Keine Faulheit, nur Aufregung

Ein Pferd brachten of Montreal zwar nicht mit, ihr Konzert im Berliner Lido Mitte Oktober 2008 war aber dennoch eine echte Sensation. Die Band aus der amerikanischen Kleinstadt Athens, Georgia, steht seit Jahren für einen queeren Soundentwurf von Popmusik, sie vereinen die besten Eigenschaften der Scissor Sisters und The Flaming Lips , sind »voller Ideen, die körperlich erfahren, nicht nur per Kopf entziffert werden wollen«. Ihr für den 20. Januar geplantes Berlin-Konzert sagten of Montreal kürzlich ab: Franz Ferdinand wollten sie unbedingt in London als Vorgruppe sehen. Als Entschädigung sieht man am 21. Januar ab 20:30 Uhr an dieser Stelle eine Live-Übertragung des of Montreal-Konzerts im Amsterdamer Paradiso.
Im Interview gibt Kevin Barnes, Sänger und buntester Hund von of Montreal, Auskunft über Konzerte, Kostüme, Kunstmusik und das Doppelleben, das man als Künstler führen muss.

 

Of Montreal Kevin Barnes

Ein bunter Haufen, diese Band. »Was wir machen, ist eine Kreuzung aus Avantgarde-Theater und Slapstickshow«, sagt Kevin Barnes selbst über die Erscheinung von of Montreal. »Mit so etwas rechnet normalerweise niemand, der auf ein Indierock-Konzert geht.«

v.l.n.r.: Da vey Pierce, Dottie Alexander, Kevin Barnes, James Huggins und Bryan Poole. Ahmed Gallab ist nicht abgebildet.

(Foto: © Jason Thrasher)

Bei euren Konzerten herrscht mittlerweile ein ziemliches Spektakel. Mit Tiermasken verkleidete Darsteller treten auf. Ein Song geht in den nächsten über. Auf den Zwischenapplaus seid ihr nicht mehr angewiesen, scheint es.
Man kriegt schon mit, wann ein Song aufhört und der nächste beginnt. Uns geht es darum, den konventionellen Aufbau eines Rockkonzerts zu vermeiden. Wir wollen diese Statische nicht, das Rockshows sonst haben. Da machen alle immer dasselbe. Spielen dieselben Instrumente, tragen dieselben Klamotten. Das ist nicht besonders dynamisch. Wir haben Visuals, verkleiden uns. Wir wollen die Zuschauer überfordern, ihnen eher zu viele Informationen liefern. Es soll sein wie in einem guten Film, wo man sich nachher an Teile erinnert und sich fragt, was da denn jetzt genau passiert war.

Und die Kostümierung?
Wir wollen mit den Standards brechen. Ich langweile mich auch schnell. Mit den Verkleidungen unterteilen wir die Show in verschiedene Kapitel. Neues Kostüm, neues Kapitel. In den USA betreiben wir sogar noch mehr Aufwand. Die Shows hier sind schon recht reduziert. Was wir machen, ist eine Kreuzung aus Avantgarde-Theater und Slapstickshow. Mit so etwas rechnet normalerweise niemand, der auf ein Indierock-Konzert geht.

Im Prinzip ahmt ihr ja das Showkonzept eher großer Nummern nach, Popstars wie Jennifer Lopez oder Beyoncé beispielsweise.
Oder David Bowie, Prince … Die ja sehr großartige Shows gemacht haben. Sie fügen ihren großartigen Songs noch eine großartige Performance hinzu. Es gibt keinen Grund, nicht überall seine Kreativität hineinzustecken: In die Visuals, die Performance, selbst in die Songtitel, ins Artwork der Platte und so weiter.

Im Kontext des Indierock geht es oft mehr um Sachen wie Authentizität.
Ich weiß nicht, was daran authentisch sein soll, in Straßenklamotten auf die Bühne zu steigen. Für mich ist das nicht Authentizität, sondern Faulheit. Wenn man die Möglichkeit hat, auf eine Bühne zu steigen, dann sollte man sie auch nutzen, etwas Aufregendes, Interessantes zu tun.

In New York hattet ihr sogar ein Pferd auf der Bühne.

Das war aufregend! Niemand wusste, was passieren würde. Es ist natürlich keine normale Situation für so ein Pferd. Unseres war schon 27 Jahre alt.

Und es ist nicht an einem Herzinfarkt gestorben.
Haha, nein, es hat keinen Anfall bekommen oder so was. Tatsächlich war das mit dem Pferd der Höhepunkt meiner Karriere, was Auftritte betrifft.

 

Am Mittwoch, 21. Januar 2009 besuchten of Montreal den Amsterdamer Club Paradiso und wurden dort von der an den Club angegliederten Live-Streaming-Platttform Fabchannel.com abgefilmt. Das Konzert sieht man hier in voller Länge im Videostream.

VIDEO: of Montreal – Live at Paradiso, Amsterdam (21.01.2009)

Noch mal zur Kreativität: In Berlin fallen Amerikaner schnell auf, weil sie ›weird‹ angezogen sind, verschiedene Stile mixen. Findest du, die Kreativität sollte sich auch im Alltag niederschlagen?
Na ja, ich finde die Idee von Trennung ganz gut. Zwei Welten, zwei parallele Leben, weißt du. Privat bin ich eher zurückgezogen. Da möchte ich unsichtbar sein. Das brauche ich auch, um wieder kreativ werden zu können, da möchte ich nicht beobachtet werden, das würde mich nur verunsichern. Und Musik mache ich, weil ich Lust dazu habe. Wenn ich keine Lust mehr dazu habe, mache ich was anderes.

Zum Beispiel?
Ich könnte Sportfilme machen, das fände ich gut. Ich schaue mir sehr gern American Football oder Basketball im Fernsehen an. Wäre doch toll, in diesem Prozess der Visualisierung involviert zu sein.

Apropos Visualisierung. Vorhin beim Fotoshooting hattet ihr viel Spaß. Allerdings ging keine Pose ohne Vergleich ab. Ständig vielen Namen: »Das wirkt jetzt wie ein Kajagoogoo-Video«. Die Referenzen zu benennen, scheint normal geworden zu sein für euch.
Es gab schon sehr viele gute Musik. Unser Weg ist es, das Beste aus dieser guten Musik zu nehmen und es auf unsere Art wieder neu zusammenzusetzen. Womit man wieder einen eigenen Sound bekommt. Wir haben aber auch Verwandte da draußen. Animal Collective zum Beispiel.

Wie sind denn die Reaktionen auf eure Musik? Was bekommt ihr am meisten zu hören?
Oh, die meisten mögen es. Manchmal meinen Leute, wir seien zu außergewöhnlich. Besonders für Leute mit Arbeiterklassenhintergrund ist Prätention verdächtig. »Könnt ihr bitte aufhören, so prätentiös zu sein«, heißt es dann. Oder die Leute sind frustriert, weil man sie uns nicht eindeutig einordnen können. Wir machen halt Kunstmusik. Musik ist eine Kunstform für uns.

 

Das Video zur neuen Single »An Eluardian Instance« realisierte Regisseur Jesse Ewles mittels Stop-Motion-Technik und zusätzlichen Illustrationen.

VIDEO: of Montreal – An Eluardian Instance
Regie: Jesse Ewles

Andere sagen, eure Beats klingen manchmal billig, so nach achtziger Jahre.
Das meiste nehme ich zuhause in einem kleinen Zimmer auf. Da ist nicht viel Platz für gutes Equipment. Ich wüsste aber auch gar nicht, wie man es hinbekommt, dass die Beats nach 2000 und sonst was klingen! Ist mir auch nicht wichtig. Ich nutze die Tools, die ich habe. Und über das, was fertig ist, denke ich nicht lange nach, sondern fange mit dem nächsten an.

Und wie persönlich ist deine Musik? Es gibt Leute, die sie sozusagen wertfrei für ziemlich schwul halten.
Klar ist sie persönlich, nur nicht so offensichtlich wie andere. Und man muss sich sexuell nicht so eindeutig definieren, das ist doch Unsinn. Diese von außen kommenden Festlegungen stimmen doch alle gar nicht. Man muss aus diesen Korsetten raus! An manchen Tagen fühlt man sich doch anders als an anderen. Es geht auch darum, wie man sich ›im Moment‹ fühlt. Bei manchen Songs dachte ich: Oh, ich fühle mich so gay heute. Okay, dann fühle ich mich halt gay! Dann bin ich halt gay! Man sollte sich freimachen. Alles ist doch cool, solange man mit sich und den anderen cool ist.

Mir gefällt besonders der Aspekt, dass du dich nicht scheust, dich als Sexobjekt darzustellen. Ein Mann stellt sich als Sexobjekt dar, auf eine weibliche Art quasi, das hat es seit Prince nicht mehr gegeben! Und ich meine nicht die übliche machoistische Art, dieses John-Wayne-Geprotze.
Es ist doch cool, feminin zu sein. David Bowie, der ganze Glam Rock, die haben das auch schon gezeigt.

Wie reagieren denn Frauen darauf?
Es gibt Frauen, die nicht darauf einsteigen, weil sie im Prinzip noch immer nach ihren machohaften Vätern Ausschau halten. Die anderen finden es aber ganz cool. Die finden es gut, wenn Männer frei sind und emanzipiert und mit den Rollen spielen können, wie sie selber auch.

Was denkt deine eigene Frau?
Nina ist selbst eine Künstlerin, und Künstler holen ihre Inspiration aus vielen verschiedenen Quellen und sind offen für alles. Sie macht selbst Dinge, die andere vielleicht schockierend finden. Ich finde sie cool.

Ihr lebt mal in Oslo, wo sie herkommt, mal in Athens zusammen. Wie ist es in Athens, was sind die Unterschiede?
Athens ist eine Stadt, die konservativ ist und sehr viel Arbeiterklasse hat. Es ist gut da, es ist nicht so viel los, und ich habe meine Ruhe. In Oslo ist es manchmal schon echt schweinekalt. Und düster.

Das neue Album »Skeletal Lamping« von of Montreal ist bereits erschienen (Polyvinyl Records / Cargo Records) und kann hier in Gänze gestreamt werden. Zusätzlich zum reinen Album Produkt entwarf die Band eine äußerst aufwendig gestaltete Produktlinie. Am Mittwoch, 21. Januar 2009 kann man ab 20:30 Uhr einen Live-Stream des of Montreal-Konzerts im Amsterdamer Paradiso verfolgen, der Mitschnitt des Konzerts wird wenig später ebenfalls verfügbar sein.

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