thomhill inzwischen froh, „ohne das Equipment einer Rockband.“

Kinder der ravenden Generation — hier gibt es keine Last-Minute-Tickets in den Weltraum. Hier gibt es Irdisches, hausgekochtes, britisches Vergnügen, das aus den Lautsprecherboxen und aus der Diskothek wie selbstverständlich zurückgekehrt ist auf die Bühne, in die Echtzeit, ins Life-is-life. „Kommt nicht zur Show, wenn ihr nicht loslassen, euch amüsieren, eure Sorgen vergessen und aufgewühlt werden wollt“, droht Keith Flint. „Macht euch nicht die Mühe.“

„Okay“, kommandiert Maxim Reality auf der Bühne, kurz vor vier Uhr. „Everybody come rock’n’roll with me.“ Er drückt den Gitarristen auf die Knie, und skandiert: „ROCK A ROLL A ROCK ROCK A ROLL“. Hier gibt es keine Zitate mehr, sondern nur den Spirit. Als Flint im Schottenrock den „Firestarter“ gibt, gockelnd, kopfstoßend … „self inflicted detonator“ …zusammenknickend, grimassierend … „one infected wicked animator“ …mit verdrehten Schultern auf der Stelle stolpernd — da ist auch die letzte Auffahrt zum Highway To Hell nicht mehr weit, und die Erinnerung an das clownesk satanische Video treibt das Publikum vollends zur Sympathy For The Devil.

„Keiths Haare sehen nur ein bisschen aus wie Hörner“, wiegelt Howlett ab, „und sein Auftritt ist ein bißchen dämonisch. Aber so ist Keith nun einmal. Er ist auch weniger dämonisch als vielmehr Punk. ‚Firestarter‘ hat keine Botschaft. Es handelt von Keith. Vielen Leuten, die uns vorher nicht gemocht haben, hat es gefallen. Es hat eine neue Tür geöffnet.“ „Der Text von ‚Firestarter‘“, sekundiert Flint, „ist eine Beschreibung dessen, was mir durch den Kopf geht, wenn ich auf der Bühne bin.“

„Verständigungstexte“ nannte man so etwas in der Literatur der Siebziger. Jetzt gehören sie zum Rave mit menschlichem Antlitz: Die Kommunikation von The Prodigy baut wieder auf bewährte Tugenden wie Darstellung und Ausdruck anstelle der Kybernetik, mit der Techno Bewegungen steuert. „Wenn ich da oben tanze, beschreibe ich die Musik damit. Ich bin kein Dirigent, der die Menge dirigiert.“

In Genf verweigert die Menge die Kommunikation. „Ich kann euch nicht hören“, brüllt MC Maxim Reality, wieder und wieder. „Seid ihr noch da? Wollt ihr nach Hause gehen?“ Schweigen. „Ihr wollt noch nicht nach Hause gehen, oder? Ihr wollt noch nicht nach Hause gehen, oder? Ihr wollt noch nicht nach Hause gehen, oder?“ Aber keiner hat dem Publikum die Rezeptoren für eine Musik mitgegeben, die dem Zuständigkeitsbereich des minister for tomorrow glücklich entkommen ist. „Die europäische Techno-Szene ist anders als die englische“, hat Howlett schon vor dem Auftritt gesagt. „Wenn man zu dm Raves hier drüben geht, scheinen alle Kids dieses Future-Techno-Ding draufzuhaben. Unsere Musik zieht mehr aus dem Funk der Siebziger und von Led Zeppelin. Ich hasse Kraftwerk. Okay, ich respektiere sie. Sie haben viel für diese Art von Musik getan. Aber sie haben mich nie im geringsten inspiriert.“ „Wir waren nie“, hat Flint gesagt, und er preßte androides Klirren in seine Summe, „THE FUTURE! THE ROBOT KIDS! Das ist fürn Arsch. Mist“. „Scheiße“, ergänzte Howlett.

Für The Prodigy ist die Zukunft vorbei, und das klingt nicht nur zufällig wie no future. Es ist die alte, britische, antiutopische Feier des Hier und Jetzt, die auch in ihrer Vorliebe für den Liveakt aufleuchtet. Sie lässt sich an den Stränden von Arenal ebenso studieren wie an der Debatte um den Rinderwahnsinn. Es ist das Beharren auf dem Heute, das die Haltung von The Prodigy für europäische Ohren so altmodisch klingen lässt, ein Heute, das sie nur noch im Gestem aufgehoben finden, in der Kameradschaft (Howlett: „Ich habe nie so gelacht wie in dieser Band, und ich habe schon eine Menge lustige Dinge erlebt“), im Feuer, in der Poesie, im Song.

„Das neue Album, das im September erscheint“, sagt Howlett, „enthält noch mehr Songs als das letzte. Viele Dance-Platten verzichten auf Lyrics und benutzen ausschließlich Samples. Ich mag es aber, Lyrics in Songs zu benutzen. Es gibt der ganzen Band ein bisschen mehr Persönlichkeit, wenn du Gesang benutzt. Deshalb treten wir auf der Bühne auf. Es war klar, daß die Leute nach einer Weile Leroy erkennen würden oder Keith. Wir wollten immer auf der Bühne stehen. Wir wollten nicht sagen: ‚Seht mich nicht an, ich spiele nur die Keyboards‘“.

„Firestarter“ sollte ursprünglich ein Instrumentalstück werden. „Als ich es Keith vorspielte, sagte er: Da fehlt ein Text. Er hatte noch nie einen geschrieben, aber als wir damit rurnprobierten, merkten wir schnell, dass es funktionieren würde. Wir hatten über ein Jahr lang nichts veröffentlicht, und wir dachten, unsere erste Single müßte einem ins Gesicht schlagen. Nicht einfach ein Clubsong. Es war das dramatischste Comeback, das wir kriegen konnten.“

Der Track Ist nicht mehr Kybernetik (Rave), nicht das große Gefühl (Pop), sondern Lebensgefühl (Rock). „Firestarter“ ist „I am an antichrist“, zwanzig Jahre später: „I’m the troublestarter / (…) twisted firestarter.“ Große Gefühle sind vergänglich. Lebensgefühle sind stur wie die Rhône.

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