Kate NV „ДЛЯ FOR“ / Review

Kate NV entwickelt eine Ästhetik der Durchlässigkeit: Die zehn Stücke sind aus einzelnen Klängen zusammengesetzt, eine Grooves, kaum Vocals, mit ihren zarten Xylophonen und Bläsern klingen sie fast impressionistisch.

Im Winter entstehen zwischen den alten Eisenbahnschienen in Russland kurze Lücken, das Metall zieht sich in der Kälte zusammen. So entsteht ein rhythmischer Schlag. Das klinge wie ein endloser Technotrack, findet Kate Shilonosova alias Kate NV. Diese Sensibilität für die Poesie der Klänge, die uns alle umgeben, zieht sich durch die Musik der jungen Moskowiterin. In Russland ist Shilonosova als Sängerin der Indieband Glintshake bekannt, mit deren Neunziger-lastigem Indierock ihr Soloprojekt jedoch kaum etwas zu tun hat.

Ihr Debüt Binasu orientierte sich 2016 am japanischen City-Pop der Achtziger. Dieser Sound verarbeitet augenzwinkernd niedrigschwellligen Disco, Easy-Listening-Funk und album oriented rock. Auf ihrem neuen Album ДЛЯ FOR geht es nun nicht mehr um Popmusik. Die zehn Stücke sind aus einzelnen Klängen zusammengesetzt, es gibt keine Grooves, kaum Vocals, mit ihren zarten Xylophonen und Bläsern klingen sie fast impressionistisch. Kate NV entwickelt darin eine Ästhetik der Durchlässigkeit, die Tracks erinnern an die Architektur der Hochmoderne, an die Skulpturen von Sol LeWitt oder die Mobiles von Alexander Calder. Musikalisch ist der Minimalist Steve Reich mit seinem analytischen, aber dennoch emotionalen Ansatz wichtig. Die Gegenwart schreibt sich stellenweise jedoch durch subtil eingesetztes Auto-Tune ein.

The cyborgs are not alt-right, they are alright.

Der Sündenfall der elektronischen Musik der letzten zehn Jahre liegt darin, dass die Fremdartigkeit synthetischer Klänge immer seltener zugelassen wird. Stattdessen ahmt sie die Formen und Strukturen der Popmusik nach. Das sorgte für eine nie dagewesene Akzeptanz – nahm ihr aber auch den Biss. Eine junge Generation oftmals weiblicher und/oder queerer Musikerinnen findet jedoch seit ein paar Jahren die elektronische Musik als radikalen Freiraum wieder, in den sich die eigene Nichtkonformität spiegeln lässt. Diese Generation knüpft nicht mehr an die auf Koks und Karriere fixierten DJs des globalen Clubbetriebs an, sondern an die Pionierinnen der elektronischen Avantgarde aus dem 20. Jahrhundert. Wie einst John Cage haben Kate NV die flüchtigen Klänge in und außerhalb ihrer Wohnung inspiriert, in der sie das Album aufgenommen hat, erklärt sie. Das habe sich angefühlt, als hätte nicht sie die Stücke komponiert, sondern der Stuhl auf dem sie saß.

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