„Die Frage, wer wir sind” – Kathleen Collins’ Tochter Nina Lorez Collins im Interview

Nina und ihr Bruder Emilio. Foto: Douglas Collins

 

Was glauben Sie, für wen hat sie die Kurzgeschichten geschrieben?
Ich glaube, sie hat sie für sich selbst geschrieben. Ihre Texte handeln von weiblichen Erfahrungen. Es geht um Rassenunterschiede, aber so wie ich es sehe, ist das Thema eher sekundär. Eins ihrer besten Drehbücher heißt The Brother, darin geht es um ihren eigenen Vater. Er hatte drei Brüder und eine Schwester. Die Familie wuchs im Süden von New Jersey auf. Vordergründig geht es um den Vater und die vier Brüder, eigentlich aber um die Frauen, die mit diesen Männern zusammenleben. Ich denke, alle ihre Arbeiten behandeln die Gedanken und Gefühle von Frauen. Sie war sehr beschäftigt mit ihrem eigenen Innenleben, und das interessiert wiederum mich.

Diese Traurigkeit, von der Sie vorhin sprachen, schlägt sich in fast allen Geschichten in einem melancholischen Tonfall nieder. Psychische Erkrankungen sind ein wiederkehrendes Thema. Hatte Kathleen selbst mit Depressionen zu kämpfen?
Mit Sicherheit. Wenn es zu ihrer Zeit schon Prozac gegeben hätte, wäre ihr Leben bestimmt anders verlaufen. Sie war nicht schrecklich depressiv, ich kann mich an keinen Moment erinnern, an dem sie nicht handlungsfähig war. Aber sie war voller Wut und Traurigkeit.

In einem Blurb zum Buch heißt es, Kathleen sei ihrer Zeit voraus gewesen. Glauben Sie, sie hätte mit ihren Geschichten Erfolg gehabt, wenn sie sie zu Lebzeiten hätte veröffentlichen können?
Ich glaube nicht. Es ist wahrscheinlich wie bei einigen bildenden Künstlern, die erst nach ihrem Tod berühmt werden. Ich finde das irgendwie faszinierend.

Welche Rolle spielen ihre Geschichten für die Gegenwart? Insbesondere für junge Afroamerikanerinnen?
Einer der Hauptgründe, warum ich Losing Ground remastern ließ, ist, weil niemand von dem Film wusste, er niemanden interessierte. Terri Francis, eine junge Professorin und Filmwissenschaftlerin, rief mich eines Tages an. Sie erzählte, dass sie auf der Suche nach einer besseren Kopie von Losing Ground sei, um sie in ihren Seminaren vorzuführen. „Wenn ich meinen jungen Studentinnen den Film zeige, weinen sie. Es gibt nichts annähernd Vergleichbares, wenn es um Repräsentation in den Medien geht.“ Mich hat das sehr bewegt und ich beschloss, den Film remastern zu lassen. Die Ehrlichkeit und Direktheit der Stories gibt Leserinnen hoffentlich eine Perspektive und Hoffnung. Es ist empowernd für schwarze Frauen, wahrscheinlich auch für weiße Frauen. Ihr Werk gibt unterschiedlichen Menschen Unterschiedliches. Aber besonders für junge women of color sind ihre Geschichten ein Geschenk.

Und sie fühlen sich extrem zeitgenössisch an. Nicht nur in politischer Hinsicht, sondern auch durch Aspekte wie self care, die zum Beispiel die Protagonistin in der Story „Innen“ nach der Trennung von ihrem Ehemann praktiziert.
Das stimmt. Ein Bild, das ich aus dem Buch immer im Kopf habe, stammt aus genau dieser Geschichte. Meine Eltern trennten sich, als meine Mutter mit mir schwanger war. Meine Mom zog in eine Wohnung in Brooklyn Heights und machte oft lange Spaziergänge alleine über die Brooklyn Bridge. So wie die Erzählerin in dieser Geschichte. Die Vorstellung, dass Depressionen und die Fürsorge für sich selbst etwas Äußeres finden, zum Beispiel in Form der Collagen, die die Protagonistin anfertigt, oder als sie einen Fremden anspricht, um mit ihm zu schlafen, finde ich sehr stark und eindrucksvoll.

„Besonders für junge women of color sind ihre Geschichten ein Geschenk.”

In den Geschichten verwendet Kathleen sowohl die Bezeichnungen „colored“ und „negro“ als auch „black“. Können Sie erklären, welche unterschiedlichen Bedeutungen die Begriffe für Ihre Mutter hatten?
Ich kann es versuchen. Als ich aufwuchs, haben wir immer das Wort „black“ benutzt. Ich verwende es bis heute am liebsten, aber das ist wahrscheinlich eine Generationenfrage. Ich wurde 1969 geboren, heute sagen viele „african-american“. Meine Mutter wurde 1942 geboren, „negro“ und „colored“ waren also die Begriffe ihrer Kindheit. Ich glaube, dass das die Labels waren, mit denen sich Schwarze damals wohlfühlten.
Zu Hause hat sie nie über das Thema gesprochen. Mein Bruder und ich sind half black, das war uns natürlich immer bewusst, aber es gab keine Konflikte deswegen. Ich wurde von ihr erzogen und nicht von meinem Vater, was bedeutete, dass ich mich eher als Schwarze denn als Weiße identifizierte. Ich habe nur eine Erinnerung aus meiner Kindheit, als das Thema mal auf den Tisch kam: Ich war ungefähr acht und mit meiner Mutter im Auto unterwegs. Sie war eine ziemlich aggressive Autofahrerin und fuhr immer französische Autos mit Schaltgetriebe. Wir kamen gerade vom Einkaufen, und irgendwas muss da mit einem anderen Autofahrer gewesen sein, einem junger Kerl in einem blauen Auto. Er beschimpfte sie als „Nigger“, und sie begann zu weinen. Ich wusste überhaupt nicht, was los war. Später erklärte sie mir, dass das ein schlimmes Wort für schwarze Menschen sei. Aber davon abgesehen war das Thema nie präsent. Ich habe mich nie benachteiligt gefühlt wegen meiner Hautfarbe.

Hat sie nie über ihre Zeit als Aktivistin in der Bürgerrechtsbewegung gesprochen?
Das ist ein interessanter Widerspruch, für den ich noch immer keine Auflösung gefunden habe. Sie wuchs in Jersey City auf, ihr Vater war Schuldirektor, der früher ein Bestattungsunternehmen betrieben hat. Sie ging zum studieren ans Skidmore College, eine sehr angesehene Uni im Bundesstaat New York. Dort wurde sie zur Aktivistin, schrieb erst für die Studierendenzeitung The Skidmore News über Politik und schloss sich dann der Bürgerrechtsbewegungsorganisation SNCC an, fuhr in die Südstaaten und schrieb Reden für Martin Luther King. In ihren frühen Zwanzigern war sie sehr aktiv. Dann wurde sie Künstlerin und bekam mich und meinen Bruder Emilio. Und ab da sprach sie nicht mehr über Politik. Sie war zwischenzeitlich so politikverdrossen, dass ich sie sogar überreden musste, zur Wahl zu gehen. Ich weiß nicht, wie das passiert ist und was diese Veränderung ausgelöst hat.

Geschrieben hat sie aber weiter. Insgesamt hat Kathleen über 20 Kurzgeschichten, unzählige Drehbücher, Tagebücher und einen unvollendeten Roman hinterlassen. Was passiert mit den bisher unveröffentlichten Texten?
Als ich die Stories für Interracial Love ausgesucht habe, habe ich ein paar weggelassen. Eine habe ich erst später gefunden, sie heißt „Scapegoat Child“, die hätte ich gerne noch in die Sammlung aufgenommen. Meine Mutter hatte eine Schwester, die an Epilepsie leidet, und die Geschichte handelt von ihrem Alltag mit der älteren, kranken Schwester. Sie ist ziemlich düster. Es gibt drei andere Stories, die ich nicht integriert habe. Alle Geschichten wurden mit der Schreibmaschine geschrieben und mit handschriftlichen Anmerkungen am Rand versehen. Bei den dreien waren das so viele Anmerkungen und Änderungen, dass es mir damals einfach zu viel wurde. Für das neue Buch habe ich mich aber noch einmal darangesetzt. Es enthält auch einen Auszug ihres Romans, an dem sie jahrelang geschrieben hat, außerdem ein paar Drehbücher und einige Briefe. In seiner eigentlichen Form ist der Roman mit seinen über 700 Seiten leider ungeeignet, deshalb haben wir uns für einen Auszug entschieden. Das Buch trägt den Titel Notes from a black woman’s diary, weil es auch einen etwa 20-seitigen nichtfiktionalen Text enthält. Nicht direkt ein Tagebucheintrag, sondern etwas, das sie geschrieben hat mit der Absicht, es zu veröffentlichen, wie ein Memoir.

Gibt es Pläne, die Kurzgeschichten noch in andere Sprachen übersetzen zu lassen?

Außer der deutschen Veröffentlichung ist bisher nichts zustande gekommen. Ich war etwas überrascht, dass es in zum Beispiel Frankreich bisher nicht geklappt hat. Ob das daran liegt, dass sie tot ist, oder schwarz, kann ich nicht sagen. Denn die Stories sind einfach wundervoll, finde ich.

 

 

 

 

 

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