Keine Begründung für nichts – Kanye Wests „Ye“

Videostill "Runaway"

Von den vielen Fragen, die Kanye Wests kontroverse Aussagen um Trump, Sklaverei und #MeToo in den letzten Monaten aufgeworfen haben, beantwortet er auf seinem neuen Album Ye nur eine einzige – nämlich die nach seinem Gesundheitszustand. Ausgerechnet in einer sehr lauten und überhitzen Phase seiner Karriere hat West ein sehr leises und unspektakuläres Album veröffentlicht – das Drumherum droht die Musik zu übertönen.

Ein Name fällt auf Ye kein einziges Mal: Donald Trump. Doch das ist nur teilweise eine gute Nachricht. Zwar ist man erleichtert, dass Kanye West auf seinem achten Album nicht wie zuletzt auf Twitter seiner Bewunderung für seinen orangefarbenen „Bruder“ Ausdruck verleiht oder wie auf Pusha-Ts Daytona von seiner signierten MAGA-Mütze rappt. Allerdings hätte man sich sehr wohl gewünscht, dass der 40-jährige Rapper und Produzent auf die Kritik an seiner Trump-Unterstützung eingeht.

Doch West ist nicht daran interessiert, sich zu erklären oder zu rechtfertigen. Das hatte er bereits mit den beiden vorab veröffentlichten Tracks „Lift Yourself“ und „Ye Vs. The People“, die schlussendlich beide doch nicht auf Ye enthalten sind, unmissverständlich klar gemacht. Im ersten Stück verweigert West jeden Dialog und zieht diesen mit Zeilen wie „Poop-di-scoopty / Scoopty-whoop“ sogar ins Lächerliche, im zweiten inszeniert er sich als Opfer auf der Anklagebank und schafft es, in dreieinhalb Minuten auf keinen einzigen Kritikpunkt der Anklage (vorgetragen von T.I.) wirklich einzugehen.

Vielleicht muss er seine Begeisterung für das Phänomen Trump aber auch gar nicht erklären, dafür sind die Parallelen zwischen dem US-Präsidenten und Kanye West zu offensichtlich. Beide geben sich wenig Mühe, ihren Narzissmus und ihre Ignoranz zu verbergen, beide provozieren gerne mit Verbalentgleisungen, die sie damit begründen, dass sie sich über Denk- und Sprechverbote der sogenannten Political Correctness hinwegsetzen. Beide kommunizieren diese am liebsten über Twitter, weil dort die begrenzte Zeichenzahl viel Raum für Behauptungen und pointierte Meinung lässt, für Fakten und Argumentation jedoch nur wenig Platz übrig bleibt.

West liebt den Mythos vom unwahrscheinlichen Aufstieg des Underdogs so sehr, dass er nie auf die Idee käme zu fragen, wer aus welchen Gründen zurückbleibt.

Vor allem aber verkörpert Donald Trump in Wests Augen den amerikanischen Traum wie kein Zweiter: „But ever since Trump won it proved that I could be president“, gibt er in „Ye Vs. The People“ zu Protokoll. West liebt diesen Mythos vom unwahrscheinlichen Aufstieg des Underdogs so sehr, dass er nie auf die Idee käme zu fragen, wer aus welchen Gründen zurückbleibt und wer die Kosten für solch einen Aufstieg trägt. Für ihn steht deshalb auch der Slogan „Make America Great Again“ auf seiner roten Mütze nur für das Versprechen einer goldenen Zukunft, er ignoriert vollkommen, was darin mitschwingt: dass die USA nach acht Jahren unter einem schwarzen Präsidenten und vor Einwanderern gerettet werden müssen.

Als Kanye West im April nach elf Monaten Stille seinen Twitter-Account reaktivierte, um neben aufmunternden Kalendersprüchen und Informationen wie „I’m nice at ping pong“ eben auch seinen Support für Trump hinauszusenden, konnte man Effekte beobachten, die man sonst nur von der Berichterstattung über die AfD kennt. Jede Entgleisung nach Rechts erregte großes Medienecho, West wurde zu Interviews eingeladen, um seine Position zu erklären, schockierte dort mit noch kontroverseren Aussagen, die ihm erneut die mediale Aufmerksamkeit sicherten.

Trauriger Höhepunkt dieser Spirale war ein Interview mit TMZ, in dem West die Sklaverei als „freie Entscheidung“ der verschleppten Sklaven bezeichnete und diesen Unsinn später auf Twitter eher bekräftigte als relativierte. Auf Ye beschreibt er nun, wie eine völlig aufgelöste Kim Kardashian ihn nach dem Interview zurechtstutzt. Bei ihr entschuldigt er sich in „Wouldn’t Leave“ und bedankt sich für ihre Unterstützung. Für alle anderen, die er mit dieser Aussage schockiert oder verletzt hat, hat er nur einen kindischen Spruch übrig: Seid froh, dass ich nicht noch Dümmeres gesagt habe!

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