»Kein geschichtsloses Jubeln!«

Am morgigen Donnerstag beginnt das von Spex präsentierte Unerhört! Musikfilmfestivals in Hamburg. Nach Interviews mit den Regisseuren einzelner Filmbeiträge sprach Martin Hossbach nun mit Unerhört!-Programmkoordinator Stefan Pethke über die Entstehungsgeschichte des Musikfilmfestivals, das inhaltliche Konzept, einzelne Schwerpunkte und Filmbeiträge sowie über Pethkes persönliches Highlight, der Dokumentation »Station 17: Neu«.

Stefan Pethke Unerhört! FestivalDu zeichnest für das Programm des Festivals verantwortlich. Wie kam es zu der Idee, dieses Festival ins Leben zu rufen?
    Stefan Pethke: Die Idee zu ›Unerhört!‹ hatte Ralf Schulze, Leiter des Festivals und langjähriger Freund aus Studienzeiten. Ralf hat es dann in den Neunzigern als Musikverleger nach Hamburg verschlagen, während ich in Berlin blieb und an der DFFB Film studierte. Dort drehte ich auch zwei Dokus zu Hiphop-Themen. Auch Ralf hat eigentlich immer an der Schnittstelle von Filmbild und Musik gearbeitet, jedenfalls waren Musikberatung und Rechteklärung immer wichtige Betätigungsfelder. Ralf war also beschäftigt mit Filmmusik – und irgendwann auch zwangsläufig mit der Frage nach der Zukunft des Musikgeschäfts an sich. Also hat er das Wort ›Filmmusik‹ einfach mal umgedreht – heraus kam ›Musikfilm‹. Als er dann eines Tages begeistert von einer Reise nach Barcelona erzählte, wo er In-Edit besucht hatte – ein von Katalanen betriebenes Filmfestival, das ausschließlich musikbezogene Filme zeigt – war die Entscheidung gefallen. Ralf hat mich rasch mit der Programmhoheit betraut und ist dann voll ins eigene Risiko gegangen. Aber natürlich ist der wichtigste Grund für die Entstehung des Festivals der, dass es für uns alle in der Unerhört!-Mannschaft geradezu eine Selbstverständlichkeit ist, uns die Welt (auch) mit Hilfe von Popkultur, im Wesentlichen also über Musik zu erklären.

Wie viele Auflagen des Festivals gab es schon? War Berlin von Anfang an dabei?
    Das Festival geht jetzt in sein drittes Jahr, wir haben 2007 angefangen. Im ersten Jahr waren wir in zwei Hamburger Kinos, dem Zeise und dem 3001. Im folgenden Jahr kam mit dem B-Movie ein drittes Kino dazu. 2008 haben wir auch den ersten Aufschlag in Berlin, im Kreuzberger Eiszeit-Kino, organisiert. Dieses Jahr kommt in Hamburg das Abaton als viertes Kino hinzu und das FSK als zweites in Berlin. Außerdem pflegen wir eine kleine Sonderbeziehung in die Niederlande und hoffen auch dort, die Aktivitäten weiter ausbauen zu können. Mittelfristig können wir uns eine Tour unseres Programms durch mehrere deutsche Städte vorstellen.

Setzt Ihr in diesem Jahr bestimmte Schwerpunkte?
    Unsere maßgeblichen Schwerpunkte in diesem Jahr sind Filme zu Hiphop in seinen globalisierten Aspekten, mit Berichten aus hiesigen Gefilden, aber auch aus Uganda und den Philippinen. Musik in Afrika, vom historisch größten Festival afroamerikanischer Musiker auf dem afrikanischen Kontinent anlässlich des legendären Boxfights Ali vs. Foreman in Kinshasa/Zaire (»Soulpower«) über eine Musikschule in der angolanischen Hauptstadt Luanda bis zum Film »Who is Highlife?«, der wunderbar von diesem hocheinflussreichen Musikstil aus Ghana berichtet und zeigt, was in Deutschland lebende Highlife-Musiker daraus machen. Wir haben es uns auch auf unsere Fahnen geschrieben, den Beitrag der schwul-lesbischen Subkulturen zur Popkultur im Blick zu behalten, dieses Jahr mit einem wirklich sensationellen Porträt eines neuseeländischen Zwillingspaars, das in Neuseeland ein über alle denkbaren sozialen Schranken hinweg erfolgreicher Stand-up-Act ist – selbstredend ein äußerst musikalischer (»Topp Twins«). Außerdem zeigen wir den Film »Wild Combination« über Arthur Russell, New Yorker Multitasker in Sachen Musik und in den neunziger Jahren an AIDS gestorben. Der größte Block an Filmen bilden aber Filme zu Deutsch-Deutschland …

    Dazu kommen etliche Filme, die von uns in diesem Jahr zwar keinem bestimmten inhaltlichen Label zugeordnet werden, die aber auch unbenannt, ›unterirdisch‹, Verbindungen herstellen zu Filmen, die wir in der Vergangenheit gezeigt haben. Man könnte auch hier von weiterlaufenden Reihen sprechen zu Themen wie ›Ex-Jugoslawien‹, ›elektronische Instrumente‹, ›Tanz‹, ›TV-Geschichte‹, ›Jazz‹, ›Reggae‹, ›der Musikbetrieb‹ und so weiter. Das Schöne ist: Solche Verbindungen ergeben sich auch unverhofft: ein Film wie »West Coast Theory« gehört natürlich in die Kategorie ›Hiphop‹, aber genauso in die Kategorie ›elektronische Instrumente‹, denn hier wird höchst anschaulich und amüsant der Zusammenhang zwischen einem bestimmten Sound und zum Einsatz kommender Technik erklärt.

Worum geht es in dem Sonderporgramm ›Stilles Land? Musikfilme aus drei Epochen deutscher Geschichte‹?
    Den ganzen offiziellen Festaktivitäten und dem Überdruss, den man dabei entwickeln kann, zum Trotz wollten auch wir von Anfang an Stellung nehmen zum ›Mauerfall‹ und überprüfen, auf welche unterschiedliche Weisen Musikfilme die Ereignisse be- und verarbeiten. Dabei haben wir uns eine Regel gesetzt: Kein geschichtsloses Jubeln! Wer von ›Wiedervereinigung‹ spricht, muss auch darüber sprechen, was vorher war. Weil wir im ›Westen‹ leben und unser Team fast komplett aus ›Wessis‹ besteht, war es uns wichtig, Filme ins Programm zu nehmen, die über das Leben in der DDR Auskunft geben – vom Klassiker »Solo Sunny« bis zu Selbstdarstellungen der vor-wendischen Prenzlauer Berg-Szene in »Achtung wir kommen« oder »Hans im Glück«. Aber nicht nur diese Erinnerung wollen wir aktivieren. Nach dem Motto »Was sich wiedervereinte, muss vorher getrennt worden sein«, haben wir zwei Filme über Musik in der Nazizeit ins Programm aufgenommen: »Zwarte Ogen (Black Eyes)«, eine holländische Produktion, die persönliche Recherchen im familiären Umfeld des Filmemachers verbindet mit Nachforschungen über Pjotr Lischenko, einem ukrainischen Sängerstar, der vor allem mit Tango erfolgreich war und dessen europäische Odyssee zwischen den dreißiger und den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts wie in einem traurig endenden Abenteuerroman verklammern. »Schlurf«, ein Film aus Österreich, ist ein vor Informationen über die Swing Kids der Vorkriegszeit geradezu platzender Film über frühe Formen eines sich ästhetisch ausdrückenden Widerstands: Die Rock’n’Roller waren eben nicht die ersten Popkultur-Rebellen, im Gegenteil: Im Swing – und im Film »Schlurf« – kündigt sie sich schon an, diese enorme Kraft einer Tanzmusik, die späteren Entwicklungen überhaupt erst den Weg geebnet hat.

Bitte erkläre, worum es in dem »New Talents«-Wettbewerb geht.
    Wir interessieren uns dafür, wie dieses Zusammenbringen von Film und Musik immer wieder neu ausprobiert wird. Uns ist es dabei egal, wie alt die jeweiligen Filmemacher sind. Die Unterscheidung zwischen ›normalem‹ Wettbewerb – wir loben ja schließlich auch Preise aus — und den ›New Talents‹ besteht für uns darin, dass die einen schon viele Filme gemacht haben und die anderen nicht. Wir haben also auch keine Altersgrenze gesetzt, so konnten wir das hässliche Wort ›Nachwuchs‹ vermeiden. Wir richten uns nach der Filmographie der Filmemacher: Bei der Einreichung darf es sich maximal um den zweiten Langfilm handeln. Unser Anspruch ist ein Ort zu werden, an dem sich aktuelle Tendenzen kompakt darstellen, Entwicklungen früh aufgenommen, diskutiert und eventuell sogar mitgestaltet werden können. Kulturproduktion ist gemeinschaftliche Arbeit.

Gibt es einen Film, der Dir persönlich ganz besonders am Herzen liegt?
    Abgesehen von der Tatsache, dass ›sämtliche‹ Filme unseres Programms ganz fantastisch sind, gibt es wirklich einen Streifen, der es mir besonders angetan hat: »Station 17: Neu« ist die Dokumentation eines tollen Projekts, der Wiederbelebung von Station 17 durch eine sehr besondere Albumproduktion. Dadurch, dass die ›Stationer‹ für jedes Stück andere Kooperationspartnerschaften mit – zum Teil schwer angesagten – Musikerfreunden eingegangen sind, wird man Zeuge sehr unterschiedlicher Herangehensweisen ans Musikmachen. Für diejenigen, die es vielleicht nicht wissen: Station 17 wurde vor knapp 20  Jahren als Verbund von ›behinderten‹ und ›nicht behinderten‹ Musikern in Hamburg gegründet. Es ist eine ganz wesentliche Qualität des Films, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt: Hier wird nichts beschönigt, und gerade deshalb kriegt man es mit toller Kunst zu tun, sowohl in filmischer Hinsicht als auch in musikalisch-poetischer – wie aus mit Tonband aufgenommenen Gesprächen langsam Songtexte entstehen, das ist schon sehr aufregend! Und die Musik ist bei aller Unterschiedlichkeit zwischen den einzelnen Tracks einfach nur groß!

 

Das gesamte Programm des Unerhört! Musikfilmfestivals findet sich hier. Am Freitag, den 4. Dezember 2009, präsentieren Spex-Musikvideoblogger Moritz Schmall und Chef vom Dienst Martin Hossbach die besten Musikvideos des Jahres 2009.

Spex präsentiert das Unerhört! Musikfilmfestival:
03. – 06.12. Hamburg – Diverse Kinos

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