Von den vielen Fragen, die Wests kontroverse Aussagen in den letzten Monaten aufgeworfen haben, beantwortet Ye nur eine einzige – nämlich die nach dem Gesundheitszustand des Künstlers. „I hate being bi-polar it’s awesome“, steht statt des Albumtitels auf dem Artwork von Ye geschrieben, auch in den Lyrics thematisiert Kanye West immer wieder Schwankungen zwischen gegensätzlichen Gefühlen. Gleich zu Beginn spricht er in „I Thought About Killing You“ minutenlang über Selbsthass und -liebe, seine Stimme wird dabei abwechselnd höher und tiefer gepitcht oder zu einem vielstimmigen Chor aufgeschlüsselt, um diese innere Zerrissenheit musikalisch zu spiegeln.

Allerdings müssen die Einblicke in Wests Psyche auf Ye ziemlich oberflächlich bleiben, weil sein Image als übermenschliche Figur verhindert, dass er ehrlich über seine Erkrankung sprechen kann. Wer sich selbst nicht nur als Genie, sondern als Gott inszeniert, darf seine dunkle Seite, niemals aber Schwäche zeigen: „If I was trying to relate it to more people / I’d probably say I’m struggling with loving myself because that seems like a common theme / But that’s not the case here.“ Sein mentaler Zusammenbruch, der ihn im November 2016 zwang, seine Tour zu The Life Of Pablo abzubrechen? In Wahrheit ein mentaler Durchbruch. Seine bipolare affektive Störung? Keine Krankheit, sondern eine Superkraft.

Ähnlich oberflächlich thematisiert West im folgenden „Yikes“ über ein reduziertes Beat-Skelett seine Opioid-Abhängigkeit, schweift zudem in jeder der drei Strophen vom Thema ab. Dass der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un und Wiz Khalifa erwähnt werden, wirkt ebenso willkürlich wie der Seitenhieb auf Def-Jam-Mitbegründer Russell Simmons, dem mehr als zehn Frauen sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen vorwerfen. West kehrt hier allerdings die Rollen von Täter und Opfern auf widerwärtige Weise um, macht Simmons zum Opfer der #MeToo-Kampagne und die Frauen zu Jägerinnen, vor denen auch West sich fürchtet. Solche Zeilen machen die sowieso schon stumpfen Sperma- und Titten-Witze in der folgenden Hymne auf Seitensprünge „All Mine“ noch unerträglicher.

Wer sich selbst nicht nur als Genie, sondern als Gott inszeniert, darf seine dunkle Seite, niemals aber Schwäche zeigen.

Für ein Genie, das sich gerne mit Pablo Picasso, Walt Disney oder Sokrates vergleicht, zeigt West erschreckend wenig visionäre Vorstellungskraft, wenn es um eine zukünftige bessere Gesellschaft geht – das zeigt vor allem der letzte Song „Violent Crimes“. Obwohl zahllose frauenfeindliche Zeilen in den vorangegangen 20 Minuten das Gegenteil beweisen, behauptet Kanye West hier, dass seine beiden Töchter sein Verhältnis zu Frauen grundlegend verändert hätten: „Because now I see women as something to nurture / Not something to conquer.“ Dass North und Chicago West später in einer Welt leben werden, in der sexuelle Gewalt gegen Frauen nicht alltäglich ist, scheint für Kanye West dagegen weder vorstellbar noch wirklich wünschenswert. Stattdessen hofft er lediglich, dass die Töchter nicht die Kurven ihrer Mutter geerbt haben, weil alle Männer eigentlich unkontrollierbare Monster sind. Statt Yoga und Pilates empfiehlt er seinen Töchtern deshalb Karate. Na danke!

So rührend die schlichte Ballade musikalisch sein mag, sie zeigt auch, warum West 2018 so viel Unbehagen auslöst. So wie sein Selbstverständnis als free thinker, der auszusprechen wagt, was andere nicht einmal denken können, und die anschließende Inszenierung als Opfer einer erzürnten P.C.-Polizei, erinnert auch seine Argumentation in „Violent Crimes“ an bekannte Muster der (Neuen) Rechten. So distanzierten sich beispielsweise einige Republikaner wie Jeb Bush oder Mitt Romney nach der Veröffentlichung der Pussy-grabbing-Tonaufzeichnung mit dem Hinweis von Trump, sie seien selbst Väter von Töchtern.

Wenn man solche Parallelen und Assoziationen ausblenden kann (und vor allem: will), kann man sich besonders in der zweiten Hälfte von Ye an Wests musikalischem Einfallsreichtum erfreuen. In „No Mistakes“ trifft sonniger Gospel auf Slick Ricks „Hey Young World“, „Ghost Town“ klingt zwar wie eine vorläufige, nicht abgemischte Demo-Version, baut sich aber in der zweiten Hälfte dank psychedelischer Gitarrenriffs, scheppernder Drums und des emotionalen Gesangs von 070 Shake zu einem großen Loblied auf kindliche Naivität auf. Es ist der einzige epische Moment auf Ye.

Ausgerechnet in einer sehr lauten und überhitzen Phase seiner Karriere hat Kanye West ein sehr leises und unspektakuläres Album veröffentlicht. Während beim Vorgänger The Life Of Pablo die chaotische Entstehung zu einem zwar konfusen, aber doch großartigen Album geführt hat, droht bei Ye das schrille Drumherum die Musik erstmals zu übertönen.