Kein Zweifel am Mythos: Grace Jones in Köln / Rückblick

Fotos: Philipp Kressmann

Die siebenjährige Live-Abstinenz von Grace Jones in Deutschland ist vorbei. Kurz vor ihrem 68. Geburtstag präsentierte sich die gebürtige Jamaikanerin dem ausverkauften Kölner E-Werk im Rahmen des Telekom Electronic Beats Festivals erhaben und gewohnt graziös. Auch fast 40 Jahre nach Veröffentlichung des Debütalbums Portfolio ist ihr musikalisches Oeuvre immer noch Mode und zeitlos zugleich.

Eigentlich kann sich keine Künstlerin damit brüsten, ein Konzert mit einem Cover zu beginnen. Anders bei Jones: Sie eröffnet den Abend mit ihrer Version von Iggy Pops »Nightclubbing« – wobei Cover hier eindeutig der falsche Begriff ist. Jones hat sich stets als Verwandlungskünstlerin verstanden, sie konnte sowohl rauen Punkrock-Gesten einen glamourös-eleganten Sound einverleiben als auch glänzenden Glam-Rock-Hymnen einen enigmatischen Hauch entlocken.

Selbst das klassische Chanson »La vie en rose« der Französin Édith Piaf transformiert Jones mit Leichtigkeit in eine funkelnde Disco-Nummer. In Köln wird es dank ihrer waghalsigen Tanz-Performance an der Gogostange einer der Höhepunkte der Show; weitere Klassiker wie »Libertango«, »Williams Blood« und die Neuinterpretation von Roxy Musics »Love Is The Drug« folgen.

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Das Original ist eine Kategorie, die diese Musikerin anscheinend nie gekannt hat. So etablierte sich Bühnenchamäleon Jones spätestens seit den Achtzigerjahren auch als die androgyne Künstlerin schlechthin. Zudem wurde sie als Model und Schauspielerin aktiv. Selbst James Bond (Roger Moore) konnte im 007-Streifen Im Angesicht Des Todes auf seine von Jones dargestellte Gegenspielerin keinen Eindruck schinden. Dafür war ihr Wesen zu ambivalent und unvorhersehbar: »Walking like a woman, looking like a man«, lautet beispielsweise eine Strophe aus dem Song »Walking In The Rain«, der ursprünglich von der australischen Band Flash and the Pan komponiert wurde, Grace Jones jedoch wesentlich besser steht und auch in der Setlist dieses Konzerts nicht fehlen darf.

Das Werk der Musikerin steckt von Beginn an voller Fluchtlinien. Die Wandelbarkeit war und ist die einzige Konstante im Universum von Grace Jones, die in Köln selbst während der Umkleidepausen noch omnipräsent wirkt und aus dem Off sowohl Refrains anstimmt als auch laszive flüstert. In etlichen Outfitwechseln vollzieht sie das Prinzip der Metamorphose: Zum Auftakt präsentiert sich Jones nahezu nackt mit weißer Hautbemalung. Was einmal mehr versinnbildlicht, dass die Verkleidung längst zu ihrer zweiten Haut geworden ist, die Grenzen von Künstlichkeit und Natürlichkeit bei Jones nahezu verschwimmen. Dann wiederum flaniert sie in schlicht-schwarzem Mantel über die Bühne, später erhellt lediglich eine auf ihrem Kopf befestigte Disco-Kugel die gesamte Konzerthalle.

Grace Jones

Dramaturgie durch und durch: Mit Hilfe von goldener Totenmaske und Sonnenbrille hält Grace Jones das Publikum zu Konzertbeginn noch majestätisch auf Distanz, die sie im Verlauf des Abends allerdings vollkommen aufhebt. Der anfänglich unnahbar und unterkühlt wirkende Stil weicht der Suche nach direktem Kontakt zum Publikum. Vermutlich auch, weil jenes zu keinem Zeitpunkt den Kardinalfehler begeht, Jones den Rücken zuzuwenden, wie es 1980 der britische Fernsehmoderator Russell Harty tat, der anschließend von ihr attackiert wurde. Jones fühlte sich nicht ausreichend beachtet. Von Divengestus in Köln jedoch keine Spur: Jones lächelt mehrfach entzückt in die Menge, erkundigt sich sogar nach Song-Wünschen und stellt alle Bandmitglieder namentlich vor. Diese beherrschen das musikalisch breite Spektrum – New Wave, R’n’B, Reggae, Disco – eindrucksvoll.

Grace Jones bietet – zu »Slave To The Rhythm« kreist natürlich unentwegt der bekannte Hula-Hoop-Reifen um ihren Körper – keinen Grund, auch nur einen Moment am selbstgeschaffenen Mythos zu zweifeln. Nach einer Zugabe – dem dubbigen »Hurricane« vom 2008 erschienenen gleichnamigen Studioalbum – muss allerdings auch Schluss sein. Schließlich hat sie noch ihre Geburtstagstorte anzuschneiden. Es scheint, als müssten wir uns Grace Jones als einen glücklichen Menschen vorstellen.

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