Kate Bush 50 Words for Snow

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Die wenigen Besonderheiten des Intimlebens, zu denen der deutsche Sachbuchmarkt keinen Ratgeber bereithält, sind entweder verboten oder auf Kate Bush-Platten zu finden. Ihre Karriere begann mit einer Vertonung von Wuthering Heights, der Geschichte von der Liebe zu einem Geist. Auf ihrem neuen, zehnten Album 50 Words for Snow besingt die Diva der exaltierten Tonlagen, deren spezielles Timbre auch nach fast zehn Jahren verschärften Stimmtrainings im Castingfernsehen noch von niemandem erreicht werden konnte, nun in dem 13-minütigen Stück Misty die Liebe zu einem Schneemann. Die ist – fast hatte man es geahnt – ein wenig kalt und auch nass. Dazu erklingt plätschernder Barjazz im Stil einer domestizierten Charles Mingus-Platte. Nur Bushs Stimme wirkt dabei, wie auf beinahe der gesamten Platte, erstaunlich mittig – die hatte sie wohl, Verzeihung für den Scherz auf Kosten einer großen Künstlerin, nicht richtig aufgewärmt.

    Das Titelstück wird gar von einer Männerstimme dominiert: Es ist Stephen Fry, der befeuert von der Sängerin selbst (»Come on, Joe, let me hear your 50 words for snow!«) in der Rolle eines, so steht es im Textblatt, »Professor Joseph Yubik«, exakt 50 zum größten Teil erfundene Wörter für Schnee aufzählt. Darunter die Nummern zehn »Santanyeroofdikov«, 33 »Zhivagodamarbletash«, 41 »Crème-bouffant« und, etwas enttäuschend, zuletzt das fünfzigste: »Snow«. Im Ganzen ein grandios exzentrischer Witz, der an Smartness und Sophistication vielleicht sogar den gesamten Rest der weltweiten Kulturproduktion 2011 in den Schatten stellen könnte – musikalisch bleibt er aber unergiebig. Man hört pastös wabernde Hintergrundmusik, wie man sie sonst nur auf den ganz prätentiösen Bryan Ferry-Platten der neunziger Jahre oder bei den zu Recht ins Abseits geratenen Cajun-Schmirglern Ry Cooder und Robbie Robertson findet.

   In Snowed in at Wheeler Street ist Elton John zu Gast. Und schon ertönt zu gediegenen Pianoakkorden sein wohltönender, altbekannter Mezzobass – da erst erinnert sich der Hörer: Es hätte alles viel schlimmer kommen können. Die insgesamt sieben Titel von 50 Words for Snow mögen sich über weite Strecken belanglos anhören. Und ganz sicher kommt diese Platte nicht an Kate Bushs frühere Großtaten wie Never for Ever oder The Dreaming heran. Als wunderliches Alterswerk, bei dem Bush die Gefahren des Scheiterns und der Lächerlichkeit mit stoischer Würde in Kauf nimmt, ist 50 Words for Snow allemal weit entfernt von der Rückwärtsgewandtheit oder bloßen Routine so vieler Künstler ihrer Generation.

Kate Bush 50 Words for Snow Noble & Brite / EMI — 18.11.11

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