Karin Park Apocalypse Pop

Ausprobieren ist cool: Karin Parks fünftes Album Apocalypse Pop klingt völlig anders als das davor als das davor.

Mangelnde Experimentierfreude kann man Karin Park nicht vorwerfen. Das fünfte Album der schwedischen Musikerin klingt ganz anders als das davor als das davor als das davor. Wenn es, abgesehen von Parks prägnanter Näselstimme, eine Klammer von ihrem ersten, süßpoppigen Singer-Songwriteralbum Superworldunknown (2003) über das Industrial-inspirierte Highwire Poetry (2012) bis zum aktuellen geben sollte, könnte diese heißen: Synthiesounds mit möglichst vielen Variablen. Es liegt nahe, die mantraartig wiederholte Zeile »Never gonna be the same« aus dem Song »Walls Are Gonna Fall« als Programm der Platte oder gleich von Parks Gesamtwerk zu sehen und ihr schlicht Lust an Veränderung zu attestieren (die sie in ihrem Nebenjob als Model zusätzlich auslebt, aber vielleicht ist das ein übergriffiger Gedanke).

Immer wieder Neues ausprobieren ist cool. Nicht ganz so cool ist Parks seit einiger Zeit stark betonte Neigung zu allem Dunklen, Mysteriösen und Bösen. Häufig liest man, sie bewohne eine gruselige alte Kirche in der schwedischen Einöde und höre dort ständig Laibach und Nurse With Wound: eine Imagekorrektur vom netten Folkie zu The Knifes Schwester im Geiste also. Der Titel des neuen Albums, Apocalypse Pop, lässt auf Humor der Güteklasse Turbonegro schließen, Park meint ihn aber buchstäblich todernst. Ein Krankheitsfall in ihrem engsten Umfeld machte ihr klar, dass das Leben endlich ist und deshalb besonders zelebriert werden muss. Diese unauflösbare Dualität aus erdrückender Schwere und befreiender Banalität spiegelt sich – nicht ohne Kitsch – im Song »Life Is Just A Dream«, der bombastisch und frühlingsleicht zugleich ist. Die Morbidität von Highwire Poetry schimmert in Apocalypse Pop hin und wieder durch, wird aber von fetten Arrangements und Ausflügen in den Club vertrieben. »Stick To The Lie« könnte ein Stück von Erasure sein: Vierviertelbeats und – zack! – ein Peitschenknall von hinten links, schon nimmt das Disco-Drama seinen Lauf. Allerdings nicht so glamourös wie bei Andy Bell und Vince Clarke, sondern in Form einer neogotischen Hymne (erstaunlich, wie hartnäckig sich dieser Style hält). Der räudige Rocksong »Look What You’ve Done« ist neben »Hurricane« mit wabernden Blechklängen zum Klavier der beste Track; das wütend gegen Politiker (Putin?) stampfende »Hard Liquor Man« ein bisschen zu offensichtlich, aber letztlich tanzt und singt man doch mit.

Was klar wird mit diesem Album: Karin Park weiß nicht so recht, wo es langgehen soll, schreibt auf dem Weg dorthin aber ein paar gute Songs (und einige nicht so gute). Und sie hat einen Hang zum lyrischen Gemeinplatz. In einem Stück die begehrte Person als Droge zu besingen (»Opium«) und im nächsten sonnige Expressheilung anzubieten (»Let my love shine / Into the darkness of your life«) wirkt wie aus dem ewig gültigen Textbaukasten des Pop zusammengestoppelt. Sicher ist auch: Bis zur nächsten Neuerfindung ihrer selbst dreht sich in Parks Kirchengemäuer die Discokugel.

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