„Die Frage, wer wir sind” – Kathleen Collins’ Tochter Nina Lorez Collins im Interview

Fast drei Jahrzehnte lang lagen die Kurzgeschichten der afroamerikanischen Filmemacherin und Autorin Kathleen Collins in einem Koffer, bevor ihre Tochter sie entdeckte. 2016 posthum in den USA veröffentlicht, trifft Whatever Happened To Interracial Love? noch immer einen Nerv. Jetzt erscheint der Kurzgeschichtenband unter dem Titel Nur einmal in deutscher Übersetzung. Im Interview spricht Collins’ Tochter Nina Lorez Collins darüber, wie sie in den Erzählungen über die Komplexität von Beziehungen im Zeichen von race, class und gender vor allem Antworten auf Fragen ihrer eigenen Biografie fand. 

Nina Lorez Collins, Whatever happened to interracial love? erschien vor fast zwei Jahren in den USA und kommt jetzt in der deutschen Übersetzung heraus. Wie ist es, wieder Interviews zu dem Buch Ihrer Mutter zu geben?

Es ist toll, ich liebe die Kurzgeschichten sehr, und im Februar kommt schon ein neues Buch heraus. Ich arbeite inzwischen konstant mit dem Werk meiner Mutter, nicht jeden Tag rund um die Uhr, aber ich freue mich immer, darüber zu sprechen.

In der deutschen Übersetzung heißt das Buch Nur einmal nach der Kurzgeschichte „Only once“. Wissen Sie, warum man einen anderen Titel wählte?
Ursprünglich sollte die Sammlung Losing Ground heißen. Als meine Mutter die Geschichten in den Siebzigern schrieb, hat sie die Sammlung so genannt. Dann hat sie sie in eine Schublade gelegt und sich anderen Dingen gewidmet, unter anderem ihrem Film, den sie dann Losing Ground nannte. Als ich versuchte, die Geschichten zu verkaufen, konnte ich den Namen deshalb nicht mehr benutzen. Ich habe auch überlegt, den Band Only once zu nennen. Die Übersetzung von Whatever happened to interracial love? klingt wahrscheinlich nicht so gut.

Im deutschen Buch heißt die Story „Was ist nur aus der Liebe zwischen den Rassen geworden?”
(lacht) Kein guter Buchtitel!

Würden Sie denn sagen, dass „Whatever happened…“ die wichtigste oder zentrale Kurzgeschichte der Sammlung ist?

Ich glaube, es ist der aktuellste Titel. Und wahrscheinlich der sexieste. Meine Agentin und ich haben ihn ausgesucht und ich finde ihn sehr passend. Er ergibt aus vielen Gründen Sinn, auch weil die gleichnamige Geschichte die längste im Buch ist. Aber ob sie die beste Geschichte ist, weiß ich nicht. Mein Favorit ist „Der Onkel”, und ich liebe „Tote Erinnerungen … tote Träume”.

„Ein zentrales Thema der Geschichten beschäftigt eigentlich alle Frauen: Die konstante Frage, wer wir sind, im Vergleich und in Abgrenzung zu unseren Müttern.“

Als Sie nach dem Tod Ihrer Mutter ihre Manuskripte fanden, haben Sie sie lange nicht angerührt, weil es zu schmerzhaft für Sie war.
Ich war 19, als sie starb. Die Situation war ziemlich chaotisch. Neun Monate vor ihrem Tod hatte sie meinen Stiefvater geheiratet, mit dem ich nicht gut zurecht kam. Ich hatte das Gefühl, kein Zuhause mehr zu haben. Also sammelte ich alle Manuskripte zusammen, packte sie in einen Koffer und zog weg. Es waren unzählige Dokumente und ich konnte sie lange nicht anschauen – ich erkannte ihre Stimme darin, es brachte mich immer wieder zum Weinen. Ich begann meine Karriere in der Verlagswelt, heiratete, bekam Kinder und warf immer mal wieder einen Blick in die Tasche, nur um festzustellen, dass es mich zu sehr schmerzte. Als ich Ende dreißig war, begann meine Ehe auseinanderzufallen und ich hatte eine schwere Zeit. Da wurde mir klar: Ich muss mich mit dem Leben meiner Mutter auseinandersetzen, um mein eigenes zu verstehen. Dann begann ich, ihre Manuskripte zu lesen. Ich wusste von den Drehbüchern, weil sie die meisten geschrieben hat, als ich schon auf der Welt war. Von der Existenz der Kurzgeschichten hatte ich aber keine Ahnung, die hat sie geschrieben, als ich noch nicht geboren oder sehr jung war. Sie wurden schnell zu meinem Lieblingsteil ihres Werks. Für mich stecken sie voller autobiografischer Bezüge, sie bilden das Innenleben meiner Mutter in ihren Zwanzigern so gut ab. Die Entdeckung war unbezahlbar für mich. Aber ich hätte nie gedacht, dass irgendjemand sie je veröffentlichen würde – die Kurzgeschichten einer toten, unbekannten schwarzen Autorin. Vor 2007 oder 2008 habe ich also überhaupt keinen Gedanken daran verschwendet, sie einem Verlag zu zeigen. Erst als ihr Film Losing Ground erfolgreich wurde, kam mir die Idee, sie zu verkaufen.

Wie ging es dann weiter?

Mit einer meiner ältesten Freundinnen und späteren Agentin Heather Schroeder sprach ich darüber, dass ich die Kurzgeschichten veröffentlichen möchte. Ich editierte die Stories und legte die Reihenfolge und einen Titel fest, und dann verkauften wir sie für einen kleinen Betrag an Ecco. Ich war so begeistert, dass sie endlich veröffentlicht werden würden. Die Verkäufe liefen gut, und ich hoffe, dass sie inzwischen zum Kanon afroamerikanischer Autorinnen gehört.

Was ist die lebhafteste Erinnerung an Ihre Mutter?
Wenn Leute mich das fragen, denke ich meistens an sie in ihrem Schlafzimmer. Ich wuchs in einem Haus am Hudson auf, in Piermont, einer Stadt etwa 40 Meilen von New York entfernt. Meine Mutter hatte ihr Schlafzimmer im zweiten Stock. Es gab vier große Fenster, von denen zwei zum Fluss zeigten und zwei nach vorne auf den großen Weidenbaum im Vorgarten. Im Zimmer standen ein Bett, ein altarhaftes Bücherregal und ihre IBM-Schreibmaschine, und sie verbrachte eine Menge Zeit dort. Wenn ich an sie denke, dann stelle ich mir immer vor, wie ich mit ihr zusammen in diesem Zimmer war.

Hat das Lesen der Geschichten Ihnen Ihre Mutter näher gebracht? Oder anders gefragt: Können Sie sich mit den Protagonist_innen aus Whatever happened to interracial love? identifizieren?
Ja und nein. Die meisten ihrer Geschichten sind ein direktes Resultat ihrer Kindheit mit einem strengen Vater. Ich habe das Gefühl, dass sie ein ziemlich gewöhnliches Kind war in einer ziemlich geradlinigen, strengen Familie. Den Teil kann ich nicht nachempfinden, denn meine Kindheit war quasi das Gegenteil. Ich wuchs mit einer exzentrischen Mutter auf, die überhaupt keine konservativen Werte vertrat. Sie hatte mit einer Menge Traurigkeit zu kämpfen. Ihre Mutter starb, als sie ein Baby war, und ihr Leben war von diesem Verlust gezeichnet. Hier wiederum kann ich mich identifizieren, denn auch mein Leben war in vielen Belangen definiert von ihrem Tod, auch wenn der Verlust in meinem Leben später passierte. Eine weitere Gemeinsamkeit: Wir beide haben schlechte oder zumindest komplizierte Erfahrungen mit Männern gemacht. Ich glaube, ein zentrales Thema der Geschichten beschäftigt eigentlich alle Frauen: Die konstante Frage, wer wir sind, im Vergleich und in Abgrenzung zu unseren Müttern.

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