Kathleen Hanna »Es ist ein Privileg, ich zu sein« / Interview & The Julie Ruin auf Tour

Sie hat exakt eine Stunde Zeit, und zwar ab sofort. Sie will weder über ihre Riot-Grrrl-Pioniertaten mit Bikini Kill oder den feministischen Party-Punk von Le Tigre reden noch über ihre chronische Krankheit oder ihr Privatleben – klingt nach einem komplizierten Versuchsaufbau. Alle Befürchtungen zerstreuen sich aber in dem Moment, als ein fröhliches »Hello!« aus dem Telefon tönt. Kathleen Hanna ist bestens gelaunt und auskunftsfreudig. Mit ihrer Band The Julie Ruin hat sie das Album Hit Reset fertiggestellt, mit dem sie nun auf von SPEX präsentierte Tour geht. Es klingt fast so persönlich wie das folgende Gespräch. 

Kathleen Hanna, das ist eine sehr spontane Aktion. Ich habe erst vor drei Stunden erfahren, dass dieses Interview stattfinden wird.
(lacht) Oje, das tut mir leid! Ich hoffe, ich komme nicht allzu kompliziert rüber.

Ich hatte immerhin noch Zeit, mir das neue Album von The Julie Ruin anzuhören. Die Energie, die davon ausgeht, ist umwerfend.
Gut, dass man das hören kann. Dieses Album ist das Ergebnis von echtem Teamwork, obwohl die meisten Songs ihren Ursprung in meinem Apartment hatten. Zur großen Freude meiner Nachbarn habe ich die Texte unter der Dusche gesungen, meistens, wenn ich von der ärztlichen Behandlung kam und mich eigentlich ausruhen sollte. Wir sind eine wirklich gute Band mit großartigen Musikerinnen, das hört man den Songs an. Die Betonung liegt übrigens auf Band: Wir sind nicht Kathleen Hanna & The Julie Ruin, sondern eben nur: The Julie Ruin. Uns war klar, dass wir mit Hit Reset richtig auf Tour gehen wollen und nicht nur einen einzigen Auftritt bei irgendeinem Festival spielen.

Was ist anders als beim letzten Album Run Fast aus dem Jahr 2013?
Es ist ehrlicher, aufgeregter, besser. Persönlicher. In einigen Songs thematisiere ich meine Erfahrungen mit Chauvinismus im Rockgeschäft.

Was meinen Sie genau? Haben Sie Beispiele?
Unzählige! Letztens wurde ich mal wieder zu einer Diskussionsrunde eingeladen, als einzige Frau auf dem Podium. Es war völlig klar, dass den Veranstaltern irgendwann aufgefallen ist, dass noch eine Frau fehlte, so nach dem Motto: »Oh, das können wir nicht bringen, sonst schimpfen die Feministinnen wieder.« Sie suchten nach einer Quotenfrau und kamen mehr oder weniger zufällig auf mich, aber es ging nicht wirklich darum, wer ich bin und was ich mache. In den vergangenen Jahren wurden wir auch öfter für Festivals gebucht – als eine von drei Frauenbands unter zig Jungsbands, was den Festivalmachern schon wahnsinnig toll vorkommt. Wir kriegen einen undankbaren Slot am frühen Nachmittag, trotzdem kommen viele Leute, um uns zu sehen. Nach dem Gig sagt der Veranstalter ganz jovial: »Wow, Julee Run, ich hätte nicht gedacht, dass ihr ein so großes Publikum anzieht!« Im Song »Mr. So And So« machen wir Witze darüber, wie es ist, wenn der Booker den Bandnamen schon wieder falsch schreibt und ähnliche Dinge.

»Ich hasse nicht nur meinen Vater, ich hasse auch Ironie.«

Zwei Autorinnen dieses Magazins hatten mit einem Artikel kürzlich eine Debatte über genau dieses Thema losgetreten: die männlich dominierten Strukturen im ach so liberalen, gleichberechtigten Indie-Business.
Wissen Sie was? Eigentlich habe ich es satt, immer wieder die gleichen Horrorgeschichten vom Sexismus im Musikgeschäft zu erzählen, ob selbst oder von Freundinnen erlebt. Einerseits gibt es inzwischen glücklicherweise mehr Frauenbands, die großen Einfluss auf junge Mädchen haben und dazu führen, dass sich Communities bilden. Man könnte sich also freuen. Aber Sexismus ist immer noch ein so großes Thema. Viele Artikel und Interviews beschäftigen sich mit Erfahrungen, Vorfällen oder unhaltbaren Zuständen, was aber fehlt, sind konkrete Ansagen, was zu tun ist, um die Probleme zu lösen. Man muss die Clubbetreiber, Booker, Veranstalter, alle an Tourneen und Konzerten Beteiligten fragen: Seid ihr Feministen? Oder seid ihr Sexisten, Rassisten, Chauvinisten? Was ist euer Beitrag, damit mehr Frauen auftreten können?

In dieser Ausgabe wird We Were Feminists Once vorgestellt, das neue Buch von Andi Zeisler, der Gründerin des Bitch-Magazins. Darin beschäftigt sie sich unter anderem mit der Frage, ob der Feminismus einen Sell-out erlebt, weil sich Megastars wie Taylor Swift und Beyoncé als Feministinnen bezeichnen. Kennen Sie das Buch?
Ich habe erst begonnen es zu lesen und kann mir noch kein abschließendes Urteil erlauben. Und ich möchte auch nicht über die Beweggründe von Beyoncé und anderen Künstlerinnen urteilen, warum sie den Begriff so prominent verwenden. Aber die Liste von Vergewaltigungen, häuslicher und ehelicher Gewalt und der Unterdrückung von Frauen ist so frustrierend lang, dass man sich nicht einfach einen knalligen Sticker aufkleben und hoffen kann, dass damit schon alles erreicht sei. Andererseits sollte man die Wirkung visueller Reize nicht unterschätzen. Ein Slogan kann sehr kraftvoll sein. Ich glaube an die Kraft der Menschen, Worte mit Bedeutung zu füllen. Letztens habe ich ein Mädchen gesehen, das ein T-Shirt mit der Aufschrift »Girl Power« trug. Klar, das war nur ein billiges Kaufhausshirt, aber in meiner Jugend gab es so etwas gar nicht. Ich erinnere mich dagegen an T-Shirts von Jungs, auf denen stand: »Fuck that bitch!« Sprüche wie »Girls rule« drücken natürlich nicht die Realität aus, sie sind eher Wunschdenken. Und was »Girl Power« angeht, bin ich ein bisschen zynisch: Das war der Titel unseres Bikini-Kill-Fanzines von 1991. Dass ein paar Jahre später die Spice Girls den Slogan weltberühmt machten, spiegelte nicht wirklich das wider, was wir wollten. Aber ich bin in keinem radikalen Haushalt aufgewachsen, meine Mutter war eher im Geheimen Feministin. Meinen ersten Kontakt mit feministischen Themen hatte ich durch Popsongs wie »I Am Woman« von Helen Reddy oder durch die Tennisspielerin Billie Jean King. Deswegen denke ich: Egal, was dich zum Feminismus bringt – es ist okay.

Welcher Song vom neuen Album ist Ihnen am wichtigsten?
(lacht) Das ist aber ein harter Bruch. Ich rede mir die Seele aus dem Leib und … aber richtig, wir sollten über das Album sprechen. Am allerstolzesten bin ich auf »I Decide«: Es geht um Entscheidungen, die man für sich alleine trifft. Nicht um die alltäglichen, ob man nun morgens frühstückt oder sein Kind zur Schule schickt. Sondern um Entscheidungen wie beispielsweise die von mir, dieses Interview zu geben, und um Ihre Entscheidung, ob Sie es später abtippen. Vor allem aber ist »I Decide« eine Hommage an alle Freaks und Weirdos und Künstlerinnen, die mich auf unterschiedliche Weise unterstützt und unter ihre Fittiche genommen haben. G.B. Jones von der Band Fifth Column ist ein gutes Beispiel dafür, wie man als Künstlerin überlebt und glaubwürdig bleibt. Oder die Band Tribe 8, bei deren Shows habe ich die totale Freiheit erlebt, die Eindrücke von damals helfen mir bis heute. Ich habe sogar ein Tribe-8-Tattoo.

Haben Sie noch mehr Band-Tattoos?
Noch ein weiteres, das zufällig entstanden ist. Ich hatte auf dem rechten Oberarm dieses »I Love Daddy«-Tattoo, aber ich hasse nicht nur meinen Vater, ich hasse auch Ironie und entschloss mich irgendwann, das Tattoo durch ein schwarzes Herz überdecken zu lassen. Das musste natürlich ziemlich groß sein, und die Frau, die mir das Herz stach, sagte erst, dass mein Arm zu dünn dafür sei. Nach einer Weile war es trotzdem fertig und sah aus wie das Logo von Joan Jetts Label Blackheart Records. Das gefiel mir, Joan Jett war schon immer eine große Inspiration für mich, nicht nur musikalisch, auch wegen ihrer Haltung: Als sie ihr erstes Soloalbum aufnahm, wollte es keine Plattenfirma haben – also gründete sie selbst eine. Ich würde Joan Jett nicht ausdrücklich als DIY-Pionierin bezeichnen, aber sie ist ein großes Vorbild. Wir sind seit Jahren gut befreundet.

Welche Vorbilder haben Sie noch?
Etta James! Als ich sie zum ersten Mal singen hörte, hätte ich nie, nie, nie gedacht, dass ich das später auch tun würde. Und Lesley Gore. Ich werde immer noch sehr traurig, wenn ich nach ihrem Tod im vergangenen Jahr an sie denke. Sie ist mein größtes Idol, und nachdem ich sie für ein Magazin interviewt hatte, wurden wir enge Freundinnen. Ich erzähle das hier so cool, aber als ich ihr zum ersten Mal auf einer Party vorgestellt wurde, brach ich in Tränen aus, weil ich so nervös und aufgewühlt war. Ihre Hits wie »It’s My Party« oder »You Don’t Own Me« sind sehr bekannt, aber kaum jemand weiß, dass sie auch Songs des Fame-Soundtracks mitkomponiert hat.

Auf Hit Reset sind einige sehr punkige Stücke. Warum ist das noch immer ein attraktiver Stil für Sie?
Ich sehe Punk weniger als musikalische Richtung, sondern vielmehr als einen Geisteszustand – und als Ausdruck von Energie, die vielleicht durch eine bestimmte Musik ausgedrückt wird. Als ich die Melvins zum ersten Mal sah, wusste ich, was Punk ist. Für mich ist aber der Ausdruck der Stimme am wichtigsten. Singen lernte ich übrigens mit der Platte zum Musical Annie. Später mit Bikini Kill wurde meine Art zu singen mit der von Poly Styrene verglichen – ich hatte damals noch nie von ihr gehört. Mir wurde aber bald klar, was die Leute meinten: Poly schrie die Worte laut und deutlich hinaus, so wie ich auch.

Auf den neuen Pressefotos sehen The Julie Ruin sehr elegant aus. Was bedeutet Ihnen Mode?
Früher war ich in punkto Mode sehr skeptisch, heute sehe ich sie als perfekte Schnittstelle von Kunst und Kommerzialisierung. Viele meiner Freundinnen arbeiten in der Modebranche und müssen wie ich davon leben, dass jemand ihre Entwürfe respektive Platten kauft. Kaum jemand kauft Videokunst, Mode dagegen ist eine sehr unmittelbare Form der Kunstproduktion. Um auf die Fotos zurückzukommen: Wir hatten eine wirklich verrückte Session, und ich dachte: »Nein, das ist Mist. So ein eleganter Aufzug passt doch gar nicht zu mir. Andererseits: Ich bin jetzt 47, ich kann so etwas jetzt wirklich tragen!« (lacht)

»Ich habe es satt, immer die gleichen Horrorgeschichten vom Sexismus im Musikgeschäft zu erzählen.«

Ihre Band Le Tigre war aber auch schon sehr stylish. Erinnern Sie sich an Ihre Konzerte in Deutschland Mitte der Nullerjahre mit dem Duo Cobra Killer als Vorband?
Ah, Cobra Killer – ich erinnere mich! Ich fand die Stimmen der beiden super.

Noch berühmter als für ihren Gesang waren sie dafür, sich während der Auftritte mit Rotwein zu übergießen.
Das habe ich nicht gesehen. Ich war wohl damit beschäftigt, mich warmzusingen. Machen die beiden noch Musik?

Hin und wieder. Annika Line Trost von Cobra Killer hat kürzlich ein Buch darüber geschrieben, wie es ist, mit einer riesigen Oberweite »gesegnet« zu sein, wenn alle nur auf den Busen starren, sobald man einen Raum betritt.
Wirklich? Das ist cool. Ich kann gut nachvollziehen, dass man thematisiert, wie der eigene Körper »begutachtet« und kommentiert wird. Als ich wegen meiner Krankheit sehr mager geworden war und mir nichts sehnlicher gewünscht hätte, als ein paar Kilo zuzunehmen, sagten die Leute zu mir: »Oh, du siehst gut aus! Hast du abgenommen?« Schrecklich.

Mir wurde gesagt, dass Sie nicht über Ihre Krankheit, die Lyme-Borreliose, reden möchten. Jetzt bringen Sie sie selbst ins Gespräch. Was hat die Krankheit bei Ihnen verändert?
Es kümmert mich überhaupt nicht mehr, was andere von mir denken. Früher hätte ich mich nicht getraut zu sagen, dass ich meinen Vater hasse, oder über sexuellen Missbrauch zu reden. Personen, die schlimme Erfahrungen gemacht haben, tendieren dazu, sich klein und unsichtbar zu machen, sie versuchen, jede Verbindung zwischen Körper und Geist zu trennen. Aber Menschen wie ich müssen irgendwie damit umgehen, was mit uns passiert ist – wir sind body super fighters. Missbrauch und Gewalt wirken sich nicht nur psychisch aus, sie machen auch den Körper verletzlich und schwach. Meine Krankheit erinnerte mich an eine Menge Dinge, die ich tief in mir eingeschlossen hatte. Es machte mich verrückt, keine Kontrolle über meinen Körper zu haben, zur Behandlung zu müssen, weil ich sonst noch kränker werde und gar nichts mehr tun kann. Aber jetzt geht es mir gut. Ich weiß, dass es okay ist, dass ich auf diesem Planeten bin. Dass es sogar ein ganz schönes Privileg ist, ich zu sein. Und ich habe gelernt, dass ich auf mich aufpassen muss.

SPEX präsentiert The Julie Ruin live
26.11. Köln – Week-End Festival
27.11. Berlin – Columbia Theater

Dieses Interview ist in der Printausgabe SPEX No. 369 erschienen. Das Heft kann im Onlineshop versandkostenfrei bestellt werden.

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